3. gemähter Grashalm

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Die Stille in dem Auto hielt die ganze Zeit über an, während ich durch die inzwischen immer dunkler werdenden Straßen fuhr. Das Mädchen neben mir saß angespannt auf dem Autositz und starrte wie gebannt auf die Straße. Ihre Augen bewegten sich keinen Millimeter in meine Richtung, im Gegensatz zu meinen. Eigentlich sollte es andersrum sein. Ich sollte mich permanent auf die Straße konzentrieren und sie sollte vielleicht ab und zu mal zu mir herüber spickeln, um zu schauen, wer sie da eigentlich fuhr, schließlich war ich ein für sie vollkommen Fremder, der sie einfach mal so nach Auckland mitnahm.

Tat sie aber nicht. Sie tat generell gar nichts. Sie saß einfach nur da, das Gesicht angespannt und der ganze Rest ihres Körpers auch. Ich glaube ich habe noch nie eine Hand gesehen, die sich so fest um etwas krallte. Vorher hatte ihr Gesicht noch so entspannt ausgesehen, doch nun war ihr Gesicht total verkrampft und sie machte den Eindruck als wolle sie jeden Moment aufspringen und los rennen.

Obwohl mich diese Anspannung und das Schweigen beinahe verrückt machen, behielt ich meine Ruhe - zumindest äußerlich - und fuhr weiter konzentriert über die Autobahn nach Auckland. Inzwischen waren wir schon näher an der großen Stadt, die sich inzwischen meine Heimat nannte, als an meinem alten Zuhause und so langsam verflüchtigte sich endlich dieses komische Gefühl in meinem Magen, das der Besuch bei meinen Ursprüngen verursacht hatte.

Die Musik von Rise Against lief immer noch, doch im Gegensatz zu sonst konnte ich sie nicht genießen. Sie passte einfach nicht in diese Stille. Sie versuchte zwar krampfhaft sie zu durchbrechen, aber dazu war selbst Rise against nicht fähig. In diesem schwarzen Loch an unausgesprochenen Worten, klangen die Töne der Musik schräg und die Melodien unmelodisch.
Schließlich beschloss ich die Musik auszumachen und ein Gespräch mit Alia an zu fangen, ob sie nun wollte oder nicht.

"Was wolltest du eigentlich in Oratia?", fragte ich sie, in der Hoffnung, dass sie die Frage tatsächlich beantworten würde.

Oh nein, das konnte ich ihm nicht sagen. Das war viel zu geheim, als das ich es einfach einem wildfremden anvertrauen konnte. Nicht einmal mein Vater wusste das, warum also sollte ich das diesem Fremden - Ben - erzählen, der eben zufällig so nett gewesen war und mich nach Hause fuhr. Das hieß schließlich gar nichts. Ich wurde oft nach Hause gefahren. Meist nahm mich irgendein Typ aus meiner Schule mit, von dem Sarah dann jedes Mal behauptete, er würde auf mich stehen und ich sollte doch die Chance nutzen. Sie hatte keine Ahnung, wie sehr mich das nervte. Jenna wusste es, sie hielt deswegen auch meistens die Klappe und lächelte mir nur aufmunternd zu, wenn Sarah mal wieder eine ihrer endlosen Er-steht-auf-dich-Reden hielt, von denen ich mir in den letzten zwei Jahren definitiv zu viele angehört hatte.
Aber Ben stand ziemlich sicher nicht auf mich und nahm mich trotzdem mit. Er hatte einfach angehalten während ich im Gras lag und gefragt ob er mich mitnehmen konnte. Ich hatte einzig und allein eingewilligt, weil ich festgestellt hatte, dass mein Bus schon weg war. Ohne den wäre ich nicht mehr nach Hause gekommen und dann hätte mein Vater von meinem Geheimnis erfahren. Dann wüsste er, dass ich immer noch nicht wieder geheilt war und das durfte er auf keinen Fall merken. Ich wollte nie wieder dorthin zurück, von wo sie mich vor zwei Jahren entlassen hatten. Dieser Ort machte mich nur noch mehr kaputt. er half mir kein bisschen. Am meisten half die zeit und die Gewöhnung an die Schuld. Inzwischen konnte ich ganz gut damit leben, würde ich mal behaupten.

Der Typ sah mich die ganze Zeit über immer wieder von der Seite an und ich fragte mich die ganze Zeit, was ihn dazu gebracht hatte, anzuhalten, als er mich gesehen hatte. Irgendeinen verqueren Grund musste er doch haben. Ich wusste nicht welchen und war mir auch nicht sicher, ob ich ihn wissen wollte.
Jedenfalls würde ich ihm niemals etwas über mich erzählen und sollte er noch mehr nach bohren, würde ich aussteigen. Ich musste nichts tun und niemand, schon gar nicht dieser Ben, konnte mich dazu zwingen.

Ein Abend frisch gemähtes GrasLies diese Geschichte KOSTENLOS!