K a p i t e l 2 6

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"Wie ist es gelaufen?", begrüßt Chloe mich, noch ehe ich die Chance habe, "Hallo" zu sagen. Sie wirft ihre Jacke über die Stuhllehne und geht um den Tisch herum, um mich zur Begrüßung in eine sanfte Umarmung zu ziehen. "Beschissen", beantworte ich ihre Frage, noch bevor wir uns voneinander lösen. "Aber hat sich jetzt auch erledigt."

An meinen Oberarmen hält sie mich ein Stück von sich weg, betrachtet mich besorgt, schüttelt dann den Kopf und beugt sich vor, um mir einen Kuss auf die Lippen zu legen. Augenblicklich vergesse ich die Sorgen und den Gram, den Patricia und Finn mir auferladen haben. Ich erinnere mich daran, wozu ich das Ganze auf mich nehme, und ein Lächeln schleicht sich auf mein Gesicht, während ich Chloes Kuss erwidere. Sie grinst ebenfalls. "Was ist?" "Nichts", erwidere ich leise, während wir uns setzen. "Ich bin nur so froh, dich zu sehen." "Ich bin auch froh, Maria." Ihr warmes Lächeln schickt kribbelnde Schauer durch meinen gesamten Körper. "Was möchtest du essen?"

Wir beide kennen die Speisekarte des Kartons in- und auswendig, sodass ich nicht lange überlegen muss. "Das Tomate-Mozarella-Baguette", antworte ich. "Und Tee?", fragt Chloe nach, während sie bereits aufsteht. "Genau." Sie kennt mich zu gut, immer noch, nach den Jahren. Irgendwie gibt es mir ein gutes Gefühl.

Als Chloe mit unserem Essen an den Tisch zurück kehrt und wir anfangen, fällt das Gespräch schnell auf Finn und Patricia. Ich erzähle, wie er mich rausgeworfen hat, von meinen Tränen und meiner Überforderung. Ich erzähle auch, dass ich zuerst Zweifel hatte, ob ich das Richtige tue. Obwohl ich Finn sehr, sehr lange belogen habe, fällt es mir Chloe gegenüber kein bisschen schwer, ehrlich zu sein. Sie sieht nicht wütend aus, nicht einmal annähernd verletzt, als ich ihr meine Unsicherheit offenbare.

Sie verlangt einfach keine hundert Prozent, und das gibt mir Kraft. Ich weiß, dass ich für hundert Prozent nicht einmal annähernd gut genug wäre.

Ich sage ihr das, und sie schüttelt lächelnd den Kopf. "Natürlich verlange ich hundert Prozent, Maria", widerspricht sie und fängt meinen irritierten Blick mit einem Grinsen auf. "Wenn du zweifelst und trotzdem jetzt hier sitzt und mir sagst, dass du dich für mich entschieden hast, ist das für mich mehr als das Große und Ganze", erklärt sie leise, bringt mich damit zum Lächeln.

"Ich kann Finns Reaktion verstehen", setzt Chloe an, als ich mit dem Erzählen fertig bin. "Ich nicht", murmle ich bitter. "Du bist ihm fremdgegangen, noch dazu mit einem Mädchen. Wahrscheinlich fühlt er sich nicht nur betrogen, sondern auch noch entmannt." "Eigentlich hat er sich selbst entmannt, in dem Augenblick, in dem er wie ein Kleinkind vor seinem eigenen Erzeugnis davon gerannt ist", knurre ich. "Das ist eine andere Geschichte." Chloe lächelt mich sanft an. "Aber jetzt hast du ja mich."

"Wenn es nach deiner Schwester ginge, wäre das nicht so", seufze ich niedergeschlagen und lasse mein halb aufgegessenes Baguette auf den Teller sinken. Chloes Gesichtszüge verhärten sich. Sie starrt nachdenklich vor sich hin, kaut dabei auf der Innenseite ihrer Wange herum, bis ich mich vorsichtig räuspere. Die Sache geht ihr nahe, sehr viel näher, als ich zuerst dachte.

Als wir uns aufmachen, um zu gehen, beginnt Chloe erneut, über das Thema zu sprechen. "Ich hätte es ihr sagen sollen", räumt sie ein und meidet meinen Blick, während wir aufstehen. "Jetzt ist sie nicht nur wütend auf mich, sondern auch auf dich." "Sie ist verletzt", korrigiere ich sie. "Sie dachte, du würdest ihr alles erzählen, und jetzt hast du ihr etwas so Bedeutsames verheimlicht. Sie fühlt sich verraten. Ja, vielleicht schiebt sie es auf mich, aber darum geht es nicht. Es geht um euch. Glaubst du, sie beruhigt sich wieder?" Chloe vergräbt das Gesicht in ihren Händen, seufzt. "Ehrlich gesagt, Nein. Ich muss mit ihr reden und ihr alles erklären. Auch, dass es früher schon anfing, als ich selber noch auf der Schule war. Es geht nicht anders. Ich muss ehrlich sein." "Du bist doch immer ehrlich." "Scheinbar nicht." "Chloe", setze ich sanft an. "Manchmal ist Ehrlichkeit auch ungünstig. Was hätte Patricia wohl getan, wenn sie von Anfang an über uns Bescheid gewusst hätte? Es war doch nicht geplant, dass es so weit kommt. Das wird schon wieder. Wenn sie nachhause kommt, sprecht ihr euch aus, und wir finden irgendeine Lösung." Als sie mir meine Jacke gereicht hat und wir das Restaurant verlassen, greife ich nach ihrer Hand.

