K a p i t e l 2 4

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"Hausaufgabe ist Seite 140 Nummer Eins im Abiturvorbereitungsheft!", versuche ich, das Läuten der Schulklingel zu übertönen, aber ich bin mir sicher, dass die meisten Schüler meines Englischgrundkurses meine Anweisung geflissentlich überhört haben. Mit einem nervösen Gefühl im Magen mache ich mich daran, meine Sachen zusammenzupacken. Heute werde ich in Finns Wohnung fahren, um meine Sachen abzuholen und um mit ihm zu reden. Zurzeit wohne ich noch bei Maren, bis ich umziehen kann. Es gibt reichlich Wohnungsangebote und ich werde mir in den nächsten Tagen ein paar von ihnen anschauen und mich entscheiden.

Es ist Zeit, reinen Tisch zu machen.

"Frau Ruben?", spricht mich auf einmal jemand an. Ich blicke von meinen Unterlagen auf und sehe Chloes Schwester Patricia vor dem Tisch stehen. Ihre grünen Augen mustern mich mit einem Ausdruck, der mich Böses ahnen lässt. "Was gibt's?", frage ich freundlich. "Haben Sie noch kurz Zeit? Ich habe eine Frage." ... zum Unterricht?, möchte ich gerne nachhaken, doch ich wage es nicht. Egal, worüber sie mit mir sprechen will, ich kann es mir nicht erlauben, sie abzuweisen. "Klar", sage ich also stattdessen.

Patricia wartet geduldig, bis auch der letzte ihrer Mitschüler den Raum verlassen hat. "Setzen Sie sich doch", biete ich ihr an, also setzt sie sich auf einen Stuhl gegenüber von meinem Pult und spricht sofort.

"Schlafen Sie mit meiner Schwester?"

Was zur Hölle?

"Ähm...", setze ich an, weiß nicht recht, was ich darauf erwidern soll. "Wie kommen Sie darauf?" "Sie tragen ihr T-Shirt", informiert mich Patricia, ohne auf eine Erwiderung meinerseits zu warten. Ich blicke an mir herab und hätte mir gerne selbst mit der flachen Hand vor die Stirn geschlagen. Sie hat Recht. Ich habe eines von Chloes bequemen Bandshirts an. "Außerdem lagen vor einigen Tagen zwei klatschnasse BHs und Höschen in der Dusche, als ich nachhause kam, von denen ein Paar ganz sicher nicht Chloe gehörte. Ich habe kein Problem damit, wenn meine Schwester Sex mit irgendwelchen Frauen in unserer Dusche hat, aber wenn auf ihrem Handydisplay ständig der Name 'Maria' mit einem Herzchen dahinter zu lesen ist und auf dem Profilbild der besagten Maria definitiv eine Frau mit roten Locken abgebildet ist, die zufällig genau so aussieht wie meine Kurslehrerin, mache ich mir schon Gedanken."

"Okay, wow", sage ich. "Sie haben einen ausgeprägten Beobachtungssinn." "Nö", erwidert Patricia. "Ich mache bloß in unserem Haushalt die Wäsche." Sie beugt sich vor. "Chloe redet mir über alles", stellt sie klar. "Dass sie mir so etwas verschweigt, erscheint mir unmöglich, aber sie hat einfach nichts erzählt. Darum frage ich Sie."

Ich schweige, will Chloe nicht in Schwierigkeiten bringen, doch zum Lügen ist es ganz eindeutig zu spät.

"Hören Sie zu, ich verstehe, dass das total absurd für Sie klingen muss." "Absurd ist untetrieben!", schnaubt Patricia abwertend. "Es stimmt also?" "Ja", flüstere ich. Patricia starrt mich ein paar Sekunden an. In ihrem Gesicht spiegelt sich blanker Hass. "Ich hätte nie gedacht, dass Sie so sind. Ich fand Sie immer ganz okay", zischt sie und steht auf, um zu gehen. "Patricia, warten Sie!", rufe ich, doch sie gehorcht nicht. "Patricia! Als Ihre Lehrerin weise ich Sie an, stehen zu bleiben!"

"Als meine Lehrerin?!", schreit sie gellend und dreht sich um. "Oder als das Betthäschen meiner Schwester, das Grund dafür ist, dass sie mich angelogen hat? Was, wenn ich Ihren Anweisungen nicht folge? Vergewaltigen Sie mich?!"

