K a p i t e l 2 5

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Ich atme tief durch, bevor ich die Wohnungstür aufschließe. Es ist Dienstag und somit Finns freier Tag. Er müsste zuhause sein. Tatsächlich höre ich aus der Küche das Radio laufen. Mit zögernden Schritten mache ich mich auf den Weg dorthin, bleibe leise im Türrahmen stehen, um meinen Exfreund zu beobachten. Er steht am Herd und brät Hackfleisch an, vermutlich für sein Mittagessen. Dazu wippt er langsam im Takt der Musik mit, die aus dem Radio dudelt.

Ich betrachte seine dunkle Haut, seinen großen, muskulösen Körper, das fast schwarze Haar. Zum ersten Mal kommt mir der Gedanke, wie unser Baby wohl aussehen wird. Wird es meine blasse, helle Haut bekommen oder seinen arabisch braunen Ton? Wird es eher zierlich oder kräftig gebaut sein? Wird es brünett oder rothaarig? Wird es braune oder blaue Augen haben? Mir ist nie aufgefallen, was für einen Gencocktail wir produziert haben. Ich kann es kaum erwarten, das Ergebnis zu sehen, mein kleines Baby in meinen Armen zu halten und stolz auf seine Einzigartigkeit zu sein.

Als Finn sich umdreht und mich entdeckt, bleibt er wie angewurzelt stehen. "Maria", sagt er leise. "Hallo", erwidere ich. "Ich wollte ein paar von meinen Sachen holen und... Und ich muss mit dir über etwas reden." Er nickt. "Okay. Willst du was essen? Ich mache Penne Bolognese." Ich überlege kurz. Eigentlich spricht nichts dagegen, also willige ich ein und gehe dann ins Schlafzimmer, um zwei Koffer zu packen.

Es ist ein merkwürdiges Gefühl, die restliche meiner Kleidung, die ich nicht schon vorher zu Maren geholt habe, meine CDs und Bücher, meine Bettwäsche und Handtücher einzupacken. Es war Finns Wohnung, die zu unserer gemeinsamen wurde, und nun wird es wieder Finns Wohnung. Ich räume ein paar Fotos vom Regal und die paar wenigen Dekogegenstände, die mir gehören. Souvenirs von gemeinsamen Reisen lasse ich stehen, sowie die Fotoalben, die ich angelegt habe. Dennoch kann ich nicht anders, als mir ein paar von ihnen wieder anzusehen. Zum ersten Mal wird mir wirklich bewusst, was ich hier gerade tue, was dieser Schritt bedeutet. Auch wenn ich weiß, dass nach diesem letzten Schritt meine Frau auf mich wartet, Chloe mich mit offenen Armen empfangen und genau diese Arme um meinen Körper schlingen und mich fest an sich ziehen wird, auch wenn es genau das ist, was sich richtig anfühlt, werde ich traurig. Finn und ich waren zwei Jahre lang zusammen. Wir sind zusammen gereist. Seine Eltern werden mich vermissen. Ich werde so traurig, dass ich anfange zu weinen. Wann genau ist mein Leben so umgekrempelt und kompliziert geworden? Und wann wird das aufhören?

"Essen ist fertig", sagt Finn leise, während er das Zimmer betritt. Als er mich heulend über eines unserer Fotoalben gebeugt sitzen sieht, höre ich ihn seufzen. "Mach es mir nicht so schwer", bittet er mich. "Ich dachte, wir bekommen das friedlich hin."

"Bekommen wir auch", schniefe ich und wische meine Wangen ab. Beim Gedanken daran, was ich ihm gleich erzählen werde, zweifle ich jedoch an dem Wort "friedlich". Finn ist mir immer treu gewesen, ich ihm hingegen nicht. Ich fühle mich elend.

Als wir uns am Esstisch gegenüber sitzen, wie wir es so oft gemacht haben, lässt meine Wehmut langsam nach. Ich weiß, dass ich das Richtige tue. Mein Herz hat es mir in dem Augenblick gesagt, in dem Chloe mich in London das erste Mal in ihre Arme nahm.

"Wie geht's dir?", fragt Finn mich. "Hast du Morgenübelkeit... oder so?" "Ja, ganz furchtbar", antworte ich. "Nicht jeden Morgen muss ich mich übergeben, aber mir ist immer schlecht. Ich hoffe, dass es nach ein paar Monaten weniger wird, aber..." Ich verstumme, als ich sehe, wie Finns Blick trüb und desinteressiert wird, sobald ich beginne zu erzählen. Es ist nicht zu leugnen, dass er mit dem Baby nichts zu tun haben möchte, nicht einmal jetzt, wo es noch ein Teil von mir ist. Es interessiert ihn nicht und ich interessiere ihn auch nicht. Frustriert beiße ich mir auf die Unterlippe.

