Tag elf, vormittags

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Lange hatte ich an dem Tag gebraucht, um einzuschlafen, und umso schneller stand ich am nächsten Morgen wieder auf. Ich machte mir nicht viel aus Meurels Drohungen, zumindest redete ich mir das ein, unruhig war ich trotzdem.

Ich stand an meinem Badezimmerfenster und schaute zu, wie die Sonne aufging. Sie schien durch die hohlen Fensteröffnungen des Nachbarhauses, sodass mir im Gegenlicht der Anblick der rohen Fertigbetonwände erspart blieb und die Holzsparren des Dachstuhls im gleißenden Kreis der Sonne verschwammen. Seit einigen Monaten bauten sie hier im Viertel, rissen ab, stellten riesige Kräne und Bagger und Transporter in die Straßen und stampften neue Häuschen aus dem kargen Boden. Die ehemaligen Besitzer, meine ehemaligen Nachbarn, dabei hatte ich mir noch nie viel aus Menschen gemacht, waren von einem Tag auf den nächsten verschwunden, einer nach dem anderen, gruß- und anstandslos, als hätten sie hier nie gewohnt. Mir war es egal. Meinetwegen konnten sie hier alle tun und lassen, wie sie es wollten oder es für richtig hielten oder wie es ihrer Vorstellung etwas Größeren, nicht mehr fassbaren entsprach. Ich hatte keinerlei solche Ideale. Die Gesellschaft war nun mal da, und wie sie da war und wie sie lebte und welche Ziele sie verfolgte, interessierte mich nicht. Ich ließ sie in Ruhe und sie mich, und solange das so blieb, war es gut.

Ich hatte in den letzten Jahren gespürt, dass ich alt geworden war. Ich hatte nie Frau oder Kinder gehabt, nie großen Besitz, nie eine große Karriere, doch in letzter Zeit hatte ich mich mehr an das geklammert, was ich hatte. Nicht dass ich geizig geworden wäre, mir fiel nur plötzlich der Wert der Dinge auf, ich lernte sie schätzen, mir wuchsen Sachen ans Herz, die ich vorher kaum wahrgenommen hatte.

Frische Blumen. Ich war kein Kenner, mir gingen Schnittblumen gewöhnlich nach zwei Tagen ein, doch ich war glücklich, wenn ich an meiner grau melierten Vase vorbeikam und die Farben betrachten konnte.

Die Sonne. Sie kommt und geht jeden Tag, und zeigt sich von morgens bis abends von unzähligen verschiedenen Seiten. Morgens brachte sie die erste Wärme des Tages mit sich, mittags verbrannte sie einen förmlich, abends wand sie sich meist lange in roten und rosa Schlieren, bis sie schließlich doch unterging.

Spargel. Ich konnte nicht kochen und mir gelang er selten, doch ich fand trotz allem Spaß dran.

Ich denke, Frieda gehört ebenso in diese Liste. Es war gerade mal elf Tage her, seit ich sie gekauft hatte und ich hatte sie noch nie benutzt, doch ich hatte was übrig für ihren Anblick, sie erinnerte mich an den Geruch und Geschmack von Kaffee, ich war glücklich, wenn ich sie sah.

Trotz alldem kam ich nicht zur Ruhe, ich tigerte auf und ab, und doch wurde ich ein unbestimmtes Gefühl in der Magengegend, das mir allen Appetit nahm, nicht los.

Kaffee mit FriedaLies diese Geschichte KOSTENLOS!