K a p i t e l 3 0

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"Mit dem Kind ist alles in Ordnung."

Ich fühle mich noch immer derartig betäubt, dass ich kaum Erleichterung empfinde. Ich kann bloß kenntnisnehmend nicken und mir ein "Gott sei Dank" abringen. Zum Glück haben wenigstens die Krämpfe aufgehört, doch mein Hals fühlt sich staubtrocken, meine Lippen rissig und blutig an. Ich sehne mich nach einem dunklen Raum und Ruhe. Einfach Ruhe. Zu gerne würde ich schlafen. Schlafen und vergessen.

Die Ärztin verlässt das Behandlungszimmer vor mir, nachdem die Untersuchungen abgeschlossen sind, und geht zum Empfangstresen, um etwas drucken zu lassen. Ich blicke mich nach Chloe um, möchte wissen, wo sie ist, möchte, dass sie mich hier wegbringt. Ich hasse solche hektischen, pseudo-sterilen, unpersönlichen Notaufnahmen mehr als alles andere.

Endlich sehe ich sie aus einem der Warteräume eilen, über ihrem Arm trägt sie meine Jacke und meine Tasche und blickt mich forschend an, sobald sie vor mir steht. Mittlerweile sieht sie nicht mehr verweint aus. Merkwürdigerweise ist in ihren grauen Augen so etwas wie Angst zu lesen. Ihre Iris flackert unruhig hin und her und sucht mein Gesicht ab nach Anzeichen dafür, dass ich mein Kind verloren habe. Ich weiß, dass sie das befürchtet.

"Es ist alles gut", lasse ich sie wissen. Ihr angehaltener Atem entweicht prustend ihren Lungen, sie senkt den Kopf. "Gott sei Dank", flüstert sie. "Ich hatte solche Angst." "Wirklich?", hake ich nach. "Natürlich." Sie hilft mir in meine Jacke und streicht gedankenverloren eine Haarsträhne hinter mein Ohr. "Ich will, dass es euch gut geht."

Ich komme nicht dazu, zu antworten, denn die Ärztin funkt dazwischen. "Sie müssen aufpassen, Frau Ruben", warnt sie mich und überreicht mir meine Unterlagen. "Ihr Kind ist sehr klein für sein Alter und reagiert sehr, sehr empfindlich. Ruhen Sie sich aus. Bleiben Sie ein paar Tage zuhause. Auf keinen Fall dürfen Sie sich aufregen oder stressen, hören Sie? Das ist sehr wichtig, gerade in dieser Phase der Schwangerschaft. Ich wünsche Ihnen alles Gute." Endlich geht sie. Ich nicke zu jeder ihrer Anweisungen, als hätte man mich aufgezogen. Das alles sind Tipps, die sich leicht geben lassen, aber sie hat keine Ahnung, was in meinem Leben momentan los ist.

Endlich verlassen wir die Praxis und stehen vor dem Krankenhaus an der frischen Luft. Ich atme tief ein und wieder aus. Schlagartig kehrt mein Bewusstsein zurück und die Wucht, mit dem es mich erreicht, tötet mich beinahe.

"Oh Gott...", flüstere ich, meine Gedanken schweifen ab zu den heutigen Geschehnissen. In meinem Kopf herrscht Chaos. Gedanken blitzen auf und verschwinden wieder, bevor ich sie greifen kann. Ich merke, wie mein Atem hektisch wird, ohne, dass ich etwas dagegen tun kann. "Was ist mit deiner Schwester?"

"Nichts Schlimmes", erzählt Chloe und lächelt dabei leicht. "Sie ist im Dunkeln an der Landstraße entlang gelaufen, als ein Auto kam gestolpert und den Wall herunter gefallen. Sie hat eine leichte Gehirnerschütterung und kommt morgen früh nachhause." Jedes ihrer Worte beruhigt mich ganz und gar nicht. "Es ist meine Schuld", stoße ich hervor. "Wenn ich nicht wäre, wäre sie niemals auf die Idee gekommen, wegzulaufen. Und -" "Maria...", setzt Chloe an, doch ich lasse sie nicht zu Wort kommen. "Sie wird mich auf ewig hassen. Genau wie deine Eltern. Und die Schule... Und deine Eltern! Oh Gott, hat sie irgendjemandem etwas gesagt?! Ich werde gefeuert werden! Vielleicht muss ich sogar vor Gericht! Und Patricia..." "Maria!", unterbricht Chloe mich gellend. Ihr Ausruf durchdringt den Wortnebel in meinem Kopf. Ich blicke sie verstört an.

Ihre dunkelbraunen Haare haben sich zu einem Großteil aus dem Knoten gelöst, zu dem sie sie am Morgen hastig zusammengebunden haben muss. Ihr Gesicht ist blass und unter ihren Augen liegen Schatten. Ihr Blick selber jedoch ist so weich und hell und voller Liebe, dass ich augenblicklich ruhiger werde. Ich habe beinahe vergessen, dass das Chaos sie genau so sehr betrifft wie mich. Ich habe beinahe vergessen, dass ich mir ihrer Unterstützung sicher sein kann, immer und überall.

"Sie hat niemandem etwas gesagt."

