Jenny POV 

Ich kam gerade angezogen in Hoodie und Jeans aus dem Bad, als mir Kevin vor die Füße lief.

"Wir brauchen Geld.", murmelte dieser, da es gestern ja nicht so gut gelaufen war.

"Ich weiß.", entgegnete ich.

"Ich hab Zeitungen, die du verkaufen kannst. Bei dir, werden sie die wohl eher kaufen, als bei mir, hure einfach ein wenig rum.", lächelte er fordernd und ich verdrehte die Augen.

"Okay.", sagte ich einverstanden und zog mir meine Kapuze über den Kopf.

Er reichte mir einen Stapel Zeitungen, anscheinend eines alten Hip-Hop Schuppens und dann verließ ich das Haus. Dieser Tag des Februars war ziemlich eisig und ich rieb die Hände aneinander, um das Gefühl in ihnen nicht zu verlieren. Ich stapfte den Weg entlang bis auf die Einkaufsstraße London. Dort herrschte schon viel Verkehr, es musste wohl schon Mittagszeit sein. Sicherlich habe ich wieder so lange geschlafen. Das gestern war einfach zu viel für mich. Die Gedanken der schrecklichsten Nacht, die ich eigentlich tief in mir verschlossen war, sollten nicht hochkommen aber sie hatten es getan und mich damit kalt erwischt. Der Typ, der mir das alles angetan hatte, lief noch frei herum und das machte mir die meiste Sorge. Er könnte gerade in diesem Moment auf der Straße hier unterwegs sein und... Ich schüttelte den Gedanken vehement von mir ab, platzierte die Anzeigeblättchen auf meinem Arm und stand mir die Beine in den Bauch. Es war schwer gerade zu stehen, da ich wegen der Schwangerschaft extreme Rückenschmerzen bekommen. Ich wollte es ignorieren. Dieses Kind gehört nicht zu mir.

"Wollen Sie eine Zeitung kaufen?", lächelte ich einen Mann in Anzug an.

Er scannte mich nur herablassend ab und es vergingen keine zwei Sekunden bis er mit seinem Aktenkoffer weg ging. Das war wahrscheinlich nicht so meine Kundschaft. 

"Arschloch.", flüsterte ich und streckte unauffällig einen Mittelfinger in seine Richtung aus.

Es vergingen weitere Minuten und ich beschloss mich hinzusetzen. Gedankenverloren blickte ich auf die Menschen, die an mir vorbei liefen und sich darüber beschwerten, wo denn der Frühling geblieben wäre. Da kam ein alter Mann und setzte sich neben mich. Er schenkte mir ein Lächeln und ich erwiederte es schüchtern.

"Ich verkaufe Zeitungen, wollen Sie Eine?", fragte ich höflich.

"Gern' mein Kind, ich nehm' Eine.", sagte er und gab mir das geforderte Geld.

Während er auf der Stelle las und ich mir sicher war, dass er sie nur wie viele durch Mitleid gekauft hatte, stand ich wieder auf und versuchte den Menschen eine Zeitung anzudrehen. Ich drückte vor Schmerz die Augen zusammen, doch ich würde nicht eher aufhören bis ich alle über die Theke gebracht hatte. Tatsächlich begannen die Menschen interessiert zu fragen und kauften die Zeitung dann aber nur aus Mitleid. Lag es an meinem Aussehen? Ja, ich war fertig mit den Nerven, litt unter Traumata, wurde gestern fast wieder vergewaltigt. Ich hatte meine Gründe so auszusehen. Wer würde da nicht so aussehen?! Oder war es mein Bauch, der sie dazu stimmte sie zu kaufen? Sie dachten wahrscheinlich: "Das arme Mädchen ohne Zukunft, muss in so einem Zustand betteln. Die werde ich unterstützen."

Ich kam alleine zurecht. Eigentlich sollte ich einen Preis dafür bekommen, so stark zu sein. Es war vielleicht nicht jedem das Seine, dass Geld so unehrlich wie ich zu verdienen aber was hatte man in dieser Zeit für eine Wahl im Ghetto? Die Zeit hatte mich geprägt und das bezieht sich nicht nur auf die Vergewaltigung vor acht Monaten. Ich war verwahrlost und es war gut, dass ich wenigstens die Anerkennung, die ich nie bekommen hatte durch Jungs, Drogen und Partys erhielt. Ich hatte mich daran gewöhnt von ihnen angeschmachtet zu werden aber bis auf die zwei Male gestern und vor acht Monaten, die sich davon in so fern unterschieden, dass ich nicht die Überhand hatte, konnte ich gut diese Rolle spielen. Doch sie hatte mir das Leben echt schwer gemacht und meine Fassade schien zu bröckeln, zwar sehr langsam aber sie tat es. Mein ganzes Leben war zum Wegschmeißen verurteilt. Niemand würde sich an mich zurückerinnern, denn ich war Müll. Restmüll.

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