K a p i t e l 2 0

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Ihre Küsse auf meinem Hals bringen mich nahezu um den Verstand. Ich spüre bereits jetzt Muskeln an Stellen zucken, von denen ich dachte, sie würden nicht mehr funktionieren. Ich will Chloe so sehr, so sehr, und nichts erfüllt mich mehr als der Gedanke, dass es ihr im Augenblick genau so geht.

Ich ziehe sie aus, befördere ihren nassen, schweren Pullover und ihre ebenso nasse und schwere Jeanshose auf den Badezimmerfußboden vor der Dusche. In ihrer dunkelroten Unterwäsche steht sie vor mir, zwischen uns Wassertropfen und heißer, schwerer Dampf, ihre schmalen Lippen formen meinen Namen, immer und immer wieder, als sie nach einer Flasche Duschel greift und anfängt, mich einzuseifen. Jede der kreisenden Bewegungen ihrer mit Seife benetzten Hände auf meiner Haut übertragen sich wie ein elektrisches Signal auf meine Sinne, ich winde mich unter ihren Fingern, die keinen Zentimeter meiner Haut auslassen und mich auf unschuldigste Art und Weise in den Wahnsinn treiben. Ich will mehr. Nach und nach verlieren wir unsere letzten Kleidungsstücke, kommen uns immer näher, immer näher. Unsere Haut scheint aneinander zu kleben, unsere Lippen miteinander verwachsen zu sein, ich weiß längst nicht mehr, wo mir der Kopf steht, als wir in eine Wolke aus ihrem Kokos-Vanille-Duschgel gehüllt vollkommen nackt auf der Matratze in ihrem Zimmer landen und alles vergessen, was um uns herum passiert. Es zählen nur noch sie und ich und die knisternden, prickelnden Gefühle zwischen uns, die uns zu Dingen verleiten, die wir nicht tun sollten, die falsch sind, und sich doch so richtig anfühlen.

Ihre Hände und ihr Mund sind überall. Sie liebt mich mit einer Wucht, die mich erreicht wie eine Druckwelle, befördert mich in einen Zustand, der einem Rausch gleicht. Sie tut genau das, nach dem ich mit seit langem verzehrt habe, sie reizt mich, sie liebkost mich, sie lässt keinen Zentimeter meiner Haut aus und lässt mich wieder und wieder zusammenfahren. Ihre Finger lassen mich mit jeder Bewegung in mir aufkeuchen, ihre Lippen gegen meine empfindlichste Stelle geben mir den Rest. Ich komme wie eine Rakete am Silvesterhimmel, ein-, zwei-, vielleicht tausendmal, weil sich jeder Kuss, jede Berührung anfühlt wie ein kleiner Höhepunkt. Wie lange habe ich nicht mehr so empfunden, wie sehr habe ich mich danach gesehnt, ohne es recht zu realisieren. Sie zu befriedigen, ist die größte Ehre für mich. Ich schmecke sie, ihre vanillige Haut, ihre salzig-süßen Körperflüssigkeiten, ich spüre sie, spüre, wie sie mich spürt. Ihr raues Stöhnen direkt neben meinem Ohr beschert mir eine Gänsehaut nach der anderen, wenn sie meinen Namen keucht, glaube ich, bedingungslose, tiefe Liebe darin zu hören. Niemals klingen diese fünf Buchstaben, auf die ich mein Leben lang höre, so schön und bedeutungsvoll, wie wenn sie sie ausspricht. Die Zeit rinnt durch unsere Hände, so wie unsere Körper es tun. Es ist bereits dunkel draußen und die Wohnung liegt in tiefster Schwärze, als ich zitternd und keuchend in Chloes Armen zur Ruhe komme, langsam wieder zu mir finde und feststelle, dass ich endlich dort angekommen bin, wo ich die ganze Zeit hinwollte, dass ich endlich zuhause bin. Sie küsst sanft meine Schläfe und verschränkt ihre Finger mit meinen. Ich richte mich auf, um sie im spärlichen Licht der Straßenlaterne vor ihrem Fenster anzusehen.

