K a p i t e l 1 9

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Chloe Karoske, 20.6., 23:01 Uhr: Wir müssen reden.

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Und wir würden reden. Ich hatte vorgeschlagen, uns im Park zu treffen und spazieren zu gehen. Der Gedanke daran, in ihrer oder meiner Wohnung zu sein, wo wir uns küssen oder ich in ihren Armen müde werden würde, quält mich. Ja, ich will es, aber zuerst will ich klären, woran wir sind. Chloe hat zugestimmt und somit sitze ich nun am Eingang zum Park auf der Mauer, baumle mit den Beinen und warte. Der Himmel ist grau und wolkenverhangen, die Luft ist stickig, sodass ich Kopfschmerzen bekomme. Ich habe Angst vor dem Gespräch mit Chloe, Angst davor, was dabei herauskommen wird.

Endlich kommt Chloe. Sie trägt eine helle zerrissene Boyfriendjeans und einen schwarzen Netzpullover, dazu weiße Turnschuhe. Sie sieht gut aus. Mein Herz beginnt automatisch schneller zu schlagen, als ich sie sehe. Ob vor Angst oder vor Verliebtheit, weiß ich nicht.

"Maria", sagt sie zur Begrüßung. Sie streckt mir ihre Hand hin, um mich zu stützen, als ich von der Mauer herunterspringe. "Hi, Chloe", erwidere ich. Die folgende Umarmung fühlt sich merkwürdig an. Es ist, als würden wir uns zwingen, distanziert zu sein, obwohl wir beide wissen, dass dieses Treffen nur zwei mögliche Abschlüsse haben kann. Entweder, wir bekennen unsere Liebe zueinander, oder unsere Wege werden sich endgültig trennen.

"Lass uns gehen", sage ich und Chloe nickt. Nebeneinander laufen wir zwischen den Bäumen hindurch und schweigen. "Wie geht es dir?", durchbricht sie endlich die Stille. Ich nicke langsam. "Ganz gut, schätze ich. Und dir?" Als nicht sofort eine Antwort kommt, blicke ich Chloe fragend von der Seite an. Sie zuckt die Schultern. "Ehrlich gesagt, bringen meine Gedanken mich um."

"Verstehe", flüstere ich. "Chloe, wieso hast du mich geküsst? Sag bitte nicht, dass es daran lag, dass du betrunken warst." "Daran lag es nicht", bestätigt sie sofort und augenblicklich breitet sich Erleichterung in mir aus. "Vielleicht habe ich mir Mut angetrunken, aber ich war schon noch bei Sinnen. Es ist nur, ich weiß nicht, was es ist. Was ist es bei dir?"

Nun ist also der Moment gekommen.

Ich atme tief die drückende warme Luft ein, ehe ich antworte. "Es ist, dass ich dich zurückwill, Chloe, aber mir nicht sicher bin, ob es richtig ist."

Noch bevor sie zu einer Antwort ansetzen kann, kracht es auf einmal ohrenbetäubend direkt über uns, sodass wir erschrocken nach oben blicken. Fast in derselben Sekunde zuckt ein Blitz über den Himmel. "Na toll!", ruft Chloe anstelle einer Erwiderung. Ich knirsche mit den Zähnen. Wir wollten reden und endlich alles klären. Stattdessen werden wir von einem Sturm unterbrochen. Binnen Sekunden wird es auf einmal wahnsinnig windig. Die ersten Tropfen fallen vom Himmel und steigern sich zu einem kalten Strippenregen.

"Lass uns schnell zu mir laufen!", schlägt sie vor und rennt los, bevor ich mich dafür oder dagegen aussprechen kann. Also bleibt mir nichts anderes übrig, als ihr hinterher zu sprinten. Das Gewitter tobt direkt über uns, während wir aus dem Park hinaus, rechts herum die Straße entlang und dann durch ein Wohngebiet rennen. Der Regen durchnässt mein dünnes Seidentop und die Jeans binnen Sekunden, der starke Wind sorgt dafür, dass ich friere, als hätten wir Winter. Endlich sind wir angekommen.

