Tagesanbruch

38 3 0
                                                  

„Nein ... " Die Stimme des Mädchens war verzerrt von Verzweiflung, ihre Augen gefüllt mit Tränen. Noch ein letztes Mal blickte sie zu den beiden Männern neben ihr. Doch sie lagen noch immer regungslos da, ohnmächtig, ihre Gewänder durchtränkt von ihrem eigenen Blut.

Langsam kam der weißhaarige Mann, dem dieses Blutbad zuzuschreiben war, auf sie zu geschritten: Blanker Hohn in seinen Augen.

„Ihr dachtet, ihr würdet gegen mich bestehen? Gegen einen der schon tausende Jahre auf dieser Welt wandelt?" Sein trockenes Gelächter hallte von den Wänden der kleinen Kapelle wider und ließ Nathalies Atem stocken. Sie konnte sich an nichts erinnern, nachdem Maric sie weggestoßen hatte ... Doch was sie nur noch zu gut wusste, waren die Tage zuvor. Die Leichen ihrer Freunde und Nachbarn, Vaines irrsinnigen Plan, Maric eine Falle zu stellen ... Und das Lachen des Ahns, als er den magischen Kreis vollkommen unberührt durchschritt und sich auf Raul stürzte. Wie hatten sie nur je denken können, er würde in ihre Falle tappen?

Nath hatte zu Gott, zu allen Göttern, die es vielleicht geben mochte, gebetet, dass ihr Plan funktionieren würde ... doch sie hatten versagt. Sie war sich sicher, dass sie nun sterben würde, sowie die beiden an ihrer Seite ein zweites Mal den Tod sehen würden, der diesmal ihr endgültiges Ende sein würde.

Durch ein Fenster sah sie bereits die ersten Sonnenstrahlen. Wenn Maric die zwei nicht tötete, würde die Sonne das erledigen ... und ihr Leben würde er bestimmt auch nicht verschonen.

Nathalie blickte in Richtung des Kapellenkreuzes, unter dem Vaines abgerissenes Amulett lag. Dann auf das von Raul, welches Maric nach wie vor in der linken Hand hielt. Ihre Blicke brachten ihr ein weiteres höhnisches Lachen ein.

„Ich habe schon überlegt", richtete Maric das Wort an sie „Wie ich euch am besten erledige ... Rache, musst du wissen, muss sorgfältig überlegt sein. Sollte ich euch einfach zerfleischen? Euch verbrennen? Oder euch an den Rand eurer Kräfte bringen und dann der Sonne den Rest überlassen? Nun ja ..." Er begann wieder zu lachen und deutete auf den kleinen schwarzen Kristall in seiner Hand. „Wozu quäle ich mich mit Entscheidungen? Mir bleibt jedenfalls genug Zeit. Was unsere beiden Freunde angeht bin ich mir jedoch nicht so sicher."

Nathalie versuchte noch ein letztes Mal ihre Fesseln zu lösen, doch ohne Erfolg. Ihr schmerzerfülltes Stöhnen rang dem Ahn nur ein weiteres dunkles Lachen ab. Selbst wenn es ihr gelingen würde sich zu befreien – alleine hatte sie keine Chance. War sich bloß ein unbedeutender Mensch, der in einen Jahrhunderte währenden Kampf zwischen Vampiren geraten war.

Maric beugte sich zu ihr und nahm ihr Kinn in seine Hand, eine Berührung, die sie vor Abscheu erschaudern ließ. Konnte sie bloß noch ein letztes Mal Rauls Hand halten ... seine Lippen berühren und in diese tiefen, traurigen Augen blicken.

Nur der Gedanke daran trieb ihr erneut die Tränen in die Augen und so bemerkte sie den Schatten nicht, der sich langsam durch die offene Kapellentür schlich. Auch Maric, vertieft darin seine Rache vollkommen auszukosten, entging die Gestalt, die sich ihm langsam näherte. Das durch Pforte und Fenster fallende Licht hatte die am Boden liegenden Brüder schon beinahe erreicht, und auch Maric stand nicht weit von einem kleinen Sonnenfleck entfernt.

Die Geschehnisse der nächsten Sekunden überschlugen sich.

Nathalie sah, wie eine Hand nach vor schnellte und dem Vampir das Bändchen mit dem kostbaren Stein entriss, im nächsten Moment warf sich etwas auf ihn und zerrte den nun Ungeschützten ins tödliche Licht. Ein markerschütternder Aufschrei erklang und einen Atemzug später war von Maric nichts mehr geblieben als ein Häufchen Asche.

„Wer ... ?"

Die Person, die ihn umgerissen hatte rappelte sich mühsam auf und klopfte sich die Asche vom Körper. Nathalie konnte es kaum begreifen. Vor ihr stand eine junge Frau, kaum älter als sie selbst. Sie trug einen dunklen Trenchcoat und einen Schlapphut im selben Ton. Ihre brünetten Haare hingen in einem lose geflochtenen Zopf über ihre Schulter, im einfallenden Licht schienen sie fast golden. Mit einem entschuldigenden Lächeln kam sie auf Nathalie zu und löste mit einigen geschickten Handgriffen ihre Fesseln.

