Unschuld - Teil 5

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 Das Haus war noch völlig still, als sich Tarn durch die Eingangstür schob. Außerdem war es ungewöhnlich warm in dem winzigen Vorraum, der nur durch eine halb offen stehende Tür von der Werkstatt getrennt war. Vielleicht wegen dem strahlenden Sonnenschein, der durch die Fenster im Untergeschoss schien und einen Streifen Licht auf Tarn und den ersten Absatz der Treppe nach oben warf. Staub tanzte darin, wie winzige Glühwürmchen; das Haus wirkte dadurch zum ersten Mal einladend.
Doch Tarn hatte keine Zeit, sich darüber zu freuen. Nachdem er sich den Schnee von der Kleidung gefegt hatte, stieg er leise die Treppe hinauf ins Obergeschoss; das war so düster und kühl wie eh und je.

Madame Rabourdin regte sich zum Glück nicht, als Tarn an ihrer Tür vorbei schlich, zu seinem Zimmer. Das entpuppte sich allerdings als leer; Dion war nicht da. Immerhin war ihr dürftiges Lager noch zerwühlt. Das bedeutete, er hatte hier geschlafen, statt die ganze Nacht nach Tarn zu suchen. Hoffentlich war er nach dem Aufstehen einfach zur Arbeit gegangen. Von dort würde Tarn ihn abholen können, damit sie die Stadt verlassen konnten. Aber vorher musste Tarn packen.

Zuerst legte er seine nasse Kleidung ab und borgte sich etwas Getragenes und ziemlich abgerissenes von Dion. Die Sachen schlotterten ihm am Leib, aber sie waren auch wohltuend warm und trocken. Leider waren sie davon abgesehen auch voll mit Katzenhaaren, die Tarn mühselig herunter fegen musste. Er spähte in die Ecken des Zimmers, aber der räudige Flohteppich war nirgendwo zu sehen, sodass er ihn nicht einmal ausschimpfen konnte. Wahrscheinlich auf Mäusejagd. Wohl besser so, denn sie hätten das Fellknäuel sowieso nicht mitnehmen können. Der Gedanke weckte etwas Wehmut in Tarn.
Widerwillig begann er, das Wenige, was er und Dion über die Zeit zusammen getragen hatten, durchzusehen, Kleidung, einige wenige Gebrauchsgegenstände. Nur dass er beim besten Willen nicht sagen konnte, wo hinein er die ganzen Sachen stopfen sollte.

Auf der Suche nach einem Beutel oder irgendetwas anderem, das ihm helfen würde, ihre Habseligkeiten weg zu bringen, trottete er wieder Richtung Werkstatt, und vergaß natürlich, leise aufzutreten. Gleich darauf hörte er Madame Rabourdins Schritte und das schwere Aufschlagen ihres Stockes, bevor sie die Tür öffnete und hinaus spähte. Tarn machte sich auf die üblichen mürrischen Fragen und scharfen Tadel gefasst, doch stattdessen stieß sie die Tür vollends auf und stellte sich ihm in den Weg.
Irgendetwas an ihr war anders als sonst, stellte Tarn fest, auch wenn er zuerst nicht den Finger darauf legen konnte. Dann fiel ihm auf, dass sie heute nicht ihre übliche, staubig braune Kleidung trug und ihr Haar sorgfältiger als sonst frisiert war. Heraus geputzt und bösartig gut gelaunt schien sie, und ihre hellen Augen funkelten triumphierend, als sie zischte: „Da bist du! Jetzt haben wir dich!"

„Was?", fragte Tarn perplex. War das ein Scherz? Nein, die alte Schachtel hatte keinen Funken Humor. Mit einem Schlag fühlte er sich unbehaglich, und sein Herz begann zu rasen. Was hatte sie angerichtet, während er weg gewesen war?
„Ich wusste doch, dass ihr zwei nichts Gutes im Schilde führt", trumpfte sie auf, „Und jetzt sind sie gekommen, um euch zu holen! Dich und deinen Kumpan!"
Dion.
Tarns Verstand setzte aus. Er schnellte vor und packte sie grob an den dürren Schultern; nur mühsam widerstand er dem Drang, sie durch zu schütteln. „Wo ist er?! Was hast du getan?!"
Falls er gedacht hatte, die Alte würde Angst vor ihm bekommen, hatte er sich geirrt. Irgendetwas musste sie sehr selbstsicher gemacht haben; ihr eisiger Blick hielt seinem stand. „Geh nach unten. Sieh selbst", sagte sie. „Und jetzt nimm deine Griffel von mir!" Damit schlug sie seine Hände grob mit dem Stock weg. Eine Sekunde starrten sie sich nur an, einer so feindselig wie der andere, und Tarn überlegte, ob er ihr einfach nur den Hals umdrehen sollte, diesem hässlichen, alten, giftigen Weib. Aber was hätte ihm das genutzt?
Also ließ er sie stehen und hastete an ihr vorbei zurück zur Treppe.

Wie hatten sie ihn so schnell gefunden? Waren sie schon hier gewesen, bevor sie ihn im Gasthaus überfallen hatten? Tarns Gedanken rasten, während er die Treppe hinunter stürmte. Es war tatsächlich wärmer dort, schoss ihm durch den Kopf, und heller. Als hätte jemand ein Feuer in der verlassenen Werkstatt entzündet und die Fensterläden geöffnet. Wie hatte er das ignorieren können? Er hätte im ersten Moment merken müssen, dass etwas nicht stimmte.

Ohne zu überlegen oder inne zu halten stieß er die Werkstatttür auf, stürmte hindurch, und erfasste gerade noch Dion, der geknebelt und an einen Stuhl gefesselt mitten im Raum saß. Seine Augen waren weit aufgerissen, und Tarn war sich in diesem Sekundenbruchteil sicher, dass er ihm etwas sagen wollte. Dann hieb irgendetwas mit solcher Wucht gegen Tarns Schläfe, dass er Sterne sah. Schmerz explodierte in seinem Kopf, er taumelte, wurde gepackt, sah in das Gesicht eines Fremden, aber alles verschwamm vor seinen Augen, wurde dunkler und schemenhafter. Er kämpfte gegen die nahe Ohnmacht, versuchte seinen Gleichgewichtssinn wieder zu finden, aber er war nicht einmal mehr im Stande, gerade zu stehen; er wäre gestürzt, wenn man ihn nicht gepackt hätte. Benommen spürte er, wie er weiter geschleift wurde, unfähig, sich zu wehren oder seine Glieder unter Kontrolle zu behalten. Jemand zwang ihn, sich zu setzen. Das letzte, was er heraus brachte, war ein verwirrtes: „Wer zum Teufel-"
Dann verlor er endgültig das Bewusstsein.

Tarn konnte nicht sagen, wie viel später er aufwachte. Sein Schädel dröhnte, ein tiefer, pulsierender Schmerz, und ihm war übel. Er blinzelte gegen die trüben Schleier vor seinen Augen an, schüttelte den Kopf, um irgendwie die Benommenheit loszuwerden. Das war aber auch das einzige, was er tun konnte - irgendjemand hatte ihn derartig dicht verschnürt, dass er sich kaum rühren konnte. Anscheinend hatte man ihn, wie Dion, sitzend an einen Stuhl gefesselt.
Seine Blick klärte sich nur langsam, aber zumindest erkannte er seine Umgebung wieder: Er war immer noch im Haus der Rabourdins, in der verlassenen Werkstatt, den Blick gerichtet auf die Eingangstür. Neben sich entdeckte er Dion, immer noch gefesselt und geknebelt. Sie tauschten einen verzweifelten Blick, aber das war schon alles, wozu sie in der Lage waren; wer auch immer sie gefangen genommen hatte, er hatte darauf geachtet, sie zu trennen. Selbst wenn Tarn seinen Stuhl gekippt hätte, er wäre nicht nah genug an Dion heran gekommen, um irgendwie seine Fesseln zu lösen.
Tarn ließ seinen Blick weiter durch den Raum schweifen, versuchte, ihre Lage besser einzuschätzen. Doch alles, was sich vor ihm ausbreitete, war die Werkstatt, verlassen, leer und staubig. Er war nicht oft hier unten gewesen, denn alles, was irgendwie verkäuflich war, war schon lange ausgeräumt worden; zurück geblieben waren nur Staub, Düsternis und einige blanke Werktische. Nichts regte sich in seinem direkten Blickfeld, und er vermutete, dass das Absicht war. Sie hatten dafür gesorgt, dass er und Dion mit dem Rücken zu ihnen saßen und wenn, dann nur aus den Augenwinkeln sehen konnten, was überhaupt vor sich ging. Tarn versuchte den Kopf so weit es ging zu verdrehen, irgendetwas zu finden, auf das er sich konzentrieren konnte. Aber er erhaschte nur nebelhafte Schemen, und die pulsierenden Schmerzen in seinem Kopf verschlimmerten sich.