Wie habe ich diesen Körper vermisst. Wie habe ich diese Frau vermisst. Ihre olivfarbene, gebräunte Haut, ihre Kurven, ihre großen runden Brüste mit den großflächigen rosigen Warzen, ihren flachen Bauch mit dem gepiercten Nabel, ihre vollen muskulösen Oberschenkel. Ihre schulterlangen dunkelbraunen Haare hängen feucht und wirr herab, ihre Maskara ist verlaufen, ihre Lippen angeschwollen. Ihr Gesichtsausdruck spricht pure Zufriedenheit, Zuneigung, Glück, ihr Lächeln ist echt. Sie sieht so wunderschön und unwiderstehlich heiß aus, ist auf so unperfekte Art und Weise perfekt, dass ich keine Worte dafür finde. So sage ich lediglich ihren Vornamen und beuge mich über sie, um sie erneut zu küssen. Voller Zärtlichkeit schmiegen sich unsere Lippen aneinander. Sie saugt sanft an mir, hält mich fest, lässt mich nicht gehen. Regungslos gebe ich mich dem Kuss hin, bis wir nach Atem ringen, den wir einander geraubt haben. "Gott, Maria", flüstert sie leise, doch beendet ihren Satz nicht. "Was ist?", frage ich. Sie drückt ihr Gesicht in meine Haare und murmelt: "Nichts."

Mit einem Lächeln lasse ich mich wieder gegen sie sinken, genieße ihre weiche, warm glühende Haut gegen meine, die Art, wie sie ihren Arm um mich gelegt hat und meine Hand hält, ihren ruhigen, gleichmäßigen Atem. Ich bin glücklich, so glücklich. Das ist es, was ich will. Sie.

"Chloe?", frage ich leise. "Ja?" "Ist dieser Abend die Antwort auf meine Frage von vorhin?"

Schweigen. "Welche Frage hattest du gestellt?" Ich muss leise lachen.

"Was ist es, dass dich dazu gebracht hat, mich zu küssen? Was empfindest du für mich?"

Als sie sich aufrichtet und auf mich herab blickt, beginnt mein Herz panisch zu rasen. Ihre Silhouette in der Halbdunkelheit des Zimmers raubt mir den Atem, die Angst vor dem, was sie antworten wird, umso mehr. Mit einem Mal beugt sie sich über mich und küsst mich erneut. "Das", sagt sie. "Ich empfinde genau das." Dann legt sie sich wieder neben mich, lässt es zu, dass ich mich an sie schmiege, zieht mich noch fester gegen sich. Ich kann nicht aufhören zu lächeln in dem Wissen, dass sie für mich dasselbe fühlt, wie ich für sie. Dass sie möglicherweise sogar genau dasselbe für uns will. Dass wir vielleicht wieder zusammen sein können.

Auf einmal denke ich an Finn. Mein Magen zieht sich schmerzhaft zusammen. Seit Stunden habe ich keinen Gedanken mehr an ihn verschwendet. Auch unser kleines, in mir heranwachsendes Baby ist vollkommen in Vergessenheit geraten in dem Augenblick, in dem ich mit Chloe unter der Dusche stand. Automatisch wandert meine Hand auf meinen Bauch, der noch immer von warmen, feuchten Spuren bedeckt ist, die Chloes Mund gezogen hat. Ich spanne mich an.

"Was ist los?", fragt Chloe besorgt. "Woran denkst du?" Ich muss durchatmen. "Finn", antworte ich. "Ich habe gerade den Vater meines Kindes betrogen."

Als Chloes Griff um meine Hand lockerer wird, greife ich schnell wieder zu, so fest ich kann. "Nicht loslassen", bitte ich sie. "Ich will dich, nur dich, hörst du. Ich werde mich trennen. Nur wünschte ich, ich hätte es getan, bevor ich mit dir geschlafen habe." Ich lehne mich an sie. "Wenigstens geht es dir genau so. Wir waren gemeinsam scheiße."

Als sie sich schweigend aufrichtet und mich anblickt, setze ich mich ebenfalls hin. "Was ist?", frage ich.

"Maria", beginnt sie sanft. "Ich habe schon vor kurzem mit Candy Schluss gemacht."

D E L I R I U MWo Geschichten leben. Entdecke jetzt