K a p i t e l 1 0

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Chloe zieht Patricias Geburtstag ganz groß auf. Als wir mit den Schülern und Paul und Johannes im Frühstückssaal sitzen und essen, steht sie auf einmal auf und marschiert mit dem Kuchenteller in der Hand zu dem Tisch, an dem ihre Schwester sitzt. Durch die Auffälligkeit ihrer Aktion bekommt der halbe Speisesaal plus die Küche davon Wind und so bringt Chloe sie alle sogar dazu, laut Happy Birthday zu singen. Mit den Worten "Nicht dein Geschenk mitverspeisen!" überreicht sie Patricia schließlich feierlich den Kuchen, nachdem diese sie fröhlich umarmt und sich bedankt hat. Mit angestrengtem Blick angelt sie den Schlüssel aus der Schokoglasur und befreit ihn mit einer Serviette von dieser, dreht ihn dann nachdenklich in ihren Fingern und und her und denkt offensichtlich nach. Auf einmal scheint der Groschen zu fallen. "Ist das der Schlüssel, der ich denke, der er ist...?", fragt sie vorsichtig nach. Chloe nickt und ein lauter Freudenschrei erfüllt den Saal.

Chloes und Patricias eher semi-gesundes Verhältnis zu ihren Eltern ist mir gut bekannt und somit kann ich verstehen, dass meine Schülerin sich so über die Nachricht freut, dass sie in kürzester Zeit mit ihrer Schwester eine WG gründen wird. Ich muss lächeln bei dem Gedanken daran, dass Patricia jetzt erwachsen ist. Als ich ihre Klasse übernahm, war sie eine schmächtige Dreizehnjährige mit zu dunklem Kajal, zu dunklen Outfits, stets einem zu dunklen Blick auf ihrem hübschen Gesicht und zu dunkler Musik auf den Ohren dank der Kopfhörer, die sie permanent zu tragen schien. Jetzt ist sie achtzehn Jahre alt, noch immer vorliebend in Schwarz gekleidet, so wie ihre Schwester, aber herangewachsen zu einer sarkastischen, fröhlichen jungen Frau. Genau wie Chloe. Als Lehrerin wird man Zeuge von der Entwicklung so vieler jungen Menschen, und irgendwann werde ich vielleicht den achtzehnten Geburtstag meines eigenen Kindes feiern. Mir wird ganz kribbelig bei dem Gedanken. Ich sehe zu Chloe und fange ihren Blick auf. Überrascht darüber, dass sie mich anschaut, lächle ich und sie lächelt zurück.

Der heutige ist unser letzter Tag in London. Ich habe kaum etwas von der Stadt gesehen, doch es macht mir auch kaum etwas aus. Ich war schon oft genug hier. Viel wichtiger und bedeutsamer ist für mich das Aufeinandertreffen mit Chloe, mit dem ich so wenig gerechnet hatte, und noch viel mehr beschäftigt mich, wie sehr ihre Anwesenheit mich noch immer aus dem Konzept bringt. Ganz zu schweigen von der unerwarteten Schwangerschaft, mit der ich erst einmal irgendwie klarkommen muss. Ich weiß wirklich noch nicht, wie ich Finn beibringen soll, dass er Vater wird. Er wird alles andere als begeistert davon sein.

Abschließend besichtigen wir an unserem letzten Abend das London Eye, um zu sehen, wie die Sonne über der Themse untergeht. Für die meisten der Schüler ist dies das Highlight der Fahrt. Wer nicht sonderlich an Kultur und Geschichte interessiert ist, findet viel eher Gefallen an so einem Riesenrad. Chloes Schwester Patricia hingegen hat wenig Lust darauf, eine halbe Stunde in 130 Metern Höhe zu pendeln, und wie ich später feststelle, gilt das auch für Chloe selbst.