Seine Häscher mussten bemerkt haben, dass er mittlerweile wach war und begonnen hatte sich umzusehen. Tarn hörte Schritte, irgendwo außerhalb seines Blickfelds. Dazu das Klirren von Glas oder Keramik und Flüssigkeit, die eingeschenkt wurde. Erst dann näherte sich jemand, und ein Mann erschien in Tarns und Dions Blickfeld.

Überraschenderweise wirkte er überhaupt nicht wie einer von Karvashs Dienern. Tarn hatte erwartet, dass der Alte und sein Kumpan ihnen aufgelauert hatten, oder eine Gruppe Halsabschneider, wie die, die ihn vor seiner Brandmarkung zu Karvash gebracht hatte.
Der Mann, der nun vor ihm stand, wirkte stattdessen wie der gut situierte Gast eines Nachmittagstees, vielleicht abgesehen von dem groben Becher, den er in der Hand hielt. Sein vornehmes Gesicht war glatt rasiert, das lange, hell braune Haar sorgfältig frisiert und im Nacken zusammen gebunden. Tarn schätzte, dass er nur wenig älter als Dion oder er selbst sein konnte. Seine elegante Kleidung wirkte teuer und versuchte unauffällig zu kaschieren, dass er nicht besonders groß und eher stämmig war.
Er räusperte sich leicht, strich wie in einer einstudierten Geste seine Kleidung und sein Haar glatt, bevor er an Tarn gewandt sagte: „Wie ich sehe, bist du wieder bei Bewusstsein. Bitte trink das." Im nächsten Moment hielt er Tarn den Becher an die Lippen, als wäre es das Natürlichste der Welt, dass Tarn auch nur irgendetwas trinken würde, was ihm in Gefangenschaft vorgesetzt wurde. Ruckartig wandte Tarn sich von ihm ab. „Ich werde gar nichts tun", zischte er.
Sein Gegenüber seufzte theatralisch.
„Bitte, trink. Es handelt sich lediglich um Laudanum. Du leidest gerade unter nicht unerheblichen Schmerzen, und wir benötigen dich bei klarem Verstand." Tarn starrte ihn nur feindselig an, die Lippen verschlossen, und kam sich regelrecht albern dabei vor. Der Kerl vor ihm säuselte wie eine Gouvernante, die versuchte, ein trotziges Kind zu bändigen. Trotzdem schüttelte Tarn den Kopf, wich erneut aus, als ihm erneut der Becher an die Lippen gehalten wurde, sehr zum Ärger des Mannes.
„Bitte zwing' uns nicht, dir beim Trinken behilflich zu sein, sonst-"

Bevor er irgendeine lächerliche Drohnung ausstoßen konnte, zuckte er plötzlich zusammen und trat eilig einen Schritt zurück. Es hätte nicht viel gefehlt, und er hätte seinen Becher fallen lassen. Hastig sah er nach unten und zu der Katze, die unbemerkt herein geschlichen war und sich ausgerechnet ihn ausgesucht hatte, um ihm um die Beine zu streifen. Sie beachtete ihn aber gar nicht weiter, schlängelte sich an Dion vorbei und aus ihrem Blickfeld. „Jetzt gibt es hier auch noch Ungeziefer", murmelte der Mann, verfolgte den Weg der Katze, und verzog dann noch angewiderter das Gesicht, als er irgendetwas beobachtete, was sich außerhalb von Tarns und Dions Wahrnehmung abspielte. „Ivoire, bitte!"

Tarn lauschtet, ob er eine Antwort auf diesen entrüsteten Protest hören würde, aber es blieb völlig still. Wer auch immer noch in der Werkstatt war, antwortete nicht. Ivoire, das klang wie der Name eine Frau. Ihm wurde plötzlich klar, dass er bisher kein einziges Wort von jemand anderem als diesem Mann vor ihm gehört hatte. Warum sagte die Frau nichts? Und bedeutete das, dass sie nur zu zweit waren? Konnte er das irgendwie zu seinem Vorteil nutzen?

Er kam nicht dazu, noch länger darüber nachzudenken. Ohne, dass ein weiteres Wort gesprochen worden war, nickte der Mann vor ihm plötzlich. Energische Schritte näherten sich von hinten, dann wurde Tarns Kopf gepackt und zurück gebogen, so fest, als würde er in einem Schraubstock stecken. Nutzlos versuchte er, sich zu befreien, dann griff der Mann vor ihm direkt in sein Gesicht und drückte ihm die Luftzufuhr durch die Nase ab. Tarn wusste, dass es zwecklos war, aber er hielt dennoch die Luft an, kämpfte verzweifelt darum, frei zu kommen. Aber letztendlich war alle Gegenwehr zwecklos. Sein Körper übernahm die Kontrolle, zwang ihn, Luft zu holen, und sofort wurde ihm der Inhalt des Bechers eingeflößt. Er schluckte reflexartig, hustete, und konnte nur noch beten, dass er nicht soeben vergiftet worden war. Zumindest der bittere Geschmack sprach für Laudanum.

Im nächsten Moment wurde er losgelassen, und die Frau entfernte sich. Er hörte benommen, wie Dion versuchte, irgendetwas zu sagen, aber der Knebel verschluckte jedes seiner Worte. Tarn verstand keine Silbe von dem, was er sagen wollte, und außerdem kämpfte er mit dem bitteren Geschmack auf der Zunge und der erneut aufsteigenden Übelkeit.
Dann wurde er unvermittelt und mit einem groben Ruck mitsamt seines Stuhls herum gedreht, und Dion danach auf die gleiche Weise. Es blieb ihnen nichts übrig, als die Augen vor der blendenden Sonne zu verschließen, die ihnen plötzlich ins Gesicht fiel.

Sie hatten den Eingang der Werkstatt jetzt im Rücken und blickten zur Ostseite, durch deren Fenster Tageslicht strömt. Eine Frau stand dort, leichte angelehnt an eine Werkbank. Im ersten Moment vermochte Tarn nicht viel mehr, als ihre Silhoutte zu erfassen, so heftig setzte ihm die plötzliche Helligkeit zu.

„So ist es besser", sagte die Frau. „Es ist Zeit, dass wir uns von Angesicht zu Angesicht unterhalten. Lass dich ansehen, Tarn."
Ihre Stimme war tief, aber auch weich und melodisch. Trotzdem stimmte irgendetwas nicht mit ihr; nicht die Modulation, sondern etwas anderes, subtiles, schwer einzuordnendes. Tarn zwang sich, den Kopf zu heben, gegen die Sonne anzublinzeln, um sie zu mustern, so wie auch sie ihn musterte.

Sie musste um die dreißig Jahre alt sein, auch wenn die Anzeichen ihres Alters fast unsichtbar waren. Ihre weiße, ebenmäßige Haut und ihr ungewöhnlich hellblondes Haar leuchteten im Licht der Morgensonne. Es fing sich in ihren fast farblosen Augen, die klar und wachsam blickten und fast so sehr aus ihrem Gesicht heraus stachen wie ihre breiten, vollen Lippen.
Mehr als alles andere war Tarn von ihrer Ähnlichkeit zu Anssi erschüttert. Die selbe perfekte, androgyne Schönheit, die so überirdisch und doch so kalkuliert war. Die selbe sündhaft teure Kleidung, in ihrem Fall ein cremefarbenes Kleid, das sie perfekt in Szene setzte und aus der düsteren und schmutzigen Umgebung heraus hob; ein Edelstein auf dunklem Samt.

Er konnte aus ihrem Gesicht nichts als Neugier und stilles Amüsement ablesen, und er hatte keine Ahnung, was sie als Nächstes tun würde. Für den Moment schien sie sich damit zu begnügen, ihn zu beobachten, während sie abwesend die Katze streichelte, die sich zu ihr auf die Werkbank gesellt hatte und laut schnurrend um sie herum strich. Ihr räudiger Zustand schien der Frau nicht das Geringste auszumachen, im Gegensatz zu ihrem Begleiter, der sich zwar an ihre Seite gesellt hatte, sich aber voller Abscheu von dem Tier fern hielt.

