P I L O T → Tag 1 - 4. Geburtstag

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Die Turmuhr vor Annies Fenster schlug 12, als sie von einem lauten Krachen, gefolgt von einem leisen Fluchen aufgeweckt wurde. 

Erschrocken schlug sie die Augen auf und suchte damit das Zimmer ab, zu verängstigt, um sich zu bewegen. Das Mondlicht, das durch das Fenster fiel, erhellte den Raum genug, um sämtliche Konturen sichtbar zu machen. Sorgfältig suchte sie das fremd wirkende Zimmer nach etwas ungewöhnlichem ab, nach etwas, das das Geräusch verursacht haben könnte. Von ihrem Bett aus sah sie auf einen alten, massiven Kleiderschrank, dann weiter auf das holzgerahmte Fenster, durch das sie undeutlich die Lichter der Stadt erkennen konnte, daneben ein Schreibtisch, auf und unter dem sich Umzugskartons stapelten, daneben eine Lampe in Scherben auf dem Boden. Das war es bestimmt gewesen, was sie hochgeschreckt hatte.

Sie tastete einige Sekunden lang links neben sich nach dem Schalter ihrer Nachttischlampe, bis ihr wieder einfiel, das sie sich nicht mehr in ihrer alten Wohnung in Dresden befand. Einen Moment musste sie überlegen, dann setzte sie sich auf und streckte ihr Hand nach oben aus, um an der kleinen Kordel zu ziehen, die dort hing. Flackernd leuchtete die Glühbirne über ihrem blonden, verwuscheltem Kopf an und erhellte das Zimmer, in dem sie sich befand. Die Wände waren frisch weiß verputzt, ein wenig krümelig, und dunkle, schwere Holzbalken zogen sich die hohe Decke entlang. Mit einem Blick in Richtung Schreibtisch stellte das kleine Mädchen fest, das die am Boden liegende Nachttischlampe aus Milchglas in tausend Teile zerschmettert war. Einen Moment zögerte sie – Mama hatte gesagt, sie soll keine Scherben anfassen –, dann schlug Annie entschlossen ihre pink karierte Decke zurück und setzte ihre kleinen, nackten Füße auf dem Boden auf.

Nur das es nicht der Boden war.

Erschrocken quiekte sie auf, als sich etwas Warmes unter ihren Fußsohlen bewegte, und zog sofort wieder die Beine zurück aufs Bett. Vorsichtig beugte sie ihren Oberkörper langsam vor, über den Rand ihres Bettes zu sehen können. Sie hielt die Luft an, als sie dort ein weiteres Paar Augen erblickte, das zurück blinzelte. Ausdruckslos starrten die eisblauen Augen zurück, dann sprang der Fremde plötzlich vom Boden auf und blieb vor dem Bett des kleinen Mädchens stehen, das zurückschreckte und seine Decke fest umklammert hielt.

Verwundert blickte der Mann sie an. „Was machst du denn hier?“, fragte er und betrachtete sie eingehend, indem er seinen Kopf nach links und rechts schief legte.

Der erschrockene Ausdruck wich aus Annies rundem Gesicht und machte einem irritierten Platz. Sie löste ihren Griff um die Decke. „Musst das nicht eigentlich du sagen?“, konterte sie mutig.

Ein Schmunzeln erschien auf den schmalen Lippen des jungen Manns. „Ich“, begann er, „bin schon lange hier.“ Er ging mit seinem Gesicht ganz nah an Annies heran, die trotzig zurück starrte. „Dich hingegen seh' ich aber zum ersten Mal hier.“ „Ich bin gerade hier eingezogen“, erklärte sich das Mädchen und zog die Augenbrauen in die Höhe.

„Ach, so ist das also“, meinte der Fremde und zog sich zurück, um mit einem Finger über die frisch verputzte Wand zu fahren, von der sich einige Krümel lösten und zu Boden rieselten. „Das erklärt einiges. Entschuldige das mit der Lampe, ich hatte sie nicht hier erwartet.“

Nun schaute der kleine Blondschopf vollkommen verwirrt drein. „Wer bist du?“, wollte sie wissen und verschränkte die Arme vor ihrem kleinen Körper, als würde sie dadurch bedrohlich wirken.