„Verzeih", ihre Stimme war hell, es schwang jedoch ein Klang der puren Entschlossenheit mit. „Ich bin etwas spät dran. Aber danke für die Ablenkung, das wäre sonst etwas schwieriger geworden. Ich muss zugeben, in der Geschichte der Ahnen ließ sich noch keiner so leicht töten wie er." Das Mädchen brachte kein Wort heraus, nur ein stummes Kopfschütteln konnte sie erwidern.

„Nathalie, nicht wahr? Und das sind", die Fremde deutete mit dem Kopf auf die am Boden liegenden Gestalten, „dann wohl Raul und Vaine?" Nathalie nickte bloß stumm, als ihr plötzlich wieder gewahr wurde, in welcher Gefahr die beiden Vampire nach wie vor schwebten. Sie wollte in die Ecke mit den Amuletten stürzten, doch schaffte es kaum aufzustehen. Die Fremde legte ihr beschwichtigend eine Hand auf die Schulter und hob die beiden Anhänger vom Boden. Behutsam band sie jedem der Männer einen um, dann warf sie einen raschen Blick in Richtung Eingang.

„Wir sollten wohl besser von hier weg, bevor wir noch gesehen werden ... die Situation könnte sonst jemanden dazu bewegen, eine ausführliche Erklärung zu verlangen." Erneut nickte das Mädchen bloß. Nach einigen Versuchen schaffte sie es endlich, aufzustehen und tat ein paar wackelige Schritte. Auf einen Deut der Fremden hin, ging sie zu Raul und versuchte vorsichtig, ihn aufzuwecken, doch trotz all ihrer Bemühungen blieb er regungslos liegen. Sie warf ihrer Retterin einen hilfesuchenden Blick zu. Diese hatte eben versucht, Vaine aufzuwecken, jedoch mit demselben Ergebnis wie Nathalie, was ihr einen Seufzer entgleiten ließ.

„Sieht so aus, als müssten wir sie tragen ... meinst du, du schaffst das?" Sie blickte sie kurz an, nur um die Augen zusammenzukneifen und mit einem weiteren Seufzen den Kopf zu schütteln, dann fluchte sie leise. „Wenn dieser unfähige Nichtsnutz - " Ihr Satz wurde jäh von einem gewaltigen Rumpeln unterbrochen. Bloß Augenblicke später öffnete sich das kleine Portal der Kapelle und eine verhüllte Gestalt stolperte in den mittlerweile von Sonnenlicht erhellten Raum.

Nathalie positionierte sich sofort schützend vor Raul, doch ihre Retterin schritt entschlossen auf den Neuankömmling zu und riss ihm die Kapuze vom Kopf. Zum Vorschein kam ein junger Mann mit blonden, welligen Haaren, der entschuldigend lächelte. Kurz legte sich ein wütender Schimmer über die Augen der Frau, doch nachdem sie einen Moment zögerte und zu überlegen schien, schüttelte sie nur stumm den Kopf.

„Du bist zu spät." Ihr Ton sandte kalte Schauer über Naths Rücken. Nur Augenblicke später schritt sie auf Vaine zu, packte den ohnmächtigen Vampir unter der Schulter und hievte ihn hoch. „Wir müssen hier raus, bevor uns jemand findet." Der blonde Mann nickte nur kurz, dann tat er es ihr gleich und folgte ihr mit Raul durch das Portal.

„W ... wartet!" Nathalie stolperte den beiden hinterher und berührte die Fremde am Arm. Diese drehte ihr nur kurz den Kopf zu und hob fragend eine Augenbraue. „Wer ... nein, WAS seid ihr?" Die beiden Fremden blickten sich kurz an, dann wandte sich die Fremde wieder Nathalie zu, diesmal mit einem sachten Lächeln.

„Verzeih, ich vergaß wohl, mich vorzustellen. Mein Name ist Aya und das ist David Ancheston." Sie deutete auf den Mann neben ihr, der sie fröhlich anlächelte. In seinen blauen Augen spiegelten sich Neugierde und Begeisterung wieder. „Und auf die Frage nach dem Was ... Nun ja, wir sind Menschen, wenn du das meinst – aber wir sind Jäger."

Nathalie spürte, wie das Blut aus ihrem Gesicht wich und ihr das Atmen immer schwerer zu fallen schien. Erst als sie aus ihrem Blickfeld verschwunden waren und sie den Beiden, die nach ihrer Antwort einfach weitergegangen waren, so schnell wie es ihr möglich war hinterher lief, wurde ihr klar, was diese Aya gerade gesagt hatte.

Sie waren Jäger, und Jäger hatten nur ein Ziel: Vampire zu jagen. Und zu töten.

HunterWo Geschichten leben. Entdecke jetzt