Zu Tarns Überraschung hob die Frau plötzlich die Hände und führte, an ihn gewandt, eine komplexen Abfolge von Gebärden aus. Der Mann neben ihr beobachtete sie aufmerksam, und begann dann, nur wenig zeitversetzt, zu Tarn zu sprechen. Es war die selbe melodische Frauenstimme, die Tarn zuvor gehört hatte, nur, dass sie nicht aus ihrem Mund kam, sondern aus seinem. Der Mann hatte ein neutrales Gesicht aufgesetzt, und doch war seine Stimme voller unterdrückter Heiterkeit, als er sagte: „Ich hatte nie die Gelegenheit, dich aus der Nähe zu betrachten, obwohl du mir recht ausführlich beschrieben wurdest. Anscheinend hat man mich nicht belogen: Du bist ein hübscher Junge."
„Was zum Teufel wird das hier?", zischte Tarn völlig überrumpelt, und beobachtete verwirrt, wie der Mann daraufhin selbst einige Gebärden ausführte, diesmal an die Frau gewandt.
„Nicht das, was du denkst.", sagte er dann, wieder zeitverzögert, nachdem er die Frau und ihre folgenden Gebärden genau beobachtet hatte.
Tarn blickte von einem zum anderen, und endlich begriff er: Sie sprach durch ihre Gebärden mit ihm, nicht mit ihrer eigenen Stimme. Und weil er sie nicht verstehen konnte, übersetzte ihr Gefährte ihm alles, was sie sagte, und übersetzte wiederum Tarns Worte zu ihr zurück. Tarn hatte etwas Ähnliches noch nie gesehen, und sie schien sich dessen bewusst zu sein; ihre Mimik deutete darauf hin, dass sie nur darauf gewartet hatte, dass er selbst die richtige Schlüsse zog.
„Ich habe mich noch nicht vorgestellt: Mein Name lautet Ivoire Thevenet", fuhr sie fort, „Ich hoffe, wir können Verbündete statt Feinde sein. Zumindest würden wir es vorziehen, wenn wir uns einfach mit dir unterhalten können."

Tarn starrte sie einen Moment nur an. Er wartete auf die Pointe dieses Witzes, aber sie schien ihm keine liefern zu wollen.
„Ach, wirklich?!", fragte er schließlich mit ätzendem Sarkasmus, „Und für diese »Unterhaltung« musstet ihr uns unbedingt nieder schlagen und an einen Stuhl fesseln?!"
Ivoire zuckte beiläufig die Achseln, eine Bewegung, die so gar nicht zu ihrem eleganten Äußeren zu passen schien.
„Wir hatten unsere Gründe dafür."
„Und die wären?!"
„Zum Beispiel, dass du unser Auftauchen falsch interpretiert hättest. Hättest du uns denn zugehört, wenn wir gestern Abend, ohne Ankündigung, an der Schwelle dieses Hauses gestanden und höflich nach dir gefragt hätten?"

Die Frage war so offen und ehrlich gestellt, dass Tarn tatsächlich einen Moment stutzte. Irgendwie war er fest davon ausgegangen, dass die beiden zu Karvash gehörten. Er hatte eigentlich nur darauf gewartet, dass sie ihn zu seinem Anwesen zurück schleiften. Ivoire schien ihn allerdings vom Gegenteil überzeugen zu wollen, was natürlich die Frage aufwarf, was zur Hölle sie sonst von ihm wollte.
„Ich wäre wohl abgehauen", gab er schließlich widerwillig zu, nur um zu sehen, wie sie sich aus der Situation heraus reden würde. „Es gibt zu viele, die mir ans Leder wollen."
Ivoires Lächeln vertiefte sich. „Das dachte ich mir. Und genau deshalb mussten wir verhindern, dass du etwas sehr Dummes tust; eine deiner schlechten Gewohnheiten, habe ich mir sagen lassen."
„Mit hätte es jedenfalls auch wesentlich mehr zugesagt, dieses Gespräch unter anderen Umständen zu führen. Vor allem nicht in einem schmutzigen Loch wie diesem hier", fügte der Mann an ihrer Seite hinzu. „Aber nun sind wir einmal hier, und müssen aus der Situation das Beste machen."

Tarn hätte auf seinen Beitrag gut verzichten können, auch wenn er zum ersten Mal dazu kam, die Stimme des Mannes mit der zu vergleichen, die er Ivoire verlieh. Er selbst klang nur unwesentlich tiefer, aber um Längen steifer, so gekünstelt und geschraubt, als würde er seine Worte zitieren oder ablesen. Die Selbstverständlichkeit, mit der er zwischen Stimmen wechselte, war faszinierend; seine Geziertheit und gekünstelte Noblesse wiederum fand Tarn einfach lächerlich. Hatte er Anssi irgendwann einmal für hochnäsig und gestelzt gehalten? Gegen diesen geschniegelten Schmierlappen wirkte selbst jemand wie er noch unverkrampft und nahbar.

„Wer glaubt eigentlich dieser Kasper da neben dir zu sein? Muss ich mich auch mit ihm unterhalten?", fragte er, direkt an Ivoire gewandt, und erntete ein Schmunzeln von ihr und ein Stirnrunzeln von dem jungen Mann, der jetzt bedeutsam hüstelte und sich leicht verbeugte.
„Verzeihung, ich habe es versäumt mich vorzustellen. Mein Name ist Gael... Gael Karvash."

Tarn zuckte unwillkürlich zusammen; er hatte mit allem gerechnet, aber nicht damit, ausgerechnet einen von Karvashs Sippe gegenüber zu sitzen. Von wegen Verbündete, das hatte sich ja schnell erledigt.
Grimmig brach es aus ihm heraus: „Also bist du mit dem Alten verwandt?! Wer zur Hölle bist du, sein So-?"
Nein!"

Gaels Einspruch war so heftig und wütend, dass er Tarn verwirrt inne hielt. Bis vor einem Moment war er davon ausgegangen, einfach nur das Offensichtliche auszusprechen, aber aus irgendeinem Grund hatte er Gael gerade tief getroffen. Seine Miene hatte sich im Bruchteil einer Sekunde verfinstert. „Ich bin ganz bestimmt nicht sein Sohn!", herrschte er Tarn an, und nur mit Mühe unterbrach er sich, schien sich sammeln zu müssen. Und dann, als hätte es ihn nie gegeben, verschwand sein grimmiger Ausdruck, wurde ersetzt von gesitteter Empörung. Gael schien sich aufzuplustern wie ein Gockel, und genau so trug er auch seine Widerrede vor:
„Obwohl ich es sollte, werde ich diese Frage nicht als Beleidigung auffassen. Wohl muss ich zugeben, dass ich sein Neffe bin. Allerdings bin ich deshalb längst nicht involviert in sein Treiben. Und meine Mutter ist es übrigens genauso wenig, sie hat in die Familie eingeheiratet! Durchaus keine kluge Entscheidung, aber es sei zu ihrer Verteidigung gesagt, dass mein verstorbener Vater weder verrückt, noch in derartig widerwärtige Geschäfte verwickelt war!"

Ivoire behielt ihr gelassenes Lächeln bei und legte eine Hand auf Gaels Arm, bremste ihn in seiner kleinen Tirade; anscheinend hatte sie diesen verärgerten Monolog schon einige Male miterlebt. Auf Tarn, der ihn zum ersten Mal dargeboten bekam, wirkte er definitiv bizarr.
„Was Gael ausdrücken wollte", fuhr Ivoire ruhig fort, „ist Folgendes: Wir stehen nicht auf bestem Fuß mit Karvash. Und du, soweit wir wissen, ebenfalls nicht. Genau deshalb wollten wir mit dir reden. Du bist-"
„Welche Verbindung hast du zu Karvash?", unterbrach Tarn sie, und schien sie damit zum ersten Mal zu irritieren. Er sah keine Regung in ihrer Miene, aber er hatte trotzdem das Gefühl, dass sie einen Moment stockte. Dann ging sie, ohne inne zu halten, über seine Frage hinweg.
„Wesentlich ist, dass wir mit dir reden wollten, weil-"
„Ist er ein Bekannter? Bist du auch mit ihm verwandt? Ist er ein Feind? Bist du eine seiner Huren? Welche Verbindung hast du zu ihm?", unterbrach er sie erneut, und brachte sie dazu, zu verstummen. Ihr immer gleichen Lächeln wich zum ersten Mal, wurde ersetzt durch einen neutralen Ausdruck. Sie zeigte es nicht nach außen, aber Tarn war fast sicher, dass er jetzt auch sie getroffen hatte, auch wenn er nicht wusste, womit.

Die Erkenntnis brachte ihm grimmige Genugtuung. Bisher hatte nichts sie sich durch nichts aus der Ruhe bringen lassen. Warum auch nicht? Sie hatte ihn in der Hand. Und es schien ihm auch kein Zufall zu sein, dass Dion geknebelt war und nicht an ihrer Unterhaltung teil haben konnte. Und Gael? Er war ihre Handpuppe, eine Ablenkung. Er zog die Aufmerksamkeit auf sich, während sie Tarn unablässig betrachtete, ihn studierte wie ein wildes Tier.
Aber warum? Was wollte sie? Warum war sie darauf aus, ihm zu verkaufen, dass sie harmlos war?
Und während er sie beobachtete und ihm diese Gedanken durch den Kopf schossen, musterte sie ihn ebenso. Versuchte ihn einzuschätzen? Herauszufinden, wozu er fähig war?

