Kapitel 2

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„Zuerst fielen wir schier endlos durch Himmel und Wolken, streiften wattiges Weiß und strahlendes Blau. Es fühlte sich an, als würden alle Erinnerungen weggeweht, als blieben sie in den Wolken hängen. Und je mehr sie verblassten, desto leichter wurden wir. Aus dem freien Fall wurde allmählich ein Segeln. Und als wir schließlich durch die Baumwipfel glitten und langsam ins dichte Moos sanken, war da nichts mehr außer dem Moment. Wir lagen in absoluter Stille, spürten keinen Schmerz, kein Verlangen. Den Blick gen oben sahen wir den Dunst, wie er zwischen den Bäumen hing und von sanften Winden getragen die Zweige umspielte. Das Licht war rein und unschuldig. Tau tropfte herab und tränkte den Boden. Er benetzte uns und befreite uns von der Starre."

Aribert und Dörte merkten nicht, wie die Zeilen beim Lesen lebendig wurden, wie sie ganz mühelos zur Wahrheit wurden und dass sie längst über die Schwelle geglitten waren. Die Erinnerung kehrte wieder und so auch das Bewusstsein. Aribert setzte sich auf und betastete seinen Körper. Er war unverletzt. Das Moos unter ihm fühlte sich so weich an, wie er es sich nie hätte vorstellen können. Neben ihm lag Dörte und blickte apathisch hinauf in die Baumkronen. Alles wirkte, wie von purem Leben durchflutet, der Wald atmete, seine Farben leuchteten auf die natürlichste Art und Weise. Aribert hätte es für einen Traum halten können, doch alles fühlte sich echt an, so unmittelbar. Noch nie hatte er sich derart munter gefühlt, das konnte beileibe kein Traum sein. Und doch erwachte er.

***

Er lag mit Dörte im Gras, wieder zurück in seinem vertrauten Schrebergarten: neben ihnen das Gartenhäuschen, dort hinten die Kräuter, dazwischen der kleine Teich. Alles war ganz und gar alltäglich. Er konnte sich kaum zusammenreimen, was mit ihnen geschehen war. Das Erlebte schien ihm unglaublich kurz, doch war es jetzt eindeutig früh am Morgen. Aribert merkte, dass er das Buch immer noch in Händen hielt. Die Seiten waren wieder ebenso weiß wie beim ersten Aufschlagen. Stöhnend kam Dörte neben ihm zu sich.

„Abgefahren", murmelte sie und setzte sich langsam auf. Aribert sah sie eine Weile stumm an. Er hatte das Gefühl, irgendetwas zu diesem seltsamen Vorfall sagen zu müssen, er hatte nur keinen blassen Schimmer, was.

„Ich brauche einen Tee. Einen mit richtig Kraft!", meinte Dörte und sprang auf. „Willst du auch einen?"

Ariberts Kopf vollführte eine seltsame Mischung aus Nicken und Kopfschütteln. Er war ganz schön durcheinander. Dörte zog ihn hoch und schleppte ihn hinter sich her in ihre Hütte.

Nun saß Aribert schon wieder in diesem unbequemen Korbstuhl und starrte in eine Tasse Tee.

„Was war das nur?", murmelte er vor sich hin. Aribert war stets weit davon entfernt gewesen, Übersinnliches zu akzeptieren. Aber dieser Wald ging im nicht mehr aus dem Kopf. Dörte schien die ganze Sache dagegen nicht im Geringsten aus dem Gleichgewicht gebracht zu haben. Sie kramte ganz ruhig in ihrem Bücherschrank.

„Du hast das auch gesehen, oder?", fragte er vorsichtig in ihre Richtung.

„Den Wald? Ja, sicher!"

„Und wie, ich meine, was ...?", stammelte Aribert.

„Das war eine starke Vision", erklärte Dörte. „Ich hab von so etwas schon gehört. Das lag sicher am Mond!"

„Am Mond, ja."

„Das nächste Mal finden wir bestimmt mehr heraus", vermutete Dörte.

„Beim nächsten Mal ...", grübelte Aribert, der daran noch überhaupt nicht gedacht hatte. Er war sich nicht sicher, ob er bereit war, sich nochmal auf einen solchen Hokuspokus einzulassen.

„Du hast sicher auch gemerkt, dass das ein ganz besonderer Ort war, oder? Geradezu schicksalhaft!"

Dem konnte Aribert nicht widersprechen. „Schon", sagte er.

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