K a p i t e l 1 4

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Ich treffe Chloe am nächsten Nachmittag im Karton, einem alternativ angehauchten Musikcafé in der Neustadt, das wir beide sehr mögen. Am Vormittag war ich beim Arzt. Meine Gynäkologin, die ich schon sehr lange kenne, hat sich erweichen lassen, als ich verzweifelt bei ihr anrief und etwas von ungewollter Schwangerschaft und meiner grauenhaften Morgenübelkeit faselte, und mich zwischen zwei Termine geschoben. Nun sitze ich mit dem Wissen, dass ich mich in der siebten Schwangerschaftswoche befinde, mein Kind, das stolze 7,3mm groß und soweit zu erkennen gesund ist, voraussichtlich im Februar nächsten Jahres zur Welt kommen wird und einem Ultraschallbild in meiner Handtasche am Tisch im Café und warte mit gemischten Gefühlen auf Chloe.

Sie kommt etwas zu spät, aber das liegt in ihrer Natur und somit ärgert es mich nicht einmal. Als sechs Minuten nach unserer verabredeten Zeit die Tür des Cafés aufgerissen wird und sie herein schneit, freue ich mich einfach nur, sie zu sehen. Schon jetzt sehne ich mich erneut danach, ihren warmen, gefühlvollen Blick auf mir zu spüren, wenn ich ihr von meinem Arztbesuch erzähle. Ich will, dass sie mich in den Arm nimmt und mir versichert, dass alles gut wird.

"Hey", sagt sie atemlos und lässt sich auf den Stuhl gegenüber von mir fallen. "Verzeih die Verspätung. Ich..." Sie kaut ein paar Sekunden auf ihrer Unterlippe herum und lacht dann einfach. "Keine Ahnung, welche Ausrede ich mir ausdenken soll, ich habe einfach zu sehr getrödelt. Entschuldige." Ich muss daran denken, wie oberpünktlich und kleinkariert Finn ist. Er ist sogar so vorbereitet, dass er regelmäßig am Bahnhof einen Schwung Einzelfahrkarten zieht, für den Fall, dass er sich vor einer Fahrt verspätet und keine Zeit mehr hat, eine Karte zu kaufen. Es ist nahezu albern. Ich stelle fest, dass ich diese kleine Macke von Chloe einfach nur umso süßer finde. Ich lache mit ihr darüber und zucke die Schultern. "Macht ja nichts." "Gut", sagt Chloe erleichtert, pustet sich eine Haarsträhne aus der Stirn und schlägt die Getränkekarte auf. Ich betrachte sie dabei. Ihre Haare hat sie zu einem Knoten im Nacken zusammengenommen und sie trägt ein schwarzes knielanges Sommerkleid mit breiten Trägern. Eine silberne Halskette macht das Outfit perfekt.

Meine Augen weiten sich, als ich den Fingerhutanhänger an der Kette erkenne. Das ist meine Kette. Die Kette, die ich ihr vor zwei Jahren zu Weihnachten geschenkt habe. Die Kette, die sie immer an mich erinnern sollte, weil sie mich manchmal zärtlich mit einem roten Fingerhut verglichen hat.

"Du trägst sie noch!", platzt es aus mir heraus. "Hm?" Irritiert blickt Chloe von der Karte auf und schickt einen fragenden Blick aus ihren grauen Augen über den Tisch zu mir. "Die Kette", füge ich hinzu und deute sicherheitshalber darauf. "Oh." Sie nickt und lächelt leicht, senkt ihre Aufmerksamkeit dann wieder auf die Getränke- und Kuchenauswahl. "Sicher. Sie ist wunderschön." So wie du, will ich erwidern, doch ich verkneife mir diese unangebrachte Bemerkung, indem ich mir auf die Lippe beiße.

Reiß dich zusammen, Maria!

Wir geben unsere Bestellungen an der Theke auf und warten, bis sie uns gebracht werden. Ich trinke einen Chai Tee Latte, während Chloe sich einen laktosefreien Cappuccino und dazu ein Stück Mandelkuchen genehmigt. Wir fangen an.

"Hast du es Finn erzählt?", fragt Chloe geradeheraus. Langsam schüttle ich den Kopf. "Nein. Ich kann nicht." "Wieso denn eigentlich nicht?" Verunsichert blicke ich sie an, überlege. Schließlich antworte ich zögernd: "Er will keine Kinder. Das war von Anfang an klar. Er möchte definitiv keine Familie gründen und Finn ist ein Mann, der seine Ordnung und seine Prinzipien braucht. Er liebt mich wirklich und will mit mir zusammen sein, aber ich weiß nicht, ob das auch noch gilt, wenn er davon erfährt, dass unsere Zukunftspläne eine Hundertachtziggradwendung gemacht haben. "

"Was ist mit einer Abtreibung?"

