*10. Ich bin nicht sie*

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Eine Woche gegen drei Jahre erscheinen mir ziemlich lächerlich. Cynthia hat sich von der Gesellschaft abgekapselt, sich gegen das Leben entschieden und ihre bloße Existenz versucht irgendwie zu ertragen.

Ich will alleine sein, ich will mich selbst verlieren und verdammt noch mal bloß in ihrer Geschichte versinken, doch mein Körper lässt es nicht zu. Immer wieder wandere ich komplett neben der Spur in die Küche, nehme mir was zu essen, beantworte aus reiner Höflichkeit die Fragen meiner Mutter, lächele Richie an, der nicht verstand, wieso ich mich in meinem Zimmer verkrieche und nicht mit ihm spielen will.

Der Stuhl quietscht als ich mich darauf zurücklehne und mir erlaube, für einen Moment die Augen zu schließen. Wut kocht in meinem Innersten und brodelt an die Oberfläche. Der Drang Lukas zu töten, überhaupt jeden zu verletzen der ihr auf irgendeine Art wehgetan hatte, steigt ins unermessliche und ich widerstehe dem Drang aufzuspringen und mein Zimmer zu demolieren.

Cynthia war wie alle anderen. Weder die schönste Person auf dem gesamten Planeten, noch hässlich. Cynthia war wie jeder andere durchschnittliche Mensch auch – solange man sich bei ihr auf das optische begrenzte. Der Hass der Menschheit auf sie und ihre Fehler hatten sie besonders gemacht, hatten sie gestärkt und zerstört. Sie hatte sich selbst immer als Wrack bezeichnet, allerdings konnte ich mich nie damit abfinden, dass ein solch wunderbarer Mensch wie sie, so wenig von sich selbst halten konnte.

Das Foto, vor dem Cynthia mich so dringend fernhalten wollte, hatte ich oft genug zu Gesicht bekommen, um zu verstehen, wie schmerzhaft es für sie sein musste. Erst in der Schule, dann tauchte es immer wieder auf Facebook auf. Es machte erneut seine Runden, das war die Zeit in der Cynthi wieder in ihre alten Muster verfiel und sich in ihrem Zimmer einsperrte. Das Foto, das ihr Leben auf eine furchtbare Art verändert hatte.

Das Bild hatte sie verfolgt und es würde auch mich verfolgen. Was einmal im Internet zu finden war, wird immer dortbleiben. Eines Tages werde ich erneut darauf stoßen und es wird mir das Herz brechen, es wird die Wut erneut in mir zum Kochen bringen. Irgendwann.

Mit einem Mal wird meine Tür aufgerissen. Ich zucke zusammen und öffne erschrocken meine Augen. Jesse sieht wütend aus und die Art wie er in dem Türrahmen steht, verspricht nichts Gutes. Trotzdem bemühe ich mich nach dem anfänglichen Schock um ein Pokerface, streiche mir mit der Hand durchs Haar und sehe ihm desinteressiert entgegen.

»Was willst du?« Ich klinge wie eine zickige Pubertierende.

»Du siehst high aus, Alter«, bemerkt Jesse. Er setzt sich auf mein Bett, erstaunlich gefasst, wenn man bedenkt, wie wütend er eben noch gewesen ist. Ich rolle mit dem Stuhl näher an das Bett heran, so dass wir uns gegenüber sitzen. »Du bist dünn geworden.«

Ich sehe an mir herunter. Eine Woche ist nicht so drastisch, außerdem habe ich gegessen, genug um bewegungslos im Zimmer zu verweilen. Er übertreibt allemal. »Wie geht's Kathrine?«, wechsele ich das Thema.

»Sie ist in der Küche und redet mit deiner Mutter.« Jesse rutscht über das Bett und lehnt sich an die Wand. Cynthi hatte mal genauso gesessen wie er jetzt.

»Und wie geht's meiner Mutter?« Ich schäme mich dafür, Jesse eine solche Frage zu stellen. Es ist allerdings einfacher, als Mutter selbst danach zu fragen. Dann müsste ich mit ihr auch über Cynthia sprechen und darüber, wie es mir geht.

»Sie hat Cynthia gern gehabt, du hättest sie ruhig vorwarnen können, dass sie nicht deine Ehefrau wird« Seine Worte geben mir einen Stich. Dabei habe ich die meiste Zeit über selbst geglaubt, nein gehofft, dass unsere Abmachung vergessen wurde. Dass sie mir bleiben würde, vielleicht nicht für immer, aber lang genug. Ich habe niemals damit gerechnet, dass alles wieder von vorne anfangen würde.