Ich atme erleichtert auf und habe das erste Mal seit wir losgefahren sind wieder das Gefühl, richtig Luft zu bekommen.

"Du sollst dich nicht aufregen, und ich flehe dich an, halte dich daran!", stößt Chloe hervor und schlingt beide Arme um meinen Oberkörper. Ihr scheint wirklich etwas an diesem Baby zu liegen, ihr liegt etwas an mir, was sie mir immer und immer wieder beweist. Ich lasse mich gegen sie sinken und spüre augenblicklich einen Schauer der Wärme und der Geborgenheit durch mich fließen. "Ich bringe dich jetzt nachhause", flüstert sie leise in mein Ohr, ohne mich loszulassen. "Alles wird gut." Sie versäumt es, so etwas wie Ich verspreche es zu sagen, doch ich nehme ihr das nicht übel. Chloe verspricht nie etwas, was sie nicht auch halten kann, und ich weiß, sie wird alles dafür tun, damit es uns gut geht. Gestern noch liebte ich all die Zweifel und all die Sorgen aus ihrem Körper heraus, heute ist sie diejenige, die mich auffängt. Ich bin ihr so dankbar dafür.

Wir steigen in mein Auto ein, wobei Chloe darauf besteht, diesmal zu fahren. Sie startet den Motor, manövriert uns rückwärts aus der Parklücke hinaus und steuert auf die Ausfahrt des Krankenhausparkplatzes zu. Mein Blick fällt aus dem Fenster auf ein junges Paar, das soeben das Gebäude verlässt. Sie ist kaum älter als Chloe, ihre erdbeerblonden Haare fliegen im Wind und strahlen in der Nachtbeleuchtung des Krankenhauses wie ein Heiligenschein, als sie die Tür aufhält für ihren dunkelhäutigen Freund. In seinen Armen trägt er ein kleines Bündel und blickt es so stolz und verliebt an, dass mir schlagartig eiskalt wird. Zum ersten Mal seit es passiert ist, realisiere ich, was hätte passieren können.

"Chloe", krächze ich leise und greife nach ihrer Hand, die das Lenkrad festhält. Sie zuckt kaum merklich zusammen, weil meine Haut sich enorm kalt anfühlen muss. "Halt an!" "Ich kann doch nicht..." "Halt an!" Fast schreie ich. Achtzig Meter weiter lenkt Chloe den Wagen zur Hälfte auf den Grünstreifen und schaltet die Warnblinkanlage an. Ich dirigiere ihre Hand auf meinen Bauch und halte sie dort fest, um das Zittern meiner eigenen Finger zu unterdrücken. "Es hätte tot sein können", wispere ich.

"Ja", erwidert sie. "Und daran wäre Patricia Schuld gewesen." Ihre Stimme klingt verbittert. "Es hätte einfach tot sein können", wiederhole ich. "Vielleicht wäre es nie geboren worden. Vielleicht wird es nie geboren." "Quatsch nicht", unterbricht Chloe mich sanft. "Dieses Baby wird das Licht der Welt erblicken." Minutenlang sehen wir uns an. "Lass uns nachhause fahren", flüstert sie irgendwann und startet den Motor erneut.

Als Chloe die erste statt der zweiten Autobahnabfahrt nimmt, begreife ich, dass sie mich zu sich nachhause bringt. Ich bin davon ausgegangen, dass sie meine neue Wohnung mit "zuhause" meinte. Zu ihr zu fahren, erscheint mir surreal und falsch. Ich spanne mich unmerklich an.

"Wieso fährst du hier entlang?", will ich wissen. "Ich bringe dich in meine Wohnung", bestätigt sie wie selbstverständlich meine vorherigen Gedanken. "Wieso? Was ist mit Patricia? Ich dachte, sie kommt morgen früh nachhause." "Mir egal, was ist", unterbricht sie mich sanft. "Wenn ich morgen aufwache, will ich dich sehen. Ich will sehen, dass es dir gut geht. Und ich will, dass Patricia sich bei dir entschuldigt. Sie ist Schuld daran, was passiert ist. Ich hätte ihr von uns erzählen sollen, ja, aber allein durch ihre Reaktion wäre beinahe eine Katastrophe geschehen. Denk nicht soviel nach. Morgen wird alles gut."

Also höre ich auf, nachzudenken. Ich lasse mich von Chloe aus dem Auto ins Haus führen, nehme wahr, wie sie die Wohnungstür aufschließt und mich durch das Badezimmer hindurch in ihr Zimmer bringt. Wie im Trance entledige ich mich meiner Jeans und krabble unter die weiche Bettdecke auf Chloes Bett, wo ich sie gestern Nacht erst liebte.

"Ich bin so müde", flüstere ich und rolle mich zusammen. Meine Gedanken bringen mich um und ich will sie einfach nur loswerden, abdriften in die wunderbare, tiefschwarze Welt des Schlafes. Ich bekomme kaum noch mit, wie Chloe aus dem Zimmer geht und kurz darauf mit einer heißen, dampfenden Teetasse und einem Glas Wasser zurückkehrt, welche sie neben mir auf den Nachttisch stellt. Ihre warme Hand streicht ein paarmal über mein Haar und schon bin ich eingeschlafen.

D E L I R I U MWo Geschichten leben. Entdecke jetzt