K a p i t e l 2 8

1.4K 97 5

Am nächsten Morgen wache ich auf, weil irgendwo ein Wecker klingelt. Es ist nicht mein Wecker. Es ist auch nicht Chloes Wecker. Vermutlich ist es Patricias Wecker, der mich an diesem Morgen wirklich rettet, denn natürlich habe ich Unterricht und es war nicht unbedingt geplant, bei Chloe zu nächtigen.

Ich richte mich auf und warte ein paar Sekunden ab. Die allmorgendlichen Krämpfe erscheinen direkt, man kann sich wirklich auf sie verlassen. Ich zwinge mich dazu, ruhig zu atmen und zu warten, bis die Übelkeit abklingt. Auf keinen Fall werde ich mich in dieser Wohnung übergeben.

Ich höre Chloe leise meinen Vornamen murmeln und blicke nach unten. Ihre Augen sind noch immer geschlossen und sie tastet nach der Bettdecke, um sie bis unter ihr Kinn zu ziehen. Ich kann nicht anders, als zu lächeln. Wenn sie schläft, sieht sie aus wie ein Kind. Ich könnte sie stundenlang betrachten, die makellose, glatte Haut ihrer nackten Schultern, ihr im Schlaf vollkommen entspannt aussehendes Gesicht, das halb verdeckt wird von ihren wirren dunkelbraunen Haaren. Aber ich muss los. "Ich fahre zur Schule", flüstere ich und lege einen Kuss auf ihre Stirn, füge ein "Bis später, Liebes!" hinzu und stehe dann von der kleinen Matratze auf, um vollkommen nackt meine Unterwäsche und Jeans zusammenzusuchen. Anstelle meines eigenen Tops stibitze ich einen Pullover von Chloe, denn so früh morgens ist es noch kalt. Im Badezimmer mache ich mich frisch und verlasse dann ohne Frühstück leise die Wohnung, um zu meinem Auto zu laufen und zu Maren zu fahren, mich anschließend auf den Weg zur Arbeit zu machen. Patricia habe ich in der ganzen Wohnung nirgends entdecken können. Ich frage mich, ob sie überhaupt nachts noch nachhause gekommen ist.

Normalerweise laufe ich vom Auto zum Lehrerzimmer, ohne einen Gedanken daran verschwenden zu müssen, wie ich wirke oder was Kollegen und Schüler über mich denken. Sie lächeln und wünschen mir einen guten Morgen, hier und da entsteht ein kurzer Smalltalk, die kleineren Schüler laufen neben mir und erzählen aufgedreht von ihrem Wochenende. Ich habe es geschafft, mir den Ruf der "netten Lehrerin" anzueignen, was sicherlich damit zusammenhängt, dass ich bei weitem die Jüngste unter meinen Kollegen bin. Manchmal habe ich das Gefühl, einige der Schüler könnten genauso gut in meinem Alter sein. So wie Chloe damals.

Heute ist alles anders. Ständig lasse ich meine Augen hin und her wandern, auf der Suche nach Patricia. Ich habe Angst, dass sie jemandem etwas von ihrer Entdeckung gestern Nacht erzählt hat. Ihre Reaktion und die hasserfüllten Worte, die sie ihrer Schwester und mir entgegen geschleudert hat, lassen mein Selbstbewusstsein in den Keller sinken. Ich weiß, was sie von mir denkt, und meine größte Angst ist es, dass die anderen Schüler nach und nach dasselbe denken werden. Als ich Patricia in der zweiten großen Pause immer noch nicht gesehen habe, frage ich mich jedoch nur noch, ob sie überhaupt in die Schule gekommen ist. Chloe scheint denselben Gedanken zu verfolgen. Sie ruft mich an und erkundigt sich nervös nach dem Verbleib ihrer kleinen Schwester. "Ich habe sie noch nicht gesehen", lasse ich sie wissen. "Im letzten Block habe ich ihren Kurs. Wenn sie dann nicht da ist, wird sie wahrscheinlich noch auf Achse sein." "Verdammt", zischt Chloe leise. "Sie ignoriert meine Anrufe und Nachrichten und war heute Nacht gar nicht zuhause. Ich mache mir Sorgen." "Ihr wird schon nichts passieren, Süße", versuche ich sie zu beruhigen. "Patricia ist erwachsen und kann auf sich selbst aufpassen." "Das weiß ich", schiebt meine Freundin ein und seufzt, "aber ich ertrage es nicht, die Sache nicht klären zu können. Ich will unbedingt mit ihr reden, bevor sie..." "Denkst du, sie wird plappern!?", unterbreche ich sie alarmiert. "Ich hoffe nicht", murmelt Chloe, bevor sie das Gespräch beenden muss, weil ihre Pause zuende ist. Dasselbe gilt für mich. Mir bleiben nur noch fünf Minuten, bis es klingelt.