Schließlich sagte sie etwas zu ihm, das Gael stirnrunzelnd inne halten ließ, und er hielt Rücksprache mit ihr, bevor er widerwillig übersetzte: „Du traust uns nicht."
Tarn öffnete den Mund, wollte ihr widersprechen, aber sie schnitt ihm mit einer Handbewegung das Wort ab. „Natürlich traust du uns nicht. Warum auch? Du hast keinen Grund dazu. Ich hasse den alten Karvash mehr als jeder andere Mensch in dieser Stadt, aber einen Beweis dafür kann ich dir nicht bringen. Und woher wüsstest du, dass ich dich nicht anlüge? Diese Frage stellst du dir doch bestimmt gerade."

Sie musste an seinem Gesicht ablesen, dass sie den Nagel auf den Kopf getroffen hatte, und jetzt lächelte sie wieder. Aber es lag keine Wärme in diesem Lächeln, nur grimmige Gewissheit.
„Ich werde dir nicht sagen, welche Verbindung ich zu Karvash habe. Ich werde-", sagte sie, und Gael stockte erneut, mitten in der Übersetzung, schüttelte den Kopf. Wenn der Kummer, der sich in seiner Miene zeigte nur gespielt war, dann war er gut gespielt. Er redete auf Ivoire ein, aber sie schien darauf zu bestehen, dass er ihre Worte übersetzte.
„Ich werde es dir zeigen", sagte er schließlich rau, und er schien nicht in der Lage, diese Worte in ihrer Stimmlage zu übersetzen. Bevor Tarn auch nur irgendetwas erwidern konnte, öffnete sie ihre Jacke, streifte sie ab und drehte ihm den Rücken zu. Der tiefe Rücken- und Halsausschnitt, der sich zeigte, sprach seine eigene Sprache. Tarn wusste schon, was sie ihm offenbaren würde, bevor er es direkt vor sich sah: Das in die Haut eingebrannte, schräge »K«, das ihren zarten, weißen Rücken verunstaltete. Sie offenbarte es ihm gerade lang genug, dass er es nicht übersehen konnte, und zog ihre Jacke dann wieder über.

Tarn warf nur einen oberflächlichen Blick darauf, und wandte sich ab. Er fühlte vage Scham, und gleichzeitig wusste er, dass es keine Rolle spielen durfte. Sein Blick glitt zu Dion, der immer noch neben ihm saß und nicht auf sich aufmerksam machte. Seine Augen ruhten in diesem Moment auf Tarn, und Tarn meinte in ihnen eine Warnung zu lesen. Was auch immer sie ihm zeigte, wie sehr er in diesem Moment auch meinte, ihr Mitgefühl entgegen bringen zu müssen, es diente vielleicht nur einem einzigen Zweck: sein Vertrauen zu gewinnen, und dann auszunutzen.

Er zwang sich, den Blick wieder auf Ivoire zu richten, die sich gerade wieder vollständig angekleidet hatte.
„Es sollte mir wohl Leid tun, dass wir in der selben Klemme stecken, aber-", begann er, doch sie winkte nur ab.
„Das sollte es nicht, denn es wäre fehl am Platz. Ich bin nicht nur Karvashs Sklavin, ich bin auch seine Vollstreckerin. Ich diene ihm, indem ich eine Feinde aus dem Weg schaffe, und das zurück bringe, was rechtmäßig ihm gehört. Und hätten wir nicht gute Gründe, dich um Hilfe zu bitten, wärst du bereits auf dem Weg zu Karvashs Anwesen."

Ihre Unverblümtheit machte Tarn einen Moment lang sprachlos, bevor er irritiert auflachte. „Soviel also zu »wir wollen uns nur unterhalten«, was?"
„Meine Güte, sei bitte nicht so begriffsstutzig!", schaltete Gael sich frustriert ein. „Es ist, wie wir sagten: Wir sind nicht geneigt, unseren ursprünglichen Auftrag auszuführen! Reicht es denn nicht, dass wir dir ehrlich unsere Beweggründe schildern, ja selbst Beweise liefern, um dich zufrieden zu stellen? Was müssen wir denn tun, um dein Vertrauen zu gewinnen?"
Tarn musste keine Sekunde darüber nachdenken.
„Für den Anfang? Lasst Dion frei. Er hat mit der ganzen Sache nichts zu tun."
„Und was würde er mit seiner Freiheit anstellen, außer uns anzugreifen?", fragte Ivoire nach, was Dion dazu veranlasst, heftig den Kopf zu schütteln.
„Was kann er schon tun, wenn ich noch hier festsitze?", fragte Tarn zurück. „Wie soll er sich gegen zwei Leute gleichzeitig verteidigen?" Von denen eine eine dünne Frau ist, und einer ein absoluter Waschlappen, dachte er im Stillen, aber das würde er ihnen sicher nicht auf die Nase binden.
„Wenn wir ihn befreien, würdest du unsere Worte endlich ernst nehmen?", fragte stattdessen Gael nach. „Würdest du unsere Bitte anhören, und ernsthaft in Erwägung ziehen?" Tarn versuchte den Anschein zu erwecken, dass er sorgfältig darüber nachdachte, und dann sehr, sehr ernst zu nicken.

Es folgte eine kurze Diskussion zwischen Gael und Ivoire, in der sie wohl das Für und Wider abwogen, von der Tarn aber kein Wort verstehen konnte. Er sah nur, dass Ivoire kaum besorgt wirkte, und schließlich nickte sie simpel und zog zu Tarns Beunruhigung ein Messer hervor. Tarn hatte weder gesehen, woher sie es plötzlich geholt hatte, noch hatte er damit gerechnet, dass sie bewaffnet war.
Gael nahm das Messer und trat auf Dion zu, löste jedoch zuerst mit spitzen Fingern seinen Knebel. Allein Dions Nähe schien ihn anzuwidern, und er verzog das Gesicht, als Dion missmutig lose Fäden ausspuckte. Dann schnitt Gael seine Fesseln durch und entfernte sich schnell von ihm, als erwarte er, angesprungen zu werden. Tarn beobachtete, wie er dabei das Messer hielt - wie ein absoluter Anfänger. Er musste sich ein Grinsen verkneifen; ihre Chancen hatten sich gerade verbessert.

Dion befreite sich selbst von dem Rest der durchtrennten Seile und reckte sich, steif vom langen Sitzen. „Alles in Ordnung?", fragte Tarn, und er zuckte mit den Schultern. „Ich hab mich schon mal besser gefühlt, aber es geht schon. Ich würde ja fragen, wo du zwischen gestern und heute warst, aber ich glaube, das bereden wir lieber später." Wesentlich unfreundlicher fügte er an Ivoire und Gael gewandt hinzu: „Ihr hättet zumindest versuchen können, mit mir zu reden, statt mich einfach zu einem Paket zu verschnüren."
„Ich gebe zu, wir wussten nicht, wie wir dich einschätzen sollten", antwortete Ivoire. „Wir wussten, dass Tarn einen Begleiter bei sich hat. Von welchem Charakter, das konnten wir in der kurzen Zeit nicht heraus finden." Sie schien ihr gelassenes Lächeln wieder gefunden zu haben; vielleicht war es aber auch nur für Dion reserviert, denn als sie sich wieder Tarn zu wandte, wurde sie geschäftsmäßiger. „Wir haben deinen Wunsch erfüllt. Bist du jetzt bereit, uns zuzuhören?"
„Zwei Dinge noch: Erstens, was habe ich davon, wenn ich euch helfe?"
„In einem Wort: Geld", antwortete Ivoire, und zog aus einer ihrer Rocktaschen ihre Börse hervor. Sie schien schwer in ihrer Hand zu liegen. „Ich habe keinen Mangel daran. Ihr bekommt genug, um euch ein Pferd und genug Proviant für eine lange, lange Reise zu sichern. Ihr könntet das Land verlassen. So lange und so weit fliehen, wie ihr wollt."
„Und was ist, wenn mir das, was ihr von mir wollt, mir nicht gefällt?"
Ivoire seufzte tonlos. „Das wird dich überraschen, aber wir werden dich gehen lassen müssen."
„Warum das?", fragte Tarn unschuldig, und glaubte ihr kein Wort. Wenn sie wirklich Karvashs Vollstreckerin war und ihm das, was sie sagte, nicht gefiel, würde sie ihn und Dion töten.
„Ist das nicht offensichtlich? Dich Karvash auszuliefern würde bedeuten, dass du den Zweck unserer kleinen Unterhaltung an ihn verraten würdest, um deine eigene Haut zu retten. Und du kannst dir sicher denken, wie Karvash darauf reagieren würde."
Und genau deshalb würdet ihr uns vermutlich zum Schweigen bringen, dachte Tarn grimmig, aber natürlich sprach er das nicht aus. Er glaubte in Ivoires Blick zu lesen, dass sie sehr wohl seine Gedanken nachvollzog.
„Kannst du uns jetzt bitte die Gnade gewähren, dir einmal in Ruhe anzuhören, wobei wir deine Unterstützung benötigen? Uns drängt die Zeit", fügte Gael hinzu. Tarn hatte den Verdacht, dass er sonst anfangen würde wie ein Kind zu quengeln, und nickte nur.

