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Sabrinas Puls beschleunigte sich etwas, während sie vom Gaspedal stieg. Durch die Windschutzscheibe sah sie eine Menschentraube an der Haltestelle der Linien Vier und Fünf. Dass sie vor der Pädagogischen Hochschule nicht auf die nächste Straßenbahn warteten, verriet ihr der erste Blick. Manche hielten die Handys an ihre Ohren. Andere versuchten mit ihren Händen, die Polizisten zu überzeugen, sie wenigstens auf den Hasnerplatz zu lassen.

Sabrina ließ die Fensterscheibe runter, nahm die Kokarde in die Finger und glitt auf die Kollegen zu. Diese nickten und wiesen sie mit der Kelle an, nach links abzubiegen. Wenig später fuhr sie an mehreren Blaulichtwägen vorbei und parkte ihren Golf hinter einem Rettungswagen.

Sie stieg aus, eilte zum Befehlskraftwagen und klopfte an die Tür.

Die Schiebetür des VW-Busses öffnete sich quietschend. Der Geruch von Aftershave drang in die Nase. Das Logo des Raumschiff Enterprise auf dem roten T-Shirt fiel ihr sofort auf. Dass der Kriminaltechniker die Star-Trek-Welt seiner Jugendjahre nie verlassen hatte, überstieg ihr Verständnis. Wie konnte ein Dreißigjähriger, dem die blonden Haare ausdünnten noch immer meinen, ständig Scotty spielen zu müssen. »Willkommen an Bord, Lieutenant Uhura«, grüßte er. Fehlte, dass Christof Istel zwecks Salutieren die Hand an die hohe Stirn hob.

Im Gegensatz dazu spiegelte sich in Hutnagls Blick die Gefahr, welche die Lehrer und Schüler des Bischöflichen Gymnasiums bedrohte. Das grau melierte Kopfhaar, der Schnauzer und die schmalen Lippen wirkten angespannter als sonst. Wie gewohnt trug Hutnagl das weiße Seidenhemd, doch die blaue Krawatte samt Nadel mit der emaillierten Muschel fehlte.

»Willst dich zum Chief Petty Officer setzen?« Istel zeigte auf einen knapp Sechzigjährigen in Uniform. Die Distinktionen wiesen ihn als Chefinspektor aus.

Sabrina nickte und ließ sich am freien Sitz bei der weißen Tafel nieder, während Istel neben ihrem Chef Platz nahm.

Hutnagl deutete mit dem kantigen Kinn auf den Chefinspektor. »Teuschl, wie schaut es mit der Abriegelung aus?«

»Weiträumig abgesperrt. Für den gibt's kein Entkommen, wenn der noch drin ist.«

»Gut.« Hutnagl presste die schmalen Lippen zusammen, sodass sie sich zu einem Strich verkleinerten.

»Haben wir schon einen Platz für die Pressefritzen?«, warf Sabrina ein.

»Die Kreuzgasse«, antwortete der Chefinspektor. »Die kriegen einen Blick auf die Schule und wir haben sie dort immer gut im Griff.«

»Wenigstens was.« Hutnagl seufzte. Aus der Sakkotasche zog er eine Dose Kautabak und umklammerte sie. »Ganz ehrlich, das schaut nach einer Amoklage aus. Wir wissen, dass der Täter im Lindenhof den Direktor erschossen hat. Dann ist er in das Schulgebäude zurück. Kurz darauf dürfte er eine Granate gezündet haben. Drum habe ich gleich die Cobra hineingeschickt. Und die haben im Klo neben dem Haupteingang eine Sporttasche voll Munition und eine Bombe gefunden. Das Bombenkommando kümmert sich gerade darum. Und was können wir jetzt tun?« Hutnagl legte die Dose Kautabak auf den Tisch und öffnete sie. »Beten und Tabak kauen.«

Sabrina warf einen Blick auf die Armbanduhr. Ein Amoklauf in einer katholischen Schule war das Allerletzte, was sie sich wünschte. Wie viele Mütter schlössen bald ihre Kinder glücklich in ihre Arme? Wie oft kam die schreckliche Aufgabe auf sie zu, vor den Eltern das Unaussprechliche in Worte kleiden zu müssen? Wie viele Väter würden heulend zusammenbrechen und sich dafür schämen? Niemand konnte das jetzt sagen. Auf der s'Olivier-Uhr zog der Sekundenzeiger still seine Bahn.

Hutnagl nahm ein Stückchen Kautabak aus der Dose und legte es in den Mund. »Herr Istel«, wandte er sich schließlich an den Kriminaltechniker, »haben wir den Notruf von der Leitstelle schon erhalten?«

Todesernst (Leseprobe)Where stories live. Discover now