„Roman“, antwortete er sofort und ließ sich neben das Mädchen auf die Matratze fallen, wobei das Lattenrost protestierend quietschte. „Und du?“ „Annie“, sagte das Mädchen und nahm sich ihren Teddybären, Miss Luna, vom Kissen und drückte ihn an ihre Brust. Dann sah sie Roman an.

„Du siehst ganz schön zerlumpt aus, weißt du das?“, entfuhr es Annie, und Roman lachte kurz auf. „Hey, das sind meine besten Klamotten!“, verteidigte er sich. Skeptisch beäugte sie ihn von oben bis unten. Er trug ein altes, weißes Hemd, das einen seltsamen Gelbstich aufwies und dem mehrere Knöpfe fehlten. Die linke Hälfte des Hemds war unordentlich in eine abgewetzte schwarze Hose gesteckt, in deren rechten Hosenbein ein klaffendes Loch prangte, sodass sein gesamtes Knie sichtbar wurde, während die rechte heraushing. Seine alten, schwarzen Lederschuhe waren genauso altmodisch wie der Rest seines Auszugs, dazu waren sie verstaubt und die Sohle löste sich an den Zehen ab. „Du bist aber arm“, stellte Annie trocken fest, worauf Roman wieder lachte.

Das Mädchen wandte sich dem Mann zu und sah ihm ins Gesicht. „Weißt du, eigentlich muss ich meine Mama rufen, wenn jemand fremdes im Haus ist und ich Angst habe“, merkte sie an.

Roman schürzte die Lippen und sah sie aus wachen Augen an. „Hast du denn Angst?“, hakte er nach. Annie schüttelte den Kopf. „Nein, irgendwie nicht. Ich glaub', ich muss keine Angst haben“, sagte sie und Roman lächelte über ihre Naivität. „Nein, musst du wirklich nicht“, versicherte er ihr dennoch, und das Mädchen erwiderte sein Lächeln. Dem braunhaarigen Jungen fiel auf, das ihr ein Schneidezahn fehlte, wodurch sie ein wenig lispelte.

„Wie alt bist du denn?“, wollte sie wissen und blickte ihn aus großen blau-grünen Augen an.

„Ich bin 18, und du?“ Annie grinste breit. „Ich bin schon 4“, erklärte sie stolz, „Heute ist mein Geburtstag!“ „Alles Gute zum 4. Geburtstag, Annie“, wünschte Roman ihr und bot ihr von der Seite die Hand an, welche sie ergriff und mit sehr ernstem Gesichtsausdruck schüttelte, so kräftig sie konnte. „Na, reiß mir doch nicht gleich den Arm ab“, scherzte der Junge und zog seine Hand zurück. „Tut mir leid“, entschuldigte sich das Mädchen mit sichtbar schlechtem Gewissen, und er unterdrückte mühsam sein Lächeln. Nur seine Mundwinkel zuckten ein wenig und verrieten ihn.

„Mama sagt immer, ein fester Händedruck macht einen guten Eindruck aus“, erzählte sie und Roman nickte. „Deine Mutter klingt nach einer sehr schlauen Frau“, bemerkte er und Annie bejahte eifrig. „Ja, Mama weiß alles und kann ganz toll erklären“, bestätigte sie, „Ist deine Mama auch so schlau?“ Ein Schatten schlüpfte über Romans Gesicht und seine Augen wurden düster, doch der Moment war so schell vorbei, dass Annie sich sicher war, sich das Ganze eingebildet zu haben.

„Ja“, sagte Roman und fummelte am Saum seines Hemdes herum, ohne Annie anzusehen. Plötzlich schlug die Turmuhr gegenüber einmal laut, und Roman riss den Kopf hoch und sprang auf. „Ich – ich muss gehen“, stotterte er, und Annie sah verwundert zu, wie seine Umrisse verschwammen „Meine Zeit ist um. Erschreck dich nicht, Annie.“ Der letzte Satz war nur noch ein entferntes Flüstern, als seine Figur immer undeutlicher, durchsichtiger wurde und schließlich ganz verschwand.

die widmung geht an Vicky, weil sie sich mein rumgejammere wegen der geschichte schon seit monaten anhören muss und immer geduldig gelesen und geholfen hat, danke xoxo

 

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