Unschuld - Teil 4

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Eigentlich hatte Tarn sich vorgenommen, in der Nacht so oft wie möglich nach Viljo zu sehen. Doch nachdem Jefrem sich verabschiedet hatte und Tarn zurück unter die Decke gekrochen war, fielen ihm augenblicklich die Augen zu. Er schlief viele Stunden lang ungestört.

Bis ihn irgendetwas in den frühen Morgenstunden aus dem Schlaf riss.

Er erwachte mit dem Gefühl, das gerade noch jemand bei ihm gewesen war. Und hatte er nicht etwas gehört? Anscheinend nicht, denn als er sich aufrichtete und lauschte, war es, bis auf den heulenden Wind draußen, still. Tarn sah sich um, konnte im Zimmer aber weder einen verdächtigen Umriss noch eine Bewegung ausmachen. Auch im Rest des Hauses schien sich nichts zu regen. Hatte er nur geträumt?

Wahrscheinlich. Oder vielleicht hatte Berend einfach Mäuse im Haus, das war eine so gute Erklärung wie alles andere. Tarn ließ sich zurück sinken, gähnte herzhaft und versuchte, eine gemütliche Schlafposition zu finden, aber jetzt war er wach. Eigentlich konnte er auch aufstehen und zumindest nach Viljo sehen, dafür war er doch überhaupt erst geblieben.

Das Zimmer war über Nacht ausgekühlt, und Tarn zitterte schon, als er nur die Füße aus dem Bett streckte. Hastig stieg er in seine herum liegenden Schuhe, tappte dann weiter zu seinen auf dem Boden verstreuten Sachen. Er beugte sich gerade vor, wollte seine Jacke aufheben und überstreifen, und erstarrte in der Bewegung.

Da war es wieder gewesen: das Geräusch, das ihn geweckt hatte. Das verstohlene Knarren der Dielen.

Zwei Dinge wurden ihm schlagartig bewusst:

Er hatte seine nassen Sachen nicht einfach auf dem Boden liegen lassen. Jemand hatte sie durchwühlt.

Und dieser jemand war noch mit ihm in diesem Raum.

Er richtete sich ruckartig auf, aber sein Beobachter hatte bereits begriffen, dass er entdeckt worden war. Ein Schatten löste sich aus den anderen Schatten des Zimmers und rannte zur Tür, riss sie auf und stürmte nach draußen, Tarn ihm auf den Fersen. Er sah gerade noch, wie der Mann die Treppe hinunter hastete, dann öffnete sich direkt neben ihm die Tür zu Mischas und Viljos Zimmer, und Tarn wurde vom Licht einer Lampe geblendet, die sofort abgedunkelt wurde. Halb blind von der plötzlichen Helligkeit erkannte er nur schemenhaft Viljo, der überrascht zurück wich, und Mischa, der sich ohne ein weiteres Wort an ihm vorbei schob und die Treppen hinunter polterte, dem Fliehenden hinterher.

Tarn folgte ihm ohne weiter nachzudenken, auch wenn das eigentlich sinnlos war - er gewann erst auf der Treppe zum Erdgeschoss genug seiner Sicht zurück, um hinterher zu kommen. Zumindest überwand er den Weg durch den Schankraum, ohne gegen einen Tisch zu laufen, und erreichte die Tür, die zuvor eilig aufgerissen worden war und jetzt weit offen stand. Eine Wehe Schnee hatte sich davor gesammelt, und sowohl Mischa als auch den Flüchtenden verlangsamt, und obwohl Tarn sie nicht mehr einholen konnte, erspähte er sie, kurz bevor sie von der Hauptstraße in eine Gasse einbogen. Der Mann, der vor Mischa davon lief, wandte sich im Laufen um, vielleicht um abzuschätzen, wie nahe sein Verfolger ihm gekommen war, und für den Bruchteil einer Sekunde sah Tarn sein Gesicht. Es war dunkel, aber der Schnee reflektierte das wenige Licht, und Tarn erkannte ihn.

Der Alte. Der, dem Tarn am Vortag gefolgt war.

Dann verschwanden beide Männer außer Sicht.

Einen Moment lang stand Tarn nur wie versteinert da, und seine Gedanken rasten. Er war verfolgt worden. Aber wie lange schon? War der Alte ein von Karvash geschickter Köder? Oder witterte er nur die Chance auf eine Belohnung, wenn er einen flüchtigen Sklaven wieder einfing? Oder verriet, wo er zu finden war?

Dann begann Tarn zu zittern, und ihm wurde bewusst, dass er nur halb bekleidet vor der offenen Tür im Schnee stand. Zwecklos, Mischa zu folgen, und zwecklos, auf ihn zu warten.

Nirgendwo (BoyxBoy)Lies diese Geschichte KOSTENLOS!