Autsch, das tat weh. "Ich weiß nicht, wieso Chloe Ihnen nichts gesagt hat", versuche ich, zu erklären. "Aber Sie müssen wissen, dass wir nicht nur miteinander schlafen. Patricia, wir sind ein Paar. Wir sind zusammen und wir sind glücklich zusammen. Das Ganze hat schon vor zwei Jahren angefangen. Chloe hat sich in mich verliebt und ich mich in sie. Dass wir uns wiedergefunden haben, war nicht geplant und auch nicht unbedingt einfach. Sie müssen wissen, dass ich schwanger bin. Wir haben beide unsere Beziehungen hinter uns gelassen, um..." Ich verstumme mitten im Satz, als ich sehe, wie Patricia Tränen über das Gesicht laufen. "Es ist nur so, dass ich Chloe wirklich sehr, sehr gern habe...", versuche ich es erneut.

"Weiß ich", unterbricht Patricia mich. "Und sie hat Sie weiß Gott auch 'sehr, sehr gern'." Sie betont das Ende des Satzes voller Ironie und malt mit ihren Fingern Gänsefüßchen in die Luft. "Um ehrlich zu sein, scheint sie Sie mehr zu lieben, als ihre eigene Schwester."

Mit diesen Worten verlässt sie den Raum im Sturmschritt und lässt die Tür lautstark hinter sich ins Schloss fallen. Ich starre ihr verzweifelt hinterher. Meine Schultern heben und senken sich in einem schnellen Takt, mein Herz rast. Wie konnte das nur passieren?

Dass Chloe Patricia unsere Beziehung verschwiegen hat, ist mir nie in den Sinn gekommen. Solange ich denken kann, waren die beiden immer ein Herz und eine Seele und Chloe hätte alles für ihre Schwester getan. Ich war der festen Überzeugung, dass sie davon weiß und sich bloß nicht darum schert, schließlich ist sie achtzehn und hat ihr eigenes Liebesleben. Andersherum kann ich Patricia gut verstehen. Chloe ist ihre einzige Bezugsperson, denn ihre Eltern sind dies nie gewesen. Zu erfahren, dass ihre Schwester sie jahrelang belogen hat, hat ihr das Herz gebrochen.

Und ich bin daran Schuld. Wieso konnte ich nicht einfach meine Klappe halten? Ich muss schnell mit Chloe reden, die gerade arbeiten ist.

"Hey", meldet sie sich mit sanfter Stimme, als sie meinen Anruf entgegen nimmt. "Alles okay?" "Ich fürchte nicht", erwidere ich. "Patricia war gerade bei mir und hat mich dafür verantwortlich gemacht, dass du ihr die Sache mit uns jahrelang vorenthalten hast." Es folgt eine lange Pause, in der lediglich ein Rauschen aus dem Hörer dringt. "Scheiße", flüstert Chloe. "Woher weiß sie das?" "Ich weiß es nicht. Sie hat meinen Namen auf deinem Handy gelesen, meine Unterwäsche in eurer Dusche gefunden... Deine Schwester ist ja nicht dumm." Ich zögere kurz. "Chloe, wieso hast du es ihr nie gesagt? Ich war die ganze Zeit der Überzeugung, dass sie es weiß." "Wieso ich ihr nichts gesagt habe? Maria, komm schon! Sie ist deine Schülerin. Als das mit uns angefangen hat, war nicht nur sie deine Schülerin, sondern ich war es auch noch. Ich wollte nicht, dass sie in dir etwas anderes sieht als ihre Lehrerin. Sie nimmt sich so etwas viel zu stark zu Herzen und vorbei wäre es gewesen mit ihren guten Englischnoten. Scheiße, Maria, was hast du ihr gesagt?" Mir rutscht das Herz in die Hose. "Eventuell alles...", flüstere ich. "Chloe, es tut mir leid, ich dachte, sie weiß es." Ich höre meine Freundin tief durchatmen. "Ist schon gut. Ich versuche das gerade zu biegen. Hör zu, ich muss jetzt weiter arbeiten. Sehen wir uns heute Abend zum Essen im Karton?" "Okay", flüstere ich. "Um neunzehn Uhr." "Mach dir keine Sorgen, Baby", sagt Chloe noch. "Bis heute Abend."

Nachdenklich packe ich meine restlichen Zettel ein, nachdem wir aufgelegt haben, und verlasse dann das Schulgebäude. Erneut peitscht die Angst in mir nach oben, als ich an das bevorstehende Aufeinandertreffen mit Finn denke. Kann dieser Tag eigentlich noch schlimmer werden?

D E L I R I U MWo Geschichten leben. Entdecke jetzt