66. 180 (Stella)

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„Tretet ein, meine Herren", begrüßte Reta die beiden Jungs vor ihrer Haustür und bedeutete ihnen mit einer Geste, dass sie ihren Aufenthalt im Treppenhaus nun beenden konnten.

„Hier wohnst du also", sagte Nicht Paul und betrat als erster die Wohnung.

Jonas tat es ihm nach.

„Wie hast du eigentlich geschlafen, Jonas?", erkundigte sich Reta währenddessen.

Jonas' Miene verdüsterte sich. „Ausgezeichnet, bis ein gewisser Jemand mit ausgefallenem Schlafrhythmus mein Geheimversteck ausfindig gemacht hat."

„Übertreib mal nicht, das war kein Geheimversteck. Es war die offensichtlichste Erklärung für dein leeres Bett", entgegnete Nicht Paul, der stehen geblieben war, damit Reta die Führung zu ihrem Zimmer übernehmen konnte.

„Das werden wir ja sehen. Reta, was glaubst du, wo ich übernachtet habe?", fragte Jonas.

„Auf der Couch im Wohnzimmer", kam es trocken von Reta, als sie die Haustür wieder abgeschlossen hatte und die beiden Jungs nun in ihr Zimmer geleitete.

„Verdammt", sagte Jonas.

Nicht Paul lachte nur.

Das Lachen verging ihm, als sie bei Retas Zimmer ankamen.

„Dies ist mein Zimmer", stellte Reta ihr Zimmer vor. Die Tür stand sperrangelweit offen.

Jonas fand als erster den Mut, hineinzutreten.

Dann folgte ihm Nicht Paul.

„Ich finde, ich habe mich selbst übertroffen", sagte Reta.

„Wovon spricht sie?", fragte Nicht Paul.

„Ich glaube, sie hat aufgeräumt", sagte Jonas.

„Natürlich habe ich aufgeräumt. Jetzt ist alles an seinem Platz. Dafür habe ich den gesamten Morgen gebraucht. Aufgeräumter geht gar nicht", stellte Reta klar.

„So sieht mein Zimmer nicht mal im unaufgeräumtesten Zustand aus", sagte Nicht Paul.

„Da kann ich mich dir nur anschließen, Cousin", sagte Jonas. „Aber du hast dein Bestes gegeben, Reta, und das schätzen wir."

Nicht Paul nickte beharrlich. „Ist nur ein bisschen unordentlich."

„Pah, ihr könnt auch wieder gehen." Reta verschränkte die Arme und schmollte wie ein kleines Kind.

„Es ist schön hier", lenkte Nicht Paul ein.

Da sich in Retas Zimmer kein einziger Umzugskarton mehr befand und kein Kram mehr überall im Zimmer rumlag (sondern nur noch auf Schränken, Schreibtisch und in Regalen), konnte sich auch Nicht Paul mit seinen Krücken problemlos in Retas Zimmer fortbewegen. Und das nutzte er aus.

„Du hast verdammt viel Zeug", stellte Nicht Paul fest.

„Liegt daran, wenn man sich nicht auf Interessen festlegen kann", erklärte Reta.

„Also, was machen wir jetzt?", fragte Nicht Paul, als er sich auf Retas Schreibtischstuhl niederließ.

Skeptisch betrachtete Jonas seinen Cousin. „Dir ist klar, dass du auf einem Schreibtischstuhl sitzt, oder?"

„Ich falle schon nicht runter", beruhigte ihn Nicht Paul.

„Bei dir weiß man nie", erwiderte Jonas.

Und dann war es soweit. Retas Klumpen klingelte zum ersten Mal in Anwesenheit von Nicht Paul.

„Mein Klumpen!", rief Reta verzückt. „Er lebt!"

Tatsächlich hatte Reta ihn beim Aufräumen verloren und nicht damit gerechnet, ihn so bald wiederzufinden. Doch nun konnte sie ihn von einer Kommode fischen, wo er unter verschiedenen Gegenständen begraben lag. Triumphierend hielt sie ihn hoch.

„Du hast Recht, das Ding hat mehr Ähnlichkeit mit einem Klumpen als mit einem Handy", sagte Nicht Paul.

„Eben", sagte Reta und sah auf das Display. „Es ist Stella."

„Das ist nicht das Mädchen, der ich Stylingtipps gegeben habe, oder?"

„Nein, das war Diana", bestätigte Reta.

„Moment, du hast was?" Nicht Paul schien ehrlich interessiert an der Geschichte zu sein.

„Er hat ihr nicht wirklich Stylingtipps gegeben. Aber er war nah dran", stellte Reta richtig. Und dann nahm Reta das Telefonat entgegen.

Reta: „Hey Stella."

Reta bedeutete den Jungs, leise zu sein.

Jonas und Nicht Paul: „Hey Stella!"

Damit fingen sie sich einen genervten Gesichtsausdruck Retas ein.

Stella: „Hey Reta, hey, mysteriöse Stimmen aus dem Hintergrund. Soll ich später nochmal anrufen?"

Reta: „Nein, die sind eigentlich ganz nett, können aber nicht leise sein. Ich stell dich mal auf laut. Also, der eine heißt Jonas und der andere... nun ja, er heißt jedenfalls nicht Paul."

Nicht Paul: „Wow, tolle Vorstellung, Reta. Jetzt hält mich Stella garantiert für seltsam."

Jonas: „Das ist doch nichts Neues für dich."

Stella: „Hi!"

Nicht Paul und Jonas: „Hi!"

Stella: „Neue Freunde von dir?"

Reta: „Kann man so sagen. Jonas hab ich hier in Dagen kennengelernt und Nicht Paul hat mich irgendwann angerufen und nie wieder damit aufgehört. Es stellte sich heraus, dass die beiden Cousins sind und jetzt hängen wir zu dritt ab."

Stella: „Schön, sehr schön. Und jetzt komme ich ins Spiel."

Reta: „Hm?"

Stella: „Erinnerst du dich nicht an meinen letzten Anruf? Er ist zwar eine Woche her, aber inzwischen habe ich alles Nötige geklärt. Ich habe mir sogar schon eine passende Zugverbindung rausgesucht."

Reta: „Du redest von unserem Treffen."

Stella: „Jap, das tue ich. Würde dir dieser Freitag passen?"

Reta: „Das ist in drei Tagen. Klar!"

Stella: „Sehr schön. Ich könnte gegen Mittag da sein."

Reta: „Großartig. Ich schicke dir meine exakte Adresse noch per WhatsApp."

Stella: „Perfekt."

Reta: „Ich freu mich!"

Stella: „Ich mich auch. Ach, und Reta..."

Reta: „Ja?"

Stella: „Deine anderen Freunde können natürlich gerne auch kommen."

Nicht Paul und Jonas sahen sich an und nickten zufrieden.

Reta: „Okay, cool. Dann bis Freitag, Stella."

Stella: „Bis Freitag."

Reta legte auf. Ein gemeinsames Treffen also. Mit Stella, mit Jonas und mit Nicht Paul.

Aber der Satz hallte noch immer in Retas Kopf nach.

Deine anderen Freunde können natürlich gerne auch kommen.

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