Ich erschrecke vor diesem Vorschlag. Um ehrlich zu sein, habe ich noch nicht darüber nachgedacht, aber für mich kommt es auch nicht infrage. Ich bin nicht stark genug für so etwas, ich würde es mein Leben lang bereuen, das weiß ich genau. Energisch schüttle ich den Kopf. "Niemals. Das ist mein Kind, mein Fleisch und Blut. Es ist Leben in mir, mit viel Glück gesundes Leben, das eine Zukunft haben kann. Ich will es nicht töten. Ich kann es nicht." Erschrocken stelle ich fest, dass mir bei diesem Gedanken Tränen in die Augen steigen. Hastig wische ich sie weg und versuche, mich zusammenzureißen. Chloe sieht nicht weniger erschrocken aus als ich. "Pscht, ist ja gut", sagt sie beruhigend. "Ich verstehe das. Mir würde es ähnlich gehen. Hier." Sie reicht mir ein Tempotaschentuch und wartet, bis ich mich geschnäuzt habe. "Tut mir leid", murmle ich kleinlaut. "Es ist alles etwas viel im Moment."

"Ist die Morgenübelkeit auch noch so schlimm?", erkundigt sie sich. Ich nicke, schweige darüber, dass ebenso sehr wie das Schwangerschaftsproblem, auch das Chloe-Problem mich nachts wach hält. Meine Gefühle für sie sind mindestens genau so kräftezehrend wie alles andere. "Dass ein so kleines Fuzzi so viel anrichten kann", seufzt sie. Ich muss über das "Fuzzi" grinsen, stimme allerdings zu.

"Es ist merkwürdig, dass da wirklich ein kleiner Mensch in mir ist", sage ich. "Es fühlt sich noch nicht ganz real an. Ich glaube, erst wenn es groß genug ist und das erste Mal tritt, kann ich wirklich realisieren, was los ist." Ich erinnere mich an den heutigen Arztbesuch. "Da fällt mir ein, ich bin heute Morgen bei meiner Gynäkologin gewesen. Hier, schau mal."

Ich suche das Ultraschallbild aus meiner Handtasche und gebe es ihr. "Guck, da oben." Ich tippe auf die entsprechende Stelle im Bild. "Ich weiß, es ist nur ein kleiner Punkt, mehr noch nicht, aber es lebt in mir. Kannst du das glauben?"

Minutenlang studiert Chloe das Bild, dann hebt sie ihren Blick und sieht mich an. Ihre Augen glitzern ganz besonders und verleihen ihr einen atemberaubenden Ausdruck. "Es ist wunderschön, Maria." "Ich weiß...", erwidere ich selig.

"Du musst es Finn erzählen. Was auch immer danach passiert, er hat ein Recht, es zu erfahren. Das ist auch sein kleiner Punkt, verstehst du?", redet Chloe eindringlich auf mich ein. "Ich weiß", sage ich wieder. Mein Magen flattert, als ich daran denke. Ich habe wirklich Angst.

Die nächste Zeit reden wir über andere Dinge, Chloes Psychologiestudium, das im Oktober beginnt, Patricia und Kaffeesorten.

"Willst du noch mit zu mir kommen? Wir könnten einen Film schauen. Du warst noch nie in meiner neuen Wohnung", plappere ich drauflos, als wir etwas später das Café verlassen, beiße mir im selben Augenblick auf die Unterlippe. Was für einen Unsinn fasle ich bitte? Natürlich war sie noch nie in meiner, oder ich sollte besser sagen unserer, neuen Wohnung. Zwar ist Finn heute Nachmittag nicht zuhause, trotzdem ist allein schon die Vorstellung davon, die beiden aufeinandertreffen zu sehen, befremdlich.

Die Wahrheit ist, dass ich noch nicht möchte, dass Chloe geht. Die anderthalb Stunden im Café sind viel zu schnell vergangen und ich genieße ihre Nähe viel zu sehr, als dass ich nicht zumindest versuchen müsste, sie zum Mitkommen zu bewegen. Dass ich mich dabei so affig anstelle, war nicht geplant.

Doch Chloe lächelt und nickt. "Klar, warum nicht? Ich komme gerne mit zu dir nachhause."

D E L I R I U MWo Geschichten leben. Entdecke jetzt