K a p i t e l 1 1

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"Let It Die" - Feist

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Um halb elf abends fährt unser Bus los, um uns zurück nach Brighton zur Fähre zu bringen. Draußen ist es schon dunkel, wie auf der Hinfahrt, doch dieses Mal bin ich nicht alleine im Bus, denn Chloe sitzt neben mir und fährt mit uns nachhause. Ich kann immer noch nicht glauben, dass sie wirklich wieder in derselben Stadt wohnen wird wie ich.

Im Bus kehrt schneller Ruhe ein als auf dem Hinweg. Die Schüler sind geschlaucht von den langen Tagen in London, den vielen Führungen an der frischen Luft und den lange andauernden Abenden, heimlich zu zehnt in einem Viererzimmer, vielleicht mit Zigaretten oder einer großen Flasche Gorbatschow, die einer von ihnen heimlich irgendwo erstanden hat. Zwar haben weder Paul noch ich noch Johannes oder Chloe jemanden erwischt, doch ich bin mir fast sicher, dass derartige Aktionen stattgefunden haben. Es soll mir recht sein, solange sie es unauffällig gestaltet haben.

Ich schiele unauffällig nach rechts, auf Chloes Handy, an dem sie herumspielt. Sie sucht nach Musik, scrollt durch Playlisten und wählt schließlich eine aus, die den Namen "vibes" trägt. Wählt das Lied "Let It Die" von Feist aus, schaltet die Tastensperre ein und lehnt sich zurück. "Was hörst du?", frage ich sie leise. Ich kenne das Lied nicht und außerdem will ich nicht, dass sie alleine Musik hört. Ich möchte mich mit ihr unterhalten und diese Stunden nutzen, in denen sie gezwungenermaßen dicht an dicht neben mir sitzt und niemand etwas dagegen sagen kann, nicht einmal sie selbst. Wortlos streckt Chloe mir einen ihrer Kopfhörer hin, den ich mit einem kleinen Lächeln in mein rechtes Ohr stecke und lausche. Eine ruhige Melodie wird mit hoher, klarer Stimme in meinen Gehörgang gesungen und reißt mich vom ersten Moment an mit.

"Let it die, get out of my mind. We don't see eye to eye or hear ear to ear.

Don't you wish that we could forget that kiss? And see this wilderness, that we're not in love.

The saddest part of a broken heart isn't the ending so much as the start."

Der Text geht mir durch Mark und Bein. Ich muss die ganze restliche Fahrt darüber nachdenken, schaue nachdenklich zu Chloe, die ihren Kopf gegen die Fensterscheibe des Busses gelehnt hat und schläft. Draußen flimmert die Dunkelheit, hin und wieder durchbrochen von Lichtern, die von einer Stadt oder einfach einer Laterne stammen, das monotone Brummen des Busses begleitet diesen Anblick. Chloes braunen Haare fallen vor ihr Gesicht und ihr weites Band-T-Shirt ist leicht verrutscht, sodass ihre gebräunte Schulter freiliegt. In dem Glauben, dass sie wirklich schläft, lasse ich meinen Kopf langsam zur Seite sinken und lege ihn auf ihrer Schulter ab. Ihre Haut fühlt sich warm und weich an meiner Wange an und ihr Duft nach Vanille und Kokos hüllt mich ein. Ich schließe meine Augen, versuche, Ruhe zu finden in ihrer Anwesenheit und Nähe. Der Gedanke an Finn und unser gemeinsames Kind quält mich, doch ich habe mich die vergangenen Tage so sehr daran gewöhnt, zu dem langsamen Takt von Chloes Atem einzuschlafen, dass ich augenblicklich ruhiger werde.

Das Klingeln meines Handys reißt mich aus dem Halbschlaf. Irritiert stelle ich fest, dass Chloe nicht mehr neben mir sitzt und der Bus angehalten hat. Offensichtlich machen wir eine Pause und ich habe diese verschlafen. Müde hole ich mein Handy aus meiner Hosentasche und blicke darauf. Die irische Vorwahl leuchtet mich an, direkt darüber die Buchstaben von Chloes Vornamen. Irritiert nehme ich den Anruf an, hoffend, dass nichts passiert ist.

"Hallo?"