Es schien, als hätte Gael nur darauf gewartet, endlich in einen langen Monolog ausbrechen zu können. Er räusperte sich vornehm und begann dann im besten Vortragston: „Schön. Dann lass mich dir darlegen, welchen Vorteil wir uns von deiner Beteiligung erhoffen. Du hast eine recht innige, man möchte sagen, familiäre Bindung, zu deinem Umfeld in Karvashs Anwesen. Allen voran dieser alte Stallmeister, wie hieß er noch-"
„Kann mich nicht erinnern. War lange nicht mehr dort", log Tarn, aber Gael ging gar nicht darauf ein - anscheinend ließ selbst er sich nicht so leicht täuschen.
„Jefrem, glaube ich. Nun, er verfügt, wie du selbst am besten wissen müsstest, über Zugang zu einer Reihe wirklich guter und schneller Pferde. Nun wäre es uns recht gewesen, einen von deinen Kumpanen für unsere Unternehmung zu rekrutieren, oder Jefrem selbst. Aber du hast zusätzlich gewisse Kontakte zu anderen Personen im Anwesen, die es dir normalerweise erlauben, ohne großes Aufhebens von einem Ort zum anderen zu gehen. Kein anderer Stallknecht würde derartig ohne Nachfrage Zugang zu den Zimmern der Prostituierten erhalten. Und das möchten wir uns zunutze machen."
Tarn versuchte, in diesem verquasteten Geschwafel nicht den roten Faden zu verlieren. „Das heißt, ihr wollt, dass ich für euch etwas in den oberen Stockwerken erledige, und mich dann mit einem Pferd verdrücke?"
„Ja, so kann man es auch formulieren", stimmte Gael etwas verschnupft zu.
„Und was zum Teufel soll das nun sein, was ich tun soll? Soll ich irgendetwas mitgehen lassen?"
„In der Tat. Allerdings keinen Gegenstand, sondern einen Menschen."

Die Tragweite dieser Bitte sickerte erst nach und nach in Tarns Verstand ein. Einen Menschen entführen... nein, nicht entführen, zur Flucht verhelfen. Und wenn dieser Mensch nicht von selbst das Anwesen verlassen konnte, konnte das nur eins bedeuten.
„Ihr wollt, dass ich einem Sklaven bei der Flucht helfe?!", brach es aus ihm heraus, und Gael nickte.
„Das ist in der Tat unser Anliegen."
„Das klingt nach keiner guten Idee", meinte Dion trocken, und Tarn lachte auf.
„Das ist die Untertreibung des Jahrhunderts. Es ist Selbstmord! Das Anwesen ist voller Wachen, die Tore sind immer besetzt, und es fällt auf, wenn jemand anderes als ein Diener aus dem Anwesen spaziert!"
„Wir sind durchaus nicht naiv", grummelte Gael beleidigt. „Wir haben uns für diese Eventualitäten Pläne zurecht gelegt, haben die entsprechenden Bestechungen gezahlt, alle Fäden gezogen. Nur dieses eine Bruchstück fehlt uns, und wir konnten bisher niemand dafür rekrutieren. Dir sollte bekannt sein, wie bestechlich dein Stallmeister ist."
„Kein bisschen", stimmte Tarn zu, und er konnte nicht verhindern, dass Stolz in seiner Stimme mit schwang.
„Exakt. Wir konnten ihm keine Kompensation anbieten, die ihn genug gereizt hätte. Und deshalb setzen wir nun alle Hoffnungen auf dich."
„Zu schade, denn das könnt ihr vergessen", antwortete Tarn, und erntete ein irritiertes Stirnrunzeln von Gael. „Denkt ihr, dass ich bei so einem Wahnsinn mitmache? Karvash hat mich nur entwischen lassen, weil er weiß, dass ich den Boden nicht wert bin, auf dem ich stehe. Wenn wir einer Prostituierten helfen, würde er uns ewig verfolgen!"
„Darum könnten wir uns kümmern. Wir haben schon einmal deine Spur »verloren«", wandte Ivoire ein.
„Selbst wenn, ihr vergesst eine wichtige Sache dabei."
„Und welche sollte das sein?"
„Verratet mir doch, was aus Jefrem wird, wenn er mich ein Pferd stehlen lässt? Oder mit den Knechten, die zu der Zeit im Stall waren? Denkt ihr, dass Karvash die Achseln zuckt und einfach vergisst, dass sie mir geholfen haben zu entkommen?! Ich würde sie verraten und verkaufen!"

Er hatte sich unbemerkt in Rage geredet, und er musste sich dazu zwingen, sich mehr zurück zu halten. Gael schien regelrecht zurück gestoßen von der Heftigkeit seiner Worte, aber Ivoire betrachtete ihn nur mit einem Stirnrunzeln. Er wusste nicht, was er in ihrem Blick lesen sollte. Enttäuschung? Wut?
„Du bist loyaler, als ich annahm. Ich kann dir aber versichern: Du unterschätzt Jefrems Position. Er ist nicht verwundbar, weder gegenüber Karvash, noch gegenüber uns. Du kennst ihn nicht so gut, wie wir ihn kennen."
Ihre Worte trafen Tarn mehr, als er zugeben wollte. „Du kannst mir viel erzählen", sagte er knapp, aber am liebsten hätte er sie angeschrien. Sie kannte Jefrem nicht, sie konnte ihn nicht kennen. Nicht so wie er.

Ivoire stieß ein tonloses Seufzen aus, und fast glaubte er, dass ihr langsam, aber sicher die Argumente ausgingen. „Schön, nehmen wir an, dass ich lüge", sagte sie, ihre Gebärden schnell und so knapp gefasst, dass selbst Gael Mühe zu haben schien, ihr zu folgen. „Oder sagen wir, ich überschätze einfach die Position deines Stallmeisters. Dann sag' mir stattdessen: Was ist mit dem Mensch, den du befreien sollst? Was, wenn ich dir sage, dass diese Person sich in großer Gefahr befindet? Würde dein Stallmeister nicht riskieren, sie zu befreien, um das Leben dieser Person zu retten?"
Die Frage hing einen Moment lang in ihrer ganzen Gewichtigkeit im Raum. Und zum ersten Mal wusste Tarn wirklich nicht, was er antworten sollte. Weil sie Recht hatte: Wenn jemand in Gefahr gewesen wäre, dann hätte Jefrem nicht gezögert, zu helfen. Und Ivoire schien zum ersten Mal ihre Maske fallen zu lassen. Sie wirkte besorgt, und aufgebracht. Uns es lauerten noch mehr unterdrückte Emotionen hinter ihren Worten.

Vielleicht sollte es aber auch nur so aussehen. Vielleicht war es ein Trick. Sie wollten an sein Herz rühren, um ihn da zu haben, wo sie ihn haben wollten. Wie konnte es anders sein? Wenn sie Jefrem auch nur halb so gut kannte wie Tarn, dann musste sie wissen, welchen Charakter er wirklich hatte. Und dann erzählte sie ihm nur das, was er hören sollte, um sich zu entscheiden.
Tarn sah hilfesuchend zu Dion, und er schüttelte sehr langsam den Kopf. Lass dich nicht einwickeln. Das ist nur das, was sie will.
Und das gab den Ausschlag.
„Nein. Was auch immer ihr vorhabt, tut es alleine. Haltet mich da raus."
„Aber wenn-", setze Gael erneut an, doch Tarn schnitt ihm das Wort ab.
„Nein. Und jetzt haltet euer Versprechen, und lasst mich gehen. Eure Freunde sind nämlich sicher schon auf dem Weg hierher, und ich würde gern darauf verzichten, doch noch bei Karvash zu enden."

Tarn hätte es nicht für möglich gehalten, aber zum ersten Mal entglitten Ivoire die Gesichtszüge, wenn auch nur für einen Moment.
„Freunde?", echote Gael, nicht weniger verdutzt als sie, und Tarn konnte nicht anders, als beim Anblick seines überraschten Gesichts leise zu lachen; er wirkte wie ein aufgescheuchtes Huhn.
„Was, habt ihr gedacht, ihr seid die Einzigen, die mir auf den Fersen sind?", fragte er gehässig. „Ich werde schon seit gestern verfolgt. Von dem Alten, und seinem Kumpel. Und da war noch ein dritter, den ich abgehängt habe."
„Ein Alter, und zwei mittleren Alters? Einer mit weit auseinander stehenden Augen, braunes Haar, der andere größer, dunkelblond, ein Schwergewicht?", fragte Ivoire, ihre Gebärden so hastig, dass sie einige für Gael wiederholen musste.
„Ja, die drei", stimmte Tarn zu, und er konnte nicht anders, als zu grinsen. „Macht euch das Sorgen?"
Doch Ivoire ging überhaupt nicht auf seine Häme ein, schien sie nicht einmal bewusst wahr zu nehmen. Stattdessen wandte sie sich an Gael, dessen Gesicht mit einem Mal wie versteinert war. Im nächsten Moment waren sie schon in ein heftiges Gespräch vertieft.