Im Schneckentempo erhebt sich die Gondel langsam über die Häuser Londons. Ich stehe mit Paul mittig des Gehäuses und schieße ein paar Fotos von der Klasse, die sich allesamt die Nasen an der Scheibe platt drücken, um hinaus zu sehen, und ihrerseits Snapchat und Instagram fleißig mit Fotos versorgen. Wie Chloe leicht gekrümmt hinter einer Gruppierung von Schülerinnen steht und angestrengt nach vorne schaut, fällt mir erst später auf. Ich laufe die paar Schritte zu ihr und blicke in ihr Gesicht, das ein wenig blass geworden ist. Ihre grauen Augen flackern leicht hin und her, als sie mich ansieht und verhalten grinst.

"Höhenangst", informiert sie mich und wischt ihre Handflächen, die vermutlich schwitzen, an den Beinen ihrer Jeans ab. "Hoffentlich sind wir bald wieder unten."

Ich erinnere mich erst jetzt daran, dass Chloe diese Angst hat. Natürlich wusste ich es, doch ich habe nicht daran gedacht, als wir das Riesenrad bestiegen. Die Erinnerung daran, dass sie mir vor einigen Jahren in unserer Beziehung zu Weihnachten einen Fallschirmsprung schenkte, um mir zu zeigen, dass sie mit mir ihre Ängste überwinden würde, schickt einen schmerzhaften Stich durch meinen Brustkorb, den ich nicht richtig zuordnen kann. Wir haben diesen Fallschirmsprung nie gemacht, denn noch bevor wir die Gelegenheit dazu hatten, erwischte ein gewisser Kollege von mir uns beim Sex in der Schule und unsere ganze Beziehung, sie als meine Schülerin, drohte aufzufliegen.

"Woran denkst du?", fragt Chloe zwischen zusammen gebissenen Zähnen, als ich nicht sofort antworte, und holt mich damit zurück in die Gegenwart. Ich zögere, will ihr nicht zeigen, wie sehr ich insbesondere in den letzten Tagen in Nostalgie, Erinnerungen und Sehnsucht versunken bin. "Fallschirmsprung", sage ich schließlich nur und versuche, in ihren Augen eine Reaktion zu erkennen. Sie lächelt nur leicht und sagt leise: "Stimmt..."

Mit einem kleinen Ruck kommt das Riesenrad auf einmal an seinem höchsten Punkt zum Stehen. Chloe zuckt erschrocken zusammen und greift, vermutlich völlig willkürlich, nach meiner Schulter, um Halt zu finden. Ehe sie mich loslassen kann, um die sogenannte Distanz zu wahren, greife ich schnell nach ihrer Hand und halte sie fest. Ein beruhigendes "Passiert schon nichts." verlässt meine Lippen. Sie will etwas erwidern, doch ihr Blick fällt nach draußen und ihr Ausdruck entspricht mit einem Mal purer Begeisterung und scheint sie vergessen zu lassen, was sie sagen will. Ich drehe mich um und verstehe sofort, was sie so staunen lässt.

Rotgolden geht die Sonne am Horizont unter und taucht den Himmel in ein Gemisch aus orangener und tiefschwarzer Farbe. Letzte Strahlen küssen die Wasseroberfläche unter uns und gehen darin unter. Ich merke, wie Chloes Hand in meiner sich anspannt. Sie drückt sanft gegen meine Schulter. Die Situation macht mich mutig, das Bedürfnis, diesen Sonnenuntergang mit ihr zusammen zu genießen, wird immer größer. "Umarm mich", flüstere ich kaum hörbar. Ohne, dass sie sich in Anbetracht der 135 Meter Höhe, in denen wir uns befinden, entspannt, wandert ihre freie Hand um meinen Oberkörper herum und platziert sich sanft auf meinem Bauch. In dieser unauffälligen Umarmung, abgeschirmt von unseren eigenen Körpern und der blendenen Sonne, ihre Hand in meiner, hoffnungsvoll, ihr die Angst zu nehmen, stehen wir dort und blicken schweigend hinaus in den Sonnenuntergang. Ich weiß nicht, wie lange die Fahrt anhält und uns diesen Ausblick gewährt, ich zähle die Zeit in Herzschlägen, und mein Herz rast unkontrolliert schnell.

Was mich am meisten beruhigt, ist, dass ich Chloes Herz mindestens genau so schnell gegen meinen Rücken schlagen spüre.

D E L I R I U MWo Geschichten leben. Entdecke jetzt