Vergangen

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Kaum zwei Schritte zur Tür hinein, hatte Raul sich auch schon in Nathalies Arme geworfen.

Vaine betrat die Wohnung in respektvollen Abstand dahinter und warf dem Pärchen nur kurz einen angewiderten Blick zu. So viel Herumgeturtel schlug auch dem hartgesottensten Italiener irgendwann auf den Magen.

„Komm erstmal rein, du siehst völlig durchgefroren aus!"

Trotz ihres strahlenden Lächelns brachte Raul als Antwort nur ein halbherziges Grinsen zustande.

„Kein Wunder, hast du in letzter Zeit aus dem Fenster gesehen?" Vaine antwortete anstatt seines Bruders und deutete auf die, noch halb geöffnete, Tür. Da Nath nicht wusste, worauf konkret er hinaus wollte, wagte sie einen kurzen Blick hinaus ... in den weißen Vorgarten.

„Was zur ... ?"

„Es hat vor einer Stunde angefangen zu schneien", seufzte Raul und wankte kraftlos in die Küche, er wirkte mitgenommen und das schien nicht nur am Wetter zu liegen. Ohne große Umwege ließ er sich auf die kleine Eckbank fallen, Nath nur wenige Schritte hinter ihm.

Sie musterte Vaine kurz misstrauisch, doch sagte nichts, als er sich gegen die Küchenzeile lehnte. Ihre Aufmerksamkeit galt immer noch Raul und das erwartungsvolle Beben ihrer Lippen ließ den Mann merklich erblassen.

„Du sagtest, du erklärst mir alles, sobald ihr zurück seid."

Für einen Moment schien Raul mit sich zu ringen, blickte hilfesuchend zu seinem Bruder, der allerdings abwehrend die Hände hob.

„Das ist deine Baustelle, Brüderchen. Ich hab' versprochen, mich nie wieder in deine Liebesangelegenheiten einzumischen." Vaines Mundwinkel zuckten merklich, als ihn Rauls finsterer Blick ihn traf.

„Es würde sie in Gefahr bringen - "

„Das ist sie bereits. Es ist zu spät um einen Rückzieher zu machen, sie muss wissen, wovor sie sich schützen muss."

„Gefahr? Welche Gefahr? Was ist los, Raul?" Sie atmete schwer und wurde von Sekunde zu Sekunde unruhiger. Und wer konnte es ihr auch verdenken?

Einen Augenblick zögerte Raul noch, dann begann er zu sprechen. Langsam, stotternd und zaghaft - als fiele es ihm schwer, sich zu entsinnen, was geschehen war. Doch Vaine wusste, dass er sich glasklar an alles erinnerte. So klar wie er selbst. Dass er das harte Pflaster unter seinen Füßen spürte, die salzige Meeresluft schmeckte und die Angst ihm die Brust zu schnürte, mit jedem Schritt, den er vorwärts tat.

 Dass er das harte Pflaster unter seinen Füßen spürte, die salzige Meeresluft schmeckte und die Angst ihm die Brust zu schnürte, mit jedem Schritt, den er vorwärts tat

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Italien 1622 | Capua

„Langsam zweifle ich daran, dass das alles eine gute Idee war."

„Denk nur an das Lächeln auf Francescas Gesicht. Die leichte Röte auf ihren Wangen, wenn du vor ihr auf die Knie gehst und die erstickten Tränen in ihrer Stimme, wenn sie dann ja sagt - und den schönsten Ring entgegen nimmt, den ganz Italien je gesehen hat." Trotz Vaines schwärmerischer Worte wirkte Raul nach wie vor nicht überzeugt.

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