Tarn beobachtete sie einen Moment lang; ihre schnellen Gebärden, die mit so viel Nachdruck und Wucht ausgetauscht wurden, und ihre Gesichter, seines jetzt wütend, ihres zu gleichen Teilen besorgt und grimmig. Sie stritten, direkt vor seinen Augen, und er hatte keine Ahnung, worum es ging, oder wie er in ihr Gespräch hätte eingreifen können. Sie ignorierten alles andere um sich herum.

Gut, dann würde er diese Ablenkung eben anderweitig nutzen. Er warf Dion einen unauffälligen Blick zu, und sie schienen beide dasselbe zu denken. Möglichst unmerklich näherte Dion sich. Die beiden Streitenden schienen es nicht zu bemerken, und wenn doch, dann kümmerte es sie nicht. Probeweise zog Dion an Tarns Verschnürung, um fest zu stellen, wie straff sie wirklich war. „Wie geht's dir?", flüsterte er Tarn zu. „Sie haben dich ziemlich übel erwischt, du warst vorhin bestimmt eine Viertelstunde weg."
Tarn antwortete mit dem Versuch eines Achselzuckens, aber ihm fiel auf, dass er tatsächlich kaum noch Kopfschmerzen hatte. Sie hatten ihm wirklich Laudanum eingeflößt. „Ging schon mal besser. Aber wenn es so weit ist, werd' ich schon davon kommen."
Dion nickte, musterte Ivoire und Gael dann ohne viel Sympathie, und flüsterte Tarn zu: „Ich verstehe nicht, was sie jetzt bereden!"
„Das hätte mich auch gewundert", brummte Tarn, was Dion trotz allem ein amüsiertes Schnauben entlockte.
„Das meine ich nicht. Ich meine, worum sorgen sie sich? Wenn sie von Karvash kommen, und du von seinen Dienern verfolgt wurdest - und ich nehme mal an, deshalb bist du gestern nicht zurück gekommen?"
„Auch. Lass uns das später klären."
„Jedenfalls, warum sollten sie nicht davon wissen? Wie kann sie das überraschen, wenn Karvash selbst sie los geschickt hat?"
„Erstmal unwichtig. Ich hab mein Messer dabei, es steckt in der Innentasche an meinem Schienbein. Vermutlich haben sie es nicht bemerkt. Denkst du, du kommst ran? Dann könntest du mich los schneiden."
„Und dann?"
„Gibst du mir das Messer. Ich lenke sie so lange wie möglich ab, und du rennst. Unser Zeug liegt schon oben, schnapp' es dir und steig' zum Fenster raus."
„Und du?"

Bevor Tarn eine Antwort darauf geben konnte, hatte Ivoire plötzlich mit einer letzten Abfolge von Gebärden das Gespräch beendet. Sie wandte sich ruckartig um, fixierte Tarn, und hatte im nächsten Moment wie durch Zauber ihr Messer in der Hand. Dion zuckte zusammen, stellte sich vor Tarn und ging ihr entgegen.
„Dion, nicht-!"
Für einen Moment sah es aus, als würden sie einander bekämpfen wollen. Doch dann, praktisch ohne inne zu halten, umging Ivoire Dion, mit der selben Ruhe, als würde sie einem Passanten auf der Straße ausweichen. Es geschah so schnell, dass er nicht einmal zu begreifen schien, was vorging. Bevor er sich überhaupt umdrehen konnte, war Ivoire schnellen Schrittes auf Tarn zugegangen, das Messer erhoben.
Panisch tat Tarn das einzige, was ihm einfiel: er warf sich mit aller Kraft zur Seite, brachte den Stuhl, auf dem er saß, zum Kippen. Ivoire reagierte blitzschnell, packte ihn an der Lehne und hielt ihn auf, zog ihn zurück und hob das Messer. Vor seinem inneren Auge sah Tarn, wie sie es nieder fahren ließ und ihm die Kehle aufschlitzte.
Stattdessen schob sie es in einer einzigen, flüssigen Bewegung unter die Seile und durchtrennte sie fast alle, bevor sie es genauso schnell wieder verschwinden ließ und sich von ihm abwandte, Abstand zu ihm gewann.

„Die Bedingungen haben sich gerade geändert", sagte sie. „Wir haben keine Verwendung mehr für euch, und ihr dürft geh-" „Warte mal, das geht nicht, Ivoire! Was ist mit unserem Plan?!", unterbrach Gael seine eigene Übersetzung. Er war so wütend, dass er sich vor Ivoire aufbaute und sie in zwei Sprachen gleichzeitig anherrschte. Sie antwortete mit wilden, wütenden Gebärden, die ihn vermutlich direkt zum Teufel wünschten.
„Wenn du ihm nicht die ganze Wahrheit sagen willst, dann werde ich das eben in die Hand nehmen, auch gegen deinen Willen! Wir haben diesen Plan so lange gehegt! Selbst wenn Karvash Verdacht geschöpft hat-"
Sie schnitt ihm mit einer heftigen Geste das Wort ab, mit einem Seitenblick auf Tarn, der ihm nicht gefiel. Sie wollte nicht, dass er Bescheid wusste. Gael wiederum schien das jetzt herzlich egal zu sein. Sie stritten erneut in Gebärdensprache, bis er schließlich den Kopf schüttelte und sich von ihr abwandte, so, als hätte er sein letztes Wort gesprochen.

Aber er hatte die Rechnung ohne Ivoire gemacht; sie ließ sich nicht ignorieren. Sie packte ihn, zerrte ihn herum, mit einer Kraft, die Tarn ihr nicht zugetraut hätte, und hob erneut ihr Messer, zeigte es Gael drohend, eine Geste, die keine Worte brauchte.
Er betrachtete sie einen Moment schweigend, und dann schüttelte er nur den Kopf. „Hast du wirklich so viel Angst vor ihm?", fragte er sie, und diesmal glaubte Tarn, dass er seine Worte bewusst aussprach. Er sprach nicht nur zu ihr; jetzt sprach er auch zu Tarn und Dion. Und er ließ Ivoire auch nicht die Zeit, zu antworten. „Ich fürchte meinen Onkel nicht. Und ich werde nicht aufgeben. Das ist unsere einzige Gelegenheit."
Seine Worte trafen Ivoire tief, auch wenn Tarn nicht verstand, warum. Jeder Anschein von Ruhe fiel von ihr ab, und zurück blieb nur Wut und Verzweiflung. Ihre Gebärden schrien ihn an, aber er wandte sich davon ab, und sie fletschte regelrecht die Zähne, wie ein in die Ecke gedrängtes Tier. Tarn wusste nicht, woher Gael den Mut nahm, sich ihr so in den Weg zu stellen. Ivoires Wut und Drohungen schienen einfach nur an ihm abzuprallen, und so wenig Tarn ihn ausstehen konnte, in diesem Moment konnte er nichts anderes als widerwilligen Respekt vor ihm empfinden.

Das Problem war nur, dass das nicht ausreichte. Egal wie wichtig Gael seine Sache zu sein schien, kein Geld der Welt wäre genug gewesen, um Tarn zurück in Karvashs Reichweite zu bringen. Nichts war es wert, sich derartig in Gefahr zu begeben.
„Ich weiß nicht, wen ihr befreien wollt", sagte Tarn ruhig, während er sich die restlichen Fessel abstreifte und langsam erhob. Sein Hintern und seine Beine fühlten sich etwas taub, und er stand nur vorsichtig auf. „Aber wenn ich es richtig sehe, ist selbst ihr der Preis dafür zu hoch. Du brauchst erst recht nicht auf mich zu zählen; ich bin der Letzte, der irgendjemand helfen kann."
Gael schüttelte den Kopf, griff nach seiner Schulter. Und fast tat er Tarn Leid. Es gab jetzt keine gespielte Noblesse mehr, keine ausschweifenden Worte. Seine Stimme zitterte plötzlich, schien sich höher verlagert zu haben, und jegliche Selbstsicherheit war dahin. „Du verstehst überhaupt nicht, worum es-!", begann er, und es klang tatsächlich wie eine Bitte.
Aber Tarn schlug seine Hand weg, und seltsamerweise schien es Gael zu überraschen. Er sah aus, als wäre er geohrfeigt worden.
„Lass das. Wir sind keine Freunde, und keine Verbündete. Und ich schätze, wenn wir aus dieser Tür gehen, sind wir sogar Feinde. Mehr gibt es nicht zu sagen.
Komm, Dion."

