K a p i t e l 1 7

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Wir verunstalten die halbe Küche bei dem Versuch, ein zumindest annähernd vernünftiges vegetarisches Chili zu produzieren. Chloe hat kein Stück dazu gelernt. Sie war schon früher keine gute Köchin, eine gute Esserin, ja, aber die Zubereitung überlässt sie seit jeher gerne anderen, in diesem Falle mir. Ich koche ziemlich gerne und auch halbwegs gut.

Somit beschränkt sie sich darauf, die Musik laut aufzudrehen, eine Flasche Rotwein zu öffnen und um mich herum zu tanzen, anstelle zu helfen, während ich koche. Dabei gibt sie Tipps ab, die als solche kaum zu benennen sind.

"Wenn du die Zwiebel in Frischhaltefolie wickelst und dann schneidest, musst du nicht heulen!"

"Eine rohe Knoblauchzehe zu essen bringt Glück!"

"Meinst du, Rotwein in Chilisoße schmeckt?"

"Chloe, nein!", schimpfe ich lachend, als sie versucht, den Inhalt ihres Weinglases in den Soßentopf zu träufeln. "Rotwein in Chilisoße schmeckt nicht, außerdem darf ich keinen Alkohol... Hey... Gib her!" Als ich das Glas ergattert habe, stelle ich es außer Reichweite, ohne sie aus den Augen zu lassen. Wer weiß, was ihr als nächstes einfällt. Vielleicht Tomatenmark mit Kakaopulver oder Mais in Wein. Doch Chloe hat schon eine neue Beschäftigung gefunden und richtet ihre Handykamera auf uns, um ein Foto zu schießen, auf dem wir beide definitiv mehr als bescheuert aussehen werden.

Merkwürdigerweise macht es mir jedoch nicht einmal etwas aus. Ich genieße diese Unbeschwertheit in vollen Zügen. Ich genieße es, Chloe anzusehen, wie sie mit ihrem Weinglas in der Hand auf der Arbeitsplatte hockt, mit den Beinen baumelt und lauthals lacht, ihre Augen funkeln mit jedem Glas, das sie leert, mehr, und sie wird auch ohne dass ich trinke, von Minute zu Minute schöner. Aus ihrem Laptop spielt eine mir nicht bekannte Band und das Licht ist gedimmt. Ich denke an Marens Anweisung zurück: "Finde heraus, ob Chloe wirklich diejenige ist, die du willst!" An diesem Abend schreit alles in mir ein Ja. Ja, ich will sie. Ich will diese Chemie zwischen uns. Ich will mehr Abende wie diese. Und ich will diese Abende so enden lassen, wie es momentan nicht einmal anzudenken wäre... Ich will sie so sehr, dass es physisch an mir zehrt.

"Deckst du schonmal den Tisch?", bitte ich Chloe, als unsere Mahlzeit langsam Gestalt annimmt, doch sie schüttelt den Kopf. "Lass uns auf dem Boden essen, so wie vor zwei Jahren." Aus glasigen Augen schaut sie mich an und deutet mit dem Zeigefinger nach unten, falls ich vergessen haben sollte, wo der Boden ist.

Ich nicke begeistert und mache mich daran, den Topf vom Herd zu nehmen und das Chili in Teller zu füllen, während Chloe sämtliche Decken und Kissen zusammensucht, die sie finden kann, um sie zwischen Kühlschrank und Ofen auf dem Boden zu verteilen. Sie holt die zweite Flasche Wein und eine Flasche Ginger Ale und schenkt uns nach.

Als ich mich zu ihr setzen will, rutscht auf einmal die Wolldecke unter meinen Füßen auf den Fliesen weg und ich falle vorneüber mitten in die Kissenburg, die Chloe gebaut hat. "Oh Gott, ist alles okay?", höre ich erschrocken durch die Stoffschichten, die mich begraben. Ich spüre verschüttetes Chili sin Carne an meinen Handgelenken herablaufen und muss auf einmal lachen. Chloe scheint das Auf- und Abwippen meines Körpers anders zu deuten. "Maria!", ruft sie und reißt mich beinahe brutal an meinen Schultern nach oben. Ich blicke sie an und lache nur noch lauter. Ihr Gesicht sieht zu herrlich aus, verzieht sich nun langsam ebenfalls zu einem Grinsen und schließlich bricht sie endlich mit mir in Lachen aus.

"Du bist schwanger, verdammt, da macht man keine Bauchlandungen! Ich hatte Angst um dich", schimpft sie zwischen zwei Lachern und deutet dann auf die eingesauten Kissen und Decken, von denen unser Chili herab tropft. "Bah", lautet ihr Kommentar und aus irgendeinem Grund finde ich das so witzig, dass ich sofort wieder beginne zu lachen.

Es ist verrückt, wie viel ich mit Chloe lachen kann, obwohl ich manchmal nur weinen möchte, wenn ich daran denke, dass sie nie wieder mein sein wird.