»Wieso bist du hier?«

»Willst du mich verarschen?«, fragt Jesse und schnaubt ungläubig. »Du bist mein bester Freund! Die anderen stehen alle unten und warten darauf, dass du duschen gehst und endlich aus der Wohnung kommst!«

»Dann kannst du sie ja wieder alle nach Hause schicken«, brumme ich. Jesse gibt mir einen Tritt ins Schienbein. »Wow, sehr erwachsen.« Ich stehe auf und tigere durchs Zimmer, plötzlich viel zu nervös, um einen klaren Gedanken zu fassen.

»Jay, hör auf!«, knurrt Jesse, springt ebenfalls auf. Er packt mich an den Armen und egal wie sehr ich rüttele und ziehe, er ist stärker als ich.

»Ich habe sie sterben lassen!«, schreie ich ihn also an. Tränen steigen mir in die Augen.

»Jay, halt dein Maul!« Er schüttelt mich.

»Wenn ich nicht wäre, würde sie noch leben.« Ich wollte die Worte eigentlich auch ausschreien, doch die Kraft verließ sowohl meine Stimme als auch meinen gesamten Körper. Meine Beine wurden weich und schwach und wenn Jesse mich nicht noch immer an den Armen gepackt halten würde, würde ich vermutlich zu Boden fallen.

»Wenn du nicht wärst, würde sie noch immer ein scheiß Leben führen«, knurrt Jesse noch immer wütend, doch auch leiser als noch vor wenigen Sekunden. »Du hast ihr das Leben gezeigt Jay! Was sie danach tat, tat sie nicht wegen der Abmachung!«

»Du kennst sie doch gar nicht!«

Jesse schüttelte mich erneut durch und auch wenn es mich nicht beruhigte, gab es mir die Kraft mich erneut gegen ihn zu wehren. »Lass mich los, du Arschloch!«

»Du konntest nichts dagegen tun!«

»Jesse!« Das Kreischen kommt von der Tür. »Lass ihn sofort los!« Wir sehen beide zur Tür und Kaths braune Augen starren uns entgegen. Sie trägt ein weißes Kleid, untypisch für sie. Jesse gehorcht sofort, lässt mich los und greift danach sofort wieder nach meinem Arm, als ich drohe, wankend zu Boden zu gehen. Ich fange mich und reiße meinen Arm von dem lockeren Griff. Einen Moment lang sehen wir uns beide wütend und genervt an, dann zieht Kath unsere Aufmerksamkeit mit einem räuspern wieder auf sich.

»Woher wisst ihr davon?«, frage ich kraftlos. »Von dem Deal, der Abmachung, woher?«

»Wir waren heute bei ihren Eltern«, sagte Kath mit ruhiger Stimme. Sie ist das genaue Gegenteil von Jesse. Ihre Ruhe beruhigte meinen Herzschlag und auch Jesse neben mir atmete aus.

»Und jetzt?«

»Jay, die Beerdigung ist heute« Ihre Stimme droht zu brechen. Ihr Blick spricht Bände. Ich habe den Tag so erfolgreich verdrängt, dass ich seine Existenz nahezu leugnen konnte. Jetzt ist es soweit. Ein letzter Abschied.

»Wenn ich dort auftauche, wird ihr Vater mich umbringen«, gebe ich ausdruckslos von mir.

»Wenn du nicht hingehst, bringt er dich die Woche darauf um, wo ist der Unterschied?«, gibt Jesse von sich. Kathrine wirft ihm einen warnenden Blick zu, sagt aber nichts.

»Jay wir lassen nicht zu, dass du mit deinem Leben genau dasselbe tust, was sie damals tat.« Sie wendet sich wieder mir zu und wie sie sich unsere Blicke kreuzen, bricht mir beinahe das Herz. Ich schlucke schwer, versuche Tränen zu unterdrücken und Ruhe zu bewahren.

Ich bin der erste, der den Blick abwendet. »Vielleicht ist das aber der einzige Weg um sie zu verstehen.«

»Mankann auch auf andere Weise verstehen«, murmelt Kath und zieht einen Zettel ausihrer Umhängetasche. Er ist ganz zerknickt und noch bevor ich den Brief inmeiner Hand halte, weiß ich von wem er ist. Ich wappne mich dagegen, doch ichwerde nie genug Kraft besitzen, um es zu überstehen. :{��?

Cynthia Barrow - Alle meine WünscheLies diese Geschichte KOSTENLOS!