Damit wandte Tarn sich ab, ließ Gael stehen, und Dion folgte ihm, ein wenig unbehaglich. Ivoire hielt sie nicht auf, schien zwischen Erschöpfung und Wut auf Gael zu schwanken. Tarn konnte nur ansatzweise verstehen, warum sie sich so plötzlich gegen ihren eigenen Helfer gerichtet hatte. Wenn er alles richtig verstanden hatte, hatte sich der Einsatz erhöht - es gab jemand, der ihnen in die Quere kommen konnte, und Ivoire war anscheinend nicht bereit, das Risiko einzugehen. Tarn konnte ihr das irgendwie nicht verdenken.
Gael wiederum... er schien nicht begreifen zu können, dass er gescheitert war. Er stand nur da, die zitternden Hände zu Fäusten geballt. Vielleicht suchte er nach einem Argument, das er übersehen hatte, einem Grund dafür, dass Tarn ihm helfen musste. Aber es gab keinen.

Tarn durchquerte die Werkstatt, schob die Tür auf, und wollte den Raum verlassen, Dion direkt hinter ihm.
Und dann, völlig aus dem Nichts, sprach Anssis Stimme zu ihm.

„Der ersten Unschuld reines Glück,
wohin bis du geschieden?
Dein Edengarten blüht nicht mehr;
Verwelkt durch Sündenhauch ist er,
durch Menschenschuld verloren."

Tarn erstarrte mitten in der Bewegung.
Er erinnerte sich an diesen Vers. An das erste Mal, dass Anssi ihn zu sich gerufen hatte; ihn ohne Zögern oder Gewissensbisse verführt hatte, mit einem spöttischen Lächeln und unendlichem Selbstbewusstsein. Er war in diesem Moment so gegenwärtig, als wäre er mit ihm im Raum. Seine Stimme, selbst als Imitation, brachte eine Fülle von verwirrenden Gefühlen zurück. Liebe, Verlangen, Schmerz... alles, was er so sorgfältig in sich vergraben hatte.

Ruckartig wandte er sich zu Gael um, fixierte ihn. „Woher kennst du das Gedicht?"
„Das solltest du doch am besten wissen", antworte Gael tonlos.

Mit einem Satz hatte Tarn kehrt gemacht und stürmte auf ihn zu. Gael wich nicht einmal zurück, als er ihn am Kragen seines teuren Hemdes packte und ihm mitten ins Gesicht schrie: „Wozu?! Wozu war das jetzt gut?!"
„Was denkst du denn, um wen es hier geht?!", schrie Gael zurück. „Wen, glaubst du, wollen wir befreien?"
„Und das soll ich dir glauben, du Drecksack?" Tarn griff ihn fester, zerrte ihn weiter zu sich heran, suchte in seinem aufgeblasenen Gesicht nach den Anzeichen, dass er log. Er musste lügen.
„Er hat diese Zeilen nur mir anvertraut! Niemand anders kennt sie! Und hättest du nicht einen derartigen Dickschädel, würdest du sehen, dass ich Recht habe! Er braucht unsere Hilfe!"
„Halt endlich dein Maul!", brüllte Tarn. „Du kennst ihn nicht! Du kennst-"
„Das reicht!", sagte Dion und drängte sich zwischen die Beiden, und Tarn ließ es zu, stieß Gael grob von sich. „Du verdammtes Arschloch", flüsterte er heiser, und dann zwang er sich dazu, sich abzuwenden. Wenn er Gael weiter hätte ansehen müssen, hätte er seinem Gesicht ein ganz neues Aussehen verpasst, einfach nur dafür, dass er zu so schmutzigen Tricks griff. Stattdessen ging er zu einem der Fenster und starrte hinaus.

Er versuchte verzweifelt, sich einzureden, dass es ein Trick war.
Und doch wusste er, dass es keiner sein konnte.
Die Verszeilen. Die gottverdammten Verszeilen.

Dion beobachtete unbehaglich, wie Tarn wie versteinert am Fenster stand. Aber aus der Richtung würde er wohl keine Antworten erhalten, also wandte sich an Gael und Ivoire. „Ich bin nicht sicher, ob ich wirklich verstanden habe, worum es geht. Sprecht ihr über Anssi?" Ivoire seufzte tonlos, anscheinend am Ende mit ihrer Geduld, nickte dann allerdings sachte.
„Und warum habt ihr damit hinter dem Berg gehalten, um wen es überhaupt geht?"
„Hättet ihr uns denn Glauben geschenkt?", fragte Gael mit Grabesstimme zurück. Er war fahrig damit beschäftigt, sein verrutschtes Hemd wieder in Ordnung zu bringen. „Hätten wir sofort von Anssi gesprochen, ihr hättet sofort an eine Falle geglaubt."
Dion schien darüber nachzudenken, zuckte dann mit den Schultern. „Kann nicht behaupten, dass es jetzt weniger danach klingt. Wie könnt ihr als Anssis angebliche Freunde Tarn nie über den Weg gelaufen sein? Ihr müsst zugeben, dass das keinen Sinn ergibt."
Ivoire zuckte wieder mit den Schultern. „Nur oberflächlich nicht. Wir waren alle nicht dazu bestimmt, Freundschaft miteinander zu schließen. Ein Prostituierter, der Sohn eines Geschäftsmannes und eine Mörderin... wir lebten immer in unterschiedlichen Sphären. Karvash wollte uns zu trennen, also mussten wir verbergen, dass wir uns trafen. Jeder Mitwisser war gefährlich. Wir durften Tarn niemals sehen.
Aber letztendlich spielt das keine Rolle. Karvash muss durch irgendeine List dahinter gekommen sein, dass wir ihn hinhalten und begonnen haben, unseren Plan in die Tat umzusetzen. Tarn hätte niemand begegnen dürfen. Und genau deshalb sollten wir auch schon längst nicht mehr hier sein; wenn man uns mit euch sieht, bleibt uns nichts anderes mehr, als euch auszuliefern. Wir sind gescheitert, bevor wir überhaupt begonnen haben. Und das müssen wir einsehen, bevor es zu spät ist." Sie warf Gael einen grimmigen Blick zu, damit er auch ja verstand, wem ihre Worte galten, aber er ließ sich davon nicht beeindrucken.
„Ich widerspreche dir nach wie vor, meine Liebe", sagte er, sanfter als zuvor. „Es kann reiner Zufall sein, dass Oury und sein Gesindel ihn aufgespürt haben. Vielleicht haben sie auf eigene Faust agiert - dann ahnen sie nichts von unserer Involvierung. Wir können immer noch gewinnen."

Tarn hörte abwesend zu, während er mit verschränkten Armen aus den Fenstern sah. Seine Kopfschmerzen waren zurück, und sein Kopf drohte zu platzen. Und trotzdem, nach und nach, fügten sich alle Teile zu einem Bild zusammen. Und nichts davon gefiel ihm. Sie sprachen von Intrigen, von Karvashs Leuten, zu denen sie sich anscheinend nicht zählten.
Die Katze, die eine Weile lang niemand beachtet hatte, war währenddessen zu ihm geschlichten und strich um seine Beine, und er hob sie hoch, strich ihr über das Fell, und zumindest das beruhigte seine Gedanken ein wenig.

Er dachte an Ivoires Warnungen, wie bedrohlich sie waren, und wie seltsam gleichgültig sie ihm trotzdem waren.

Weil es um Anssi ging.
Anssi. Ausgerechnet jetzt kam er in sein Leben zurück. Ausgerechnet so. Und das war noch nicht das Schlimmste; er war in Gefahr. Und das bedeutete, dass Tarn, wenn er ihm irgendwie helfen wollte, zu Karvashs Anwesen zurück musste.
Alles in ihm sträubte sich gegen diese Vorstellung, und Jefrems warnende Worte hämmerten durch seinen Schädel.
Anssi ist der letzte Mensch, der dem alten Karvash entgegen steht!
Weiß nicht mal, ob das überhaupt irgendjemand wagt.
Er macht keine Geschenke, wenn er nicht einen Vorteil daraus ziehen kann.
Und er hat keine Geduld für Gebettel, nicht einmal um Gnade.


Was zur Hölle sollte er tun?

Hatte er nicht erst gestern beschlossen gehabt, Anssi aus seinem Leben zu streichen? Natürlich. Aber fast schien es ihm, dass gerade Anssi die Hand nach ihm ausstreckte, und wenn auch nur durch seine Freunde.
Ja, er glaubte ihnen, dass sie seine Freunde waren. Er hasste, dass er Ivoire glaubte, und hasste es noch mehr, dass er Gael glaubte. Ein kaltherziges Miststück und ein verzogenes Muttersöhnchen. Und doch... es hätte zu Anssi gepasst, dass er sie in seiner Nähe haben wollte. Er konnte es sich gut vorstellen, weil er fest stellte, dass ihm ihre Nähe nicht unangenehm war.
Verrückt.

Genauso verrückt wie der Gedanke, dass Anssi seine Hilfe angenommen hätte. Tarn erinnerte sich nur zu gut an ihre allerletzte Begegnung. An Anssis Gesichtsausdruck, und den blanken Hass in seinen Augen.
Aber er erinnerte sich auch an die anderen Dinge. Die Vertrautheit. Die Narben. Die Umarmungen. Die Verletzungen. All die Widersprüchlichkeit.
Ich habe dich ausgesucht. Ist das so abwegig?
Ich musste dich weg schicken. Die Arbeit ist wichtiger.
Lass dich hier nie wieder blicken, oder ich bringe dich um.