"Ich habe Gefühle für dich", sagt Chloe leise und bringt mein Herz damit zum Aussetzen. "Ich weiß nicht, ob diese Gefühle einfach da sind wegen dem, was früher zwischen uns war, oder ob ich wahrhaftig gerade dabei bin, mich erneut in dich zu verlieben und zwar keinen Deut weniger stark als früher, aber ich habe Gefühle für dich." Ich weiß nicht, was ich darauf erwidern soll. Es gibt so vieles, das ich sagen will. Ich will ihr sagen, dass ich ebenfalls Gefühle habe, will sie bitten, herzukommen und mich zu lieben, weiß gleichzeitig, dass ich sie daran erinnern sollte, in welcher Situation wir uns befinden und dass es nicht funktionieren kann. Es ist so viel in meinem Kopf, dass letztendlich nichts dabei heraus kommt und ich ungeniert in den Hörer schweige. Also spricht Chloe nach ein paar Sekunden Stille weiter.

"Ich kann dich nicht an mich heran lassen, Maria."

"Wieso nicht?", bricht es schneller aus mir heraus, als ich überhaupt darüber nachdenken kann.

"Du verletzt mich." Ihre Worte rauschen leise aus dem Telefonhörer, wie ein Flüstern. "Irgendwann verletzt du mich. Du weißt, wie ich ticke, du weißt, was mich beschäftigt, was mich bewegt. Ich habe mich dir geöffnet und ich ertrage den Gedanken nicht, dass ich ein offenes Buch für dich bin, du aber vor mir liegst, mit einem Schloss gesichert, für das ich keinen Schlüssel besitze, und ich dich nicht auf die Art und Weise erreichen kann, wie du mich. Du hast mich fasziniert und du hast nie damit aufgehört. Die Wirkung, die du auf mich hast, ist kaum zu beschreiben. Es ist unmöglich, dass du das Gleiche über mich denkst. Alles, was dich betrifft, ist das beste, was mir passieren konnte, gleichzeitig fühlt es sich falsch an, weil es mich so schwach macht. Es macht mich schwach, dass du alles weißt. Du hast mich in der Hand."

Sie schweigt kurz, wiederholt dann betroffen: "Du hälst mich in deinen kleinen, zarten Händen und kannst mit mir machen, was du willst, weil ich dir verfallen bin."

Wieder kann ich nichts tun, als überwältigt zu schweigen. Ihre Worte wirken auf mich wie Säure, und ich weiß nicht, ob der Schmerz mich umbringt oder anmacht. Ich weiß nicht, was ich denken soll. Ich höre ihre Worte, doch verstehe ihre Bedeutung nicht, verstehe nicht, woher diese Angst kommt, die sie mir soeben offenbarte. Ich kann nicht glauben, dass sie glaubt, ich hätte nicht dieselben Gefühle für sie, wie sie für mich.

"Ich gebe dir den Schlüssel zu dem Schloss, das mich vor dir verschließt", sage ich schließlich leise in den Hörer, so leise, dass ich nur hoffen kann, dass sie mich überhaupt versteht. "Und ich will, dass du mich durchblätterst und jede Seite sorgsam liest, immer und immer wieder. Ich will das, Chloe, weil ich nämlich genau das Gleiche empfinde, wie du. Ich will, dass du das weißt, ich will, dass du es endlich verstehst."

Gerade will ich ansetzen, die drei Worte zu sagen, will ihr sagen, dass ich sie liebe, dass ich nie damit aufgehört habe, doch im selben Moment dröhnt ein montones, gleichmäßiges Tuten in meinen Gehörgang. Hat Chloe aufgelegt?

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Ich wache von dem ohrenbetäubenden, monotonen, gleichmäßigen Tuten auf, mit dem der Bus gerade rückwärts auf der Fähre einparkt, und reibe mir irritiert die Augen. Als mir auffällt, dass mein Kopf auf der Schulter einer Person ruht, auf der ich offensichtlich eingeschlafen bin, fahre ich erschrocken in die Höhe, blicke direkt in Chloes leicht lächelndes Gesicht, begreife langsam, dass ich geträumt habe und nichts von dem, was sie zu mir gesagt hat, echt war.

A/N: Ich hatte einen Inspirations-Flow und konnte nicht aufhören zu schreiben, whoops.

D E L I R I U MWo Geschichten leben. Entdecke jetzt