Nachdem wir provisorisch sauber gemacht und unsere Teller neu aufgefüllt haben, essen wir endlich, trinken, reden, lachen so unglaublich viel. Chloe holt ihre Gitarre und zwingt mich, für sie zu spielen und zu singen. Zum Nachtisch essen wir billigen Vanillepudding aus dem Supermarkt. Es ist alles beinahe wie früher, bis auf die winzige Kleinigkeit, dass wir einfach kein Paar mehr sind, auch wenn es sich in manchen magischen Momenten für mich so anfühlt.

Um weit nach Mitternacht beschließe ich, dass es Zeit wird, zu gehen. Chloe besteht darauf, mich nachhause zu begleiten, schließlich ist es schon dunkel. Ich hake sie unter, denn die Flasche Wein, die sie intus hat, lässt mich an ihren Fähigkeiten, gerade zu laufen, zweifeln, obwohl sie erstaunlich viel Alkohol verträgt. Gleichzeitig gibt ihre Nähe mir so viel Vertrauen und Ruhe, ich könnte sie permanent anfassen, einfach, um das Zucken der kleinen Blitze zwischen uns zu spüren, von dem ich glaube, dass es noch immer da ist.

"Glaubst du eigentlich, dass ich eher ein Kopf- oder Herzmensch bin?", fragt Chloe mich aus heiterem Himmel, während wir durch spärlich beleuchtete Seitengassen der Neustadt laufen. "Hm", mache ich und überlege kurz. "Eher ein Kopfmensch. Du weißt genau, was du willst und wie du es anstellen wirst, es zu bekommen. Und ich?" "Hm", macht auch Chloe. "Ich glaube, auch Kopfmensch. Vielleicht zu verkopft manchmal." Mittlerweile sind wir vor meiner Haustür angekommen und bleiben stehen. "Du denkst so viel nach, dass du aus den Augen verlierst, was du wirklich willst", fährt sie leise fort.

Ich habe nicht einmal getrunken, doch der Sternenhimmel über uns, Chloes dem Alkohol zuzuschreibenes tiefsinniges Gefrage und die Tatsache, dass sie noch immer meinen Unterarm festhält, obwohl wir schon längst da sind, bringen mich durcheinander.

Ich wiederhole leise: "Ich weiß wirklich nicht, was ich will. Es fühlt sich irgendwie alles falsch an."

Chloe senkt ihren Blick. Kurzzeitig denke ich, dass sie angefangen hat zu weinen, doch dann schaut sie wieder auf und in ihren Augen liegt mit einem Mal ein ganz neuer Ausdruck. An meinem Unterarm dreht sie mich vorsichtig zu sich um, sodass ich direkt vor ihr stehe, lässt ihre Hand von meinem Arm an meine Taille gleiten. Ihre freie Hand streicht eine meiner Locken hinter mein Ohr und verharrt in meinem Nacken. Mein Pulsschlag erhöht sich enorm, als sie mit rauer Stimme fragt:

"Fühlt sich das hier falsch an?"

Und dann küsst sie mich. Sie zieht mich an meinem Nacken näher zu sich heran und legt ihre weichen, nach Macademia und Rotwein schmeckenden Lippen sanft und drängend und fordernd und liebevoll auf meine. In mir explodieren hundert kleine Feuerwerke, als ich meinen Mund leicht öffne und spüre, wie wir verschmelzen. Irgendetwas in mir sagt mir, dass ich den Kuss unterbrechen sollte, dass ich einen Fehler mache, doch diese kleine böse Stimme verschwindet augenblicklich in dem Moment, in dem Chloe ihre Hände auf meiner Hüfte platziert und mich rückwärts gegen die Hauswand drückt, ihre Zunge in meinen Mund gleiten lässt und mir damit ein verlangendes Keuchen entlockt, das ich nicht unterdrücken kann. Mein gesamter Körper steht unter Strom. Ich schlinge meine Arme um Chloes Nacken und versuche, sie festzuhalten. Diese Frau ist alles.

Minutenlang stehen wir gegen die Hauswand gelehnt und tauschen sanfte, leidenschaftliche Küsse aus, die dafür sorgen, dass ich lichterloh in Flammen stehe, vergesse, zu denken, vergesse, zu atmen, bis sie sich irgendwann von mir löst und mich ansieht. Ihr warmer, kurviger Körper ist noch immer gegen meinen gepresst, sodass kein Papier mehr zwischen uns gepasst hätte. Ich möchte, dass sie nie mehr von mir zurückweicht. Ihre Augen bohren sich in meine und lassen mich nicht los. Ihre leicht geschwollenen, schmalen, rosigen Lippen ziert ein Lächeln. Ich lächle ebenfalls. Ich kann gar nichts dagegen tun. Mit meinen Daumen zeichne ich kleine Kreise auf die warme, weiche Haut ihres Nackens.

"Nein", sage ich schließlich. "Nein, das fühlt sich nicht falsch an."

Chloe schweigt kurz. "Ich weiß genau, was du meinst", erwidert sie dann nachdenklich.

Mit diesen Worten legt sie einenl letzten kurzen Kuss auf meinen Mundwinkel, lässt mich dann los und verschwindet in der Dunkelheit.

D E L I R I U MWo Geschichten leben. Entdecke jetzt