Ich nehme mein Kursbuch und das Englischbuch für die zwölfte Klasse zusammen und durchforste meinen Rucksack nach dem Stapel Arbeitsblätter, die ich für heute vorbereitet habe. Von der fünften bis zur elften Klasse fällt mir alles in die Hände, Spanisch und Englisch, nur nicht das, was ich suche. "Verflucht!", murmle ich leise und lasse mich auf meinen Stuhl sinken. "Na, gestresst?", spricht mich auf einmal jemand an. Ich drehe mich um und sehe Paul, der gerade aus seiner Raucherpause zurückkehrt. Bei ihm ist Per Oetjen. Noch immer dreht sich mir der Magen um, wenn ich meinen ehemals sehr geschätzten Kollegen sehe, doch mit der Zeit hat sich zwischen uns eine unsichtbare Mauer aufgebaut, die uns auf Abstand hält. Es ist Gras über unserer beiden Wunden gewachsen. Wir wechseln kein Wort und vermeiden jeden Blick. Ich glaube, dass er mittlerweile weiß, wie schlecht er sich verhalten hat, doch er ist zu stolz, sich jemals zu entschuldigen. Seine Entschuldigung für das, was er mir über Wochen angetan hat, besteht darin, über Chloes und mein kleines Geheimnis zu schweigen, und das genügt mir vollkommen. Ansonsten gelingt es mir sehr gut, meine Kollegen aus meinem Privatleben herauszuhalten. Mit den wenigsten habe ich außerhalb der Schule Kontakt. "Unglaublich, ja", antworte ich etwas verspätet auf Pauls Frage, nachdem Per sich Richtung Kopierraum davongemacht hat. "Ich hatte wenig Schlaf und so wie es aussieht, habe ich meine Unterlagen für meinen Englischkurs vergessen." Paul lacht leise, was mich nur noch missmutiger stimmt. "Du vergisst doch sonst nie etwas", belehrt er mich und lässt sich auf seinen Stuhl gegenüber von mir plumpsen. "Danke, das weiß ich", griene ich. "So wie es aussieht, müssen sich die Schüler jetzt wohl mit einem Film zufrieden geben." "Na, da werden sie aber enttäuscht sein", scherzt Paul voller Ironie.

Enttäuscht ist wie zu erwarten keiner von ihnen, bis auf eine Person. Patricia Karoske sitzt zusammengesunken auf ihrem Stuhl in der vorletzten Reihe und sieht mich an wie den Teufel persönlich, sobald ich die Tür öffne. Immerhin ist sie da und es geht ihr, so weit ich es beurteilen kann, gut, auch wenn sie Augenringe bis in die Kniekehlen hat, kein Make-Up trägt und ihre Haare wirr vor ihrem Gesicht hängen. "Good morning!", begrüße ich den Kurs und erkläre kurz, dass ihnen aufgrund meiner Vergesslichkeit (An dieser Stelle lacht Patricia bitter auf.) eine entspannte Doppelstunde bevorsteht, in der sie nicht mehr zu tun haben werden, als auf die Leinwand zu schauen und sich von Harper Lees Meisterwerkverfilmung mitreißen zu lassen. Die Jungs jubeln, die Mädchen holen ihr Mittagessen heraus, um sich den Film im wahrsten Sinne des Wortes schmackhaft zu machen. Ich lege die DVD ein und schalte das Licht aus, platziere meinen Stuhl in einer Ecke des Raumes und hole mein Handy heraus, sobald ich mir sicher sein kann, dass alle Schüler aufmerksam den Film verfolgen.

Sie ist hier und okay, schreibe ich Chloe. Binnen Minuten kommt die Antwort: Ich hoffe, sie hat dich in Ruhe gelassen?

Ich hebe instinktiv meinen Blick vom Handydisplay, um nach Patricia zu sehen, und blicke direkt in ihre stechend grünen Augen, die aus dem Halbdunkeln katzenähnlich zu mir herüber blitzen und mich die ganze Zeit hasserfüllt beobachtet haben.

D E L I R I U MWo Geschichten leben. Entdecke jetzt