"Wir sind jetzt schon so weit gekommen. Wir schaffen das."

Im halbhellen Licht der Straßenlaterne dreht sie sich zu mir um und legt ihre schmalen Finger an meine Wangen, ein zartes Lächeln schmückt ihre Macademialippen, die schließlich sanft meine streifen und sich mit ihnen verbinden. Automatisch finden meine Hände ihren Weg um ihre Taille, unter ihre Wildlederjacke, und ziehen sie näher an mich. Wie jedes Mal, wenn sie mich küsst, schaltet mein Körper auf Autopilot. Ich werde kribbelig, gleichzeitig erdet sie mich wie nichts anderes. Meine Chloe.

"Kommst du noch mit?", fragt sie irgendwann, nachdem ich längst vergessen habe, wie spät es ist und wie viel Zeit vergangen ist. Ihr Gesicht schwebt noch immer Millimeter von meinem entfernt, ihre Finger sind fest verflochten mit meinen und pulsieren sachte gegen meine Haut. "Was ist mit Patricia?", frage ich leise nach. Energisch schüttelt sie den Kopf. "Sie kann sauer sein, dazu hat sie schließlich jedes Recht, aber sie kann mir nicht verbieten, Zeit mit meiner Freundin zu verbringen." Ihre grauen Augen funkeln mich an und hypnotisieren meine Sinne und Nervenzellen, die Signale versenden, die ich nicht steuern kann. "Komm mit", bittet Chloe mich erneut und ich kann nicht anders, als zuzustimmen.

In Chloes und Patricias Wohnung ist es warm und gemütlich. Sie leiht mir eine kurze Jogginghose, dimmt das Licht und holt Wolldecken. Dann machen wir es uns vor dem Fernseher gemütlich. Mein Kopf ruht auf ihrer Brust, meine Arme an ihrer Hüfte; sie hält mich fest. Das ruhige, gleichmäßige Pochen ihres Herzens direkt neben meinem Ohr lässt mich geborgen fühlen. Zärtlich streichen ihre Finger durch mein wirres Haar und ihre Lippen liegen an meiner Schläfe. Irgendwann richtet sie mich auf, um mich anzusehen.

"Es ist so gut, dass du hier bist, Maria", sagt sie und küsst mich. Es liegt so viel Ehrlichkeit in diesem Kuss. Ihre Zunge bittet fordernd um Einlass in meinen Mund und als ich ihr diesen gewähre, spüre ich dasselbe Feuer, das ich vor kurzem erst spüren durfte. Wie kleine Wunderkerzen knistert die Hitze in mir und sammelt sich in meinem Unterleib. Chloes warme Hände gleiten unter mein Shirt, nach und nach legt sie mich nieder, kniet sich über mich und tut das, was sie am besten kann. Sie macht mich verrückt.

Ihre Finger befühlen meine Seiten, meinen Nabel und meine Brüste, ihre Lippen verführen meine. Ich suche Halt in ihren Haaren, ziehe daran, bis ihr ein leises "Au!" entfährt und sie revanchierend ihre Lippen gegen meinen Hals presst, wenige Millimeter meiner Haut reizt und schließlich hinein beißt, sodass Geräusche meinem Mund entweichen in einer Lautstärke, die ich nicht mehr steuern kann. Feuchtigkeit schießt zwischen meine Schenkel und ich verzehre mich danach, sie so dicht an mir zu spüren, wie die Physik es zulassen kann.

"Ich will dich so sehr, Maria", japst sie unterdrückt direkt an meinem Ohr, als ich meine Hand an der Stelle platziere, an der ich die Bestätigung für ihre Worte fühlen kann. Ihre Hände pressen mein Becken in die weiche Couch und die Erregung durchfließt mich wie ein tödlicher Strom. "Dann nimm mich", wispere ich und schließe die Augen.

Im selben Moment knallt die Tür gegen die Wand und das Zimmer wird von Licht durchflutet. Auch ohne meinen Blick zu heben, weiß ich genau, wer soeben das Zimmer betreten hat, und ich wünschte, es wäre anders gekommen.

D E L I R I U MWo Geschichten leben. Entdecke jetzt