"Ich wollte dir noch etwas sagen", beginne ich schließlich von vorn. Ich will es jetzt hinter mich bringen, damit ich gehen kann. Dieser Mann hat nichts mehr mit dem gemein, in den ich glaubte mich verliebt zu haben. "Schieß los", fordert Finn mich auf und spießt ein Fleischbällchen auf. Ich hole tief Luft.

"Ich bin mit jemand anderem zusammen", lasse ich die Blase schließlich platzen. "Es ist jemand, mit dem ich vor einigen Jahren schon einmal zusammen war. Wir haben uns in London durch Zufall wiedergetroffen und alte Gefühle kamen hoch. In der Nacht bevor du mit mir Schluss gemacht hast, hatte ich mit dieser Person Sex. Ich sage dir das, weil ich ehrlich sein will, nicht, um dich vor den Kopf zu stoßen. Bitte raste nicht aus. Es tut mir leid, das tut es wirklich. Damit meine ich die Tatsache, dass ich dir im Grunde fremdgegangen bin. Ich habe das nicht geplant. Das mit uns beiden sollte einfach nicht sein."

Finn schweigt und starrt mich an. Seine braunen Augen werden riesengroß. Mehr als meinen Vornamen bringt er nicht heraus. Dann scheint er auf einmal wütend zu werden. "Wer ist er?!", will er wissen. Seine Stimme klingt laut und gellend, als er aufsteht und anfängt, unruhig in der Küche auf und ab zu tigern und mich dabei nicht aus den Augen zu lassen.

"Sie", setze ich an und betone dabei das Personalpronomen, "heißt Chloe. Du hast sie schon zweimal gesehen, als du mich nach der Klassenfahrt abgeholt hast und als sie hier in unserer Wohnung war und mit mir einen Film geschaut hat." "Willst du mir gerade erzählen, dass du mich durch eine Frau ersetzt?!", schreit Finn. "Ich ersetze dich nicht", sage ich ruhig. "Ich habe gewählt."

Finns flache Hand trifft auf die Tischplatte. Der laute Knall lässt mich zusammenfahren. "Ich dachte, ich habe eine saubere Trennung vollzogen, stattdessen hatte meine Freundin mich bereits mit einer anderen Frau betrogen! Das glaube ich einfach nicht!" "Saubere Trennung?!" Nun wird auch meine Stimme lauter. "Du hast mich geschwängert und dann den Schwanz eingezogen, wie du es so gut kannst! Es spielt gar keine Rolle, was ich getan habe oder tue! Du wärest so oder so gegangen, weil du ein Feigling bist und nicht zu deinem Kind stehen willst!" "Selbst wenn!", gibt Finn heftig zurück. "Du wärest ebenfalls gegangen wegen dieser Chloe!"

Wir schweigen kurz. "Wir haben beide Fehler gemacht. Das Ganze ist ein Kreislauf. Wir sollten es einfach gut sein lassen und uns nicht mehr sehen", schlage ich leise vor. Er nickt. "Ich will dich auch gar nicht mehr sehen. Ich überweise dir monatlich Geld, wie ich es versprochen habe, aber ich ertrage deinen Anblick nicht länger." Erschrocken starre ich ihn an, unfähig, mich zu bewegen. "GEH!", brüllt er mit einem Mal.

Es tut mir mehr weh, als ich gedacht hätte, doch ich kann ihn verstehen. Ich habe ihn schließlich betrogen. Mit Tränen in den Augen stehe ich auf, greife nach meinen Koffern und verlasse die Wohnung.

Die Koffer sind schwer und die Treppe steil. Ich habe Angst, zu fallen, denn meine Sicht ist verschwommen. Als ich endlich im Auto sitze, lasse ich meinen Tränen freien Lauf. Wo ich mich vorhin nach dem Gespräch mit Patricia gefragt habe, ob der Tag noch schlimmer werden kann, habe ich nun die Antwort: Ja, kann er.

Schließlich starte ich den Motor und mache mich auf den Weg zu Maren. Mir ist nach Tee und Trost von meiner Schwester. Der Gedanke an mein Treffen mit Chloe heute Abend lässt mich ebenfalls ruhiger werden.

Wenn alles kopfüber geht, soll man ruhig bleiben, es sortiert sich nur neu und irgendwann wird alles wieder gut sein.

A/N: Und mit dieser Weisheit verabschiede ich mich jetzt für die nächste Zeit, um mich kopfüber direkt in den Stress zu stürzen. Wenn ich alle Prüfungen überlebt habe, melde ich mich mit einem Update zurück, sicherlich kommt in der Zeit das ein oder andere Kapitel zustande. Bis dann :3

D E L I R I U MWo Geschichten leben. Entdecke jetzt