Hatte er Anssi jemals verstanden? Hatte er begriffen, was Karvash wirklich beabsichtigt hatte mit seinem Geschenk?
Wenn er kommen und ihn holen würde... würde Anssi überhaupt mit ihm gehen?

Behutsam setzte er die Katze auf dem Boden ab, und wandte sich wieder den anderen zu. „Warum glaubt ihr, würde sich Anssi von mir helfen lassen?", fragte er mit rauer Stimme. „Wenn ihr ihn kennt... dann müsst ihr wissen, was passiert ist."
Alle hielten erstaunt inne, vielleicht, weil sie nicht mehr damit gerechnet hatten, dass er sich zu Wort melden würde. Und dann war es ausgerechnet Gael, der sich um eine Antwort bemühte. „Ich weiß, er hat dich vor einigen Monaten sehr dramatisch abgewiesen. Ich denke, Anssi hat nicht damit gerechnet, dass du seinen Befehl sogleich umsetzen würdest. Er war außer sich... auf seine eigene Art."
„Was soll das heißen?"
Gael zuckte mit den Schultern, fast ein wenig verlegen. „Seine Marotten sollten dir doch wohl bekannt sein: es ist schwer, zu sagen, was er eigentlich mit seinen Worten und Taten ausdrücken will. Sowohl, wenn er aufgebracht ist, als auch, wenn er gerade zu Mehrdeutigkeiten und vagen Andeutungen aufgelegt ist."

Tarn konnte nicht anders, ein schmales Lächeln stahl sich auf seine Lippen. Dass ausgerechnet Gael so etwas sagte, wenn er selbst die Hälfte der Zeit so geschraubt sprach wie ein Gedichtband.
Und doch... er hatte Recht. So wenig Tarn das zugeben wollte, aber Gael musste Anssi kennen. Und da er nicht in der Lage war, seine Gefühle so gut zu verbergen, wie Ivoire das vermochte, schien noch etwas anderes durch seine Worte hindurch. Echte, tiefe Zuneigung. Und Hoffnung. Er hoffte immer noch, gegen jede Logik, gegen jede Wahrscheinlichkeit. Er war überzeugt davon, das Richtige zu tun, und überzeugt, dass Anssi es wert war. Warum? Nun, es konnte nur einen Grund geben. Die Erkenntnis war für Tarn verblüffend, und versetzte ihm aus dem Nichts einen Stich der Eifersucht.
„Wie viel liegt dir an Anssi?", fragte er ohne Nachzudenken, und Gael stutzte.
„Ich denke nicht, dass das hier zur Debatte steht", murmelte er, nachdem er sich verlegen geräuspert hatte. „Die Frage ist doch vielmehr: Liegt dir sein Wohlergehen immer noch am Herzen? Wärst du bereit, ihm zu helfen? Ihn zu retten, so wie er dich zu retten vermochte?"

Tarn schwieg, während er nach der Antwort auf diese gewaltige Frage suchte. Drei Augenpaare lagen auf ihm, beobachteten ihn, und er musste sich zwingen, sie zu ignorieren. Er wandte sich wieder ab, schloss die Augen, versuchte allein zu sein mit seinen Gedanken.

Ich will ihn haben.

Ja, Anssi hatte ihn gerettet. Er hatte ihn nicht sterben lassen.

Ich habe dich ausgesucht. Ist das so abwegig?

Aber er hatte noch mehr als das getan. Er hatte ihn herausgefordert. Ihn gezwungen, neu über seinen Platz nachzudenken. Über das, was er sich verboten hatte zu sein.

Du fühlst dich gut an.

Sie waren sich nahe gekommen. Davon war Tarn überzeugt. Auf eine Art, die er niemals erlebt hatte, und die er vielleicht niemals wieder erleben würde.

Was sind das für Narben?

Aber sie hatten sich auch verletzt. Sich gegenseitig zerfleischt, in dem Versuch, zu überleben, mit dem Wenigen, was sie hatten.

Was sollte er tun?
Was war der letzte Wunsch, den er nie gewagt hatte, wirklich auszusprechen?

Anssi?
Darf ich dich berühren?


Er öffnete die Augen, starrte hinaus aus dem Fenster, in den lichten Tag. Dann wandte er sich zu den anderen um, und fixierte Gael.
„Also gut, was muss ich tun?"




„Du weißt, dass wir jetzt alles aufs Spiel setzen, oder?", fragte Dion leise.
Er und Tarn hatten sich in ihr kleines Zimmer zurück gezogen, um die restlichen Sachen zu packen. Ivoire und Gael warteten in der Werkstatt auf ihre Rückkehr. Ivoire hatte sich letztendlich doch überzeugen lassen, den Versuch zu wagen, Anssi zu befreien, unter der Maßgabe, dass Dion sie unterstützen würde.

Dion wiederum hatte eine ganze Weile nur stumm beim Packen geholfen. Vielleicht hatte er abwarten wollen, ob sich Tarn eines Besseren besann. Bisher war das allerdings noch nicht geschehen.
„Ich weiß, dass es gefährlich ist", antwortete Tarn. Aber das war natürlich nicht geeignet, um Dions Sorgen zu zerstreuen. Seine eigenen leider auch nicht, sie nahmen eher mit jeder Minute zu. Wie kam er dazu, diesen Wahnsinn zu versuchen? Für wen tat er das? Für sich selbst? Für Anssi? Für Gael? Für niemanden?

Mutlos ließ er den Beutel, den er gerade noch in der Hand gehabt hatte, fallen und fragte gerade heraus: „Willst du, dass wir lieber verschwinden?"
„Ich weiß nicht", murmelte Dion und senkte den Kopf. „Aber es wäre wohl das Sicherste."
„Ja", stimmte Tarn zu, und er lachte verzweifelt. „Die beste Chance, unsere Haut zu retten. Warum riskieren wir es überhaupt? Es könnte uns ja auch egal sein, was mit ihm wird."
„Aber es ist dir nicht egal, oder?", fragte Dion und legte eine Hand auf seine Schulter. Sein Blick war voller Verständnis und Mitgefühl, und Tarn konnte ihn nicht ertragen. Weil er ihn entwaffnete, mehr als jeder Zweifel. Er umarmte Dion, vergrub sein Gesicht in seiner Halsbeuge. Er fühlte sich kaum im Stande, einen klaren Gedanken zu fassen, geschweige denn, eine schlüssige Erklärung abzugeben zu dem, was er vorhatte.
„Nein", flüsterte er heiser. „Ist es nicht. Ich muss verrückt sein."
Dion nickte sacht.
„Irgendwie schon. Wenn es um Anssi geht... schienst du schon immer ein bisschen verrückt zu sein."
Tarn wusste nicht, was er darauf erwidern sollte. Es war schwierig, der simplen Wahrheit zu widersprechen. Aber wenn er sich eingestand, dass er nicht mehr klar sah, wem hätte er dann die Entscheidung überlassen sollen?
„Du musst nicht mitkommen", murmelte er hilflos.
„Willst du nicht, dass ich mitkomme?", fragte Dion nach, und Tarn war nicht sicher, welche Antwort ihm lieber gewesen wäre. Dass er ihn lieber in Sicherheit gesehen hätte? Oder dass er seine Unterstützung brauchte?
„Eigentlich will ich dich dabei haben. Ich glaube, ich schaffe das nicht ohne dich", antwortete er schließlich wahrheitsgemäß, und Dion nickte.
„Wahrscheinlich nicht." Er schwieg lange, bevor er fortfuhr: „Und deshalb werde ich mitgehen."
„Bist du dir sicher?"
„Du hast mich gefragt, ob ich bei dir bleibe", erinnerte Dion ihn. „Ich hab ja gesagt. Ich hab es auch so gemeint."
„Ich auch."

Sie hielten sich fest, allein mit der Stille des Hauses und dem Schlagen ihres Pulses. Als wäre es ein Abschied. Vielleicht war es das auch. Ein Abschied von diesem Ort, von diesem Leben. Von der stillen Zweisamkeit, die sie so lange geteilt hatten, und die doch so brüchig war. Sie schien über Nacht rissig geworden zu sein, und Tarn hätte nicht einmal sagen können, wieso. Wie hatte er eines Tages aus der Tür gehen, und als ein anderer Mensch zurück kommen können? Er wusste, dass Dion sich die selbe Frage stellte, dass er instinktiv fühlte, dass etwas geschehen war.
„Was auch passiert, wir bleiben zusammen", sagte Tarn. Eine Versicherung, die ihnen beiden helfen sollte. Aber Dion antwortete nicht darauf. „Oder?", hakte Tarn nach, und erhielt als Antwort zuerst nur ein Seufzen.
„Ich hoffe es.

Sag mir nur eins. Wenn du Anssi wieder siehst... was wird dann passieren?"  

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