Klatschnass schließt Chloe die Wohnungstür auf und lässt mich hinein. "Scheiße", murmelt sie und drückt sich das Wasser aus den Haaren, das augenblicklich eine Pfütze auf dem Parkettboden bildet. Ich schlinge meine Arme um meinen Oberkörper, um mich zu wärmen. Als ihr Blick mich streift, muss sie leicht grinsen. "Heiße Dusche, Wolldecke und Tee?" Ich nicke mit klappernden Zähnen. "Willst du zuerst?" "Nein, du duscht zuerst", beschließt Chloe. "Du hast ganz blaue Lippen. Warte, ich lege dir Handtücher und was zum Anziehen raus."

Im Badezimmer gibt es eine Fußbodenheizung, die meine Eisfüße langsam wieder auftauen lässt. Ich ziehe mir mein Top über den Kopf und deponiere es über der Heizung, damit es trocknet. Gerade will ich meine Jeans ausziehen, als Chloe die Tür aufreißt. Sie bleibt wie angewurzelt stehen, als sie mich halbnackt dort stehen sieht. In ihren Armen trägt sie einen Stapel Handtücher, einen dicken dunkelroten Pullover und eine Jogginghose. Sie räuspert sich. "Wenn du eine Stripshow hinlegen willst, tu es besser jetzt, wo ich die Hände voll habe", scherzt sie, doch ihre Stimme klingt ganz rau. Ihre Augen mustern mich unverhohlen. Ich kann mich nicht bewegen. Wie festgefroren stehe ich dort und lasse ihre Blicke auf mir zu.

Dann geht alles auf einmal ganz schnell. "Maria", sagt sie. Im nächsten Moment liegen die Klamotten und das Handtuch auf dem Fußboden, ihre Hände auf meiner nackten Taille und ihre Lippen auf meinen.

Ich keuche erschrocken auf, spüre, wie sich in meinem Kopf binnen Millisekunden ein Schalter umlegt. Mir ist nicht mehr nach reden, mir ist nicht mehr nach halben Sachen. Ich will ihr zeigen, wie sehr ich sie will. Ihr geht es scheinbar genau so. Ihre schlanken Hände gleiten über meinen Körper, von meinen Schultern über meinen Rücken bis zum Ansatz meiner Jeans, und langsam immer tiefer.

"Zieh sie aus", knurrt sie in mein Ohr. "Wen?" Ihre Nähe vernebelt mein Gehirn, ich kann nicht klar denken. "Deine Hose." Keinen Gedanken mehr widme ich Finn oder Maren oder meiner Vernunft. Ich bin Chloe verfallen und ich gehorche ihr. Meine Jeans fällt zu Boden. Chloes Blicke wandern an mir auf und ab, enden auf meinem Gesicht. "Du bist immer noch wunderschön", flüstert sie, beginnt, mit ihrem Zeigefinger meine Kurven und Konturen nachzufahren. "So wunderschön." "Und du erst", erwidere ich, so leise, dass ich nicht sicher bin, ob sie es verstanden hat. Es bildet sich eine Gänsehaut unter ihren federleichten Berührungen an meinem Schlüsselbein, meinen Oberarmen, meinem Bauch, dem Bund meines Tangas. "Ist dir noch kalt?", erkundigt Chloe sich. Dass sie für meine Gänsehaut verantwortlich ist, scheint ihr nicht in den Sinn zu kommen. "Ich wollte doch duschen", erinnere ich sie. "Richtig." Sie öffnet die Glasflügeltür zur Dusche und führt mich an meinem Unterarm hinein. "Du wolltest duschen." Sie steht direkt hinter mir, als die Glastür zufällt, greift um mich herum, um das Wasser aufzudrehen. Heiß und kribbelig prasselt es auf uns herab, ich trage noch immer meine Unterwäsche und Chloe ihre normale Kleidung, als sie ihre Lippen gegen meinen Hals legt und Küsse darauf verteilt, die mich ebenso heiß und kribbelig werden und mich auch den letzten Rest meines Verstandes vollständig ausschalten lassen.

D E L I R I U MWo Geschichten leben. Entdecke jetzt