1.03. Spießrutenlauf

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Mit diesem unangenehmen Typ ist nicht gut Kirschen essen. Das ist nun mehr als klar. Aber wenn ich nun denke, dass der schwitzende Bulle in seinen schäbigen Zivilklamotten mit mir fertig wäre, dann habe ich mich aber gewaltig geschnitten. Und auch die Medienleute haben noch lange nicht genug. Nein, der Spaß - die wahre Action - soll erst noch folgen.

Ich bestätige, dass der Inhalt des blauen Adidas Rucksacks mein Eigentum ist. Auch werde ich und mein Portemonnaie nochmals gefilzt. Das Portemonnaie wird mir zurück in die rechte vordere Hosentasche gesteckt.

Verzweifelt versuche ich noch einmal die Situation zu klären. Es sprudelt aus mir heraus: "Die Eltern der Kinder sind meine Freunde aus dem Dorf. Wir schlafen doch nur im Hotel, wegen der vielen Baustellen zwischen den Städten und der daraus resultierenden längeren Reisezeit. Das ist doch viel zu gefährlich, mitten in der Nacht nach Sendong City zurückzukehren. So spät ist es auch fast unmöglich, eine Motorela vom Bus Terminal zurück ins abgelegene Dorf zu finden. In Sendong City ist in der Nacht und in der gesamten Stadt oft Stromausfall. Dann die Kriminalität am Bus Terminal und in der Stadt."

Ich stottere atemlos die Argumente herunter und denke gleichzeitig: 'Ich rede mich um Kopf und Kragen.' Aber ich kann nicht anders. Das muss jetzt gesagt werden, weil ich mich wehren muss und rechtfertigen will. Dann gäbe es da noch einige weitere Gründe, die das Schlafen im Hotel erklären würden.

Mein viel zu schnelles Englisch mit deutschem Akzent, verstehen die Filipinos wohl kaum, denn während meiner Rede blicken mich einige fragend, andere grinsend und weitere mit erstauntem Gesichtsausdruck an. Das Grinsen verunsichert mich und lässt mich wütend werden: 'Meine Lage ist ernst. Ich habe Handschellen an. Was - verdammt nochmal - gibt es da zu grinsen? Was, bitteschön, was?' Der Zorn bricht nicht heraus. Ich bleibe still. In dieser Ausnahmesituation kommt es mir auch nicht in den Sinn, dass Asiaten ihre wahren Emotionen gerne hinter einem stehenden Lächeln verbergen.

Die attraktive Polizistin (ihr schwarzes Namensschild verrät, sie heißt "Papillio") gibt mit ernster Miene und abwehrenden Händen die Zeichen, still zu sein. Nachdem ich das ignoriere, unterbricht sie meinen Wortschwall: "Please Sir, be quiet! (Bitte, Sir, seien Sie still!)" Auf ihrer Stirn zeigen sich Sorgenfalten. Sie redet im Befehlston.

"Okay, okay!", ist meine viel zu überhastete Reaktion. Es klingt zu entschuldigend, zu unterwürfig.

Der Trubel und das Chaos im Raum gehen ununterbrochen weiter. Aber niemand denkt auch nur daran, die Kinder zu wecken. Dem Dicken mit der Automatik wird es jetzt wohl zu turbulent. Es folgt ein kurzer Blickkontakt mit der Polizistin und der Abtransport beginnt.

Unvermittelt greift der Dicke meine Hände, die mit Handschellen auf dem Rücken gefesselt sind. Er schiebt mich vor sich her aus dem Raum. Ein Teil der Leute folgen und natürlich die sensationsgeile Kamera.

Die Frau, der ich geöffnet habe, atmet nun bedeutend ruhiger. Sie bleibt mit vielen anderen im Raum. Ich blicke kurz in ihr Gesicht. Sie lächelt zufrieden und fixiert unentwegt die Kinder. Ab und an macht sie mit dem Handy Fotos. Mein Blick streift die drei nebeneinander stehenden Betten, mit den immer noch tief und fest schlafenden Kinder.

'Auf Wiedersehen Kinder. Was wird nun werden?', denke ich traurig ohne auch nur ein Wort zu verlieren.

Der Bulle schiebt, drängt (die Kamera nimmt alles gierig auf), schnauft und schwitzt und drückt plötzlich meine Arme nach oben, bis es in den Schultergelenken knackt und schmerzt. Ich stöhne und verziehe schmerzerfüllt das Gesicht. Dann klatscht er seine schweißnasse linke Pranke in meinen Nacken und drückt den Kopf nach unten. Das Nackenklatschen wäre eigentlich nicht nötig gewesen, denn schon durch das Hochziehen der Arme und dem darauf folgenden stechenden Schmerz in den Schultern krümme ich mich nach vorne. Da ich noch niemals zuvor in meinem Leben verhaftet worden bin und auch noch niemals den Genuss erleben durfte, Handschellen zu tragen, bin ich mir nicht sicher, ob dies der spezielle philippinische Polizeigriff ist. Auf jeden Fall sind wir, der kleine stolze Polizist und der gebeugte deutsche Hühne, absolut medientauglich.

REISE INS VERDERBEN - by NOKBEW™Wo Geschichten leben. Entdecke jetzt