K a p i t e l 9

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Sie küsst mich. Sie küsst mich mit einem Ausdruck von Zärtlichkeit darin, wie sie ihre Hände mit meinen verbindet und ihre Lippen hauchartig wie einen Schmetterlingsflügel auf meine legt. Sie küsst mich und schmeckt nach Macademia-Lippenpflege und Melancholie, denn sie küsst mich genau so, wie sie es früher getan hat. Sie küsst mich, doch eigentlich küsst sie mich nicht, denn innerhalb von einem Bruchteil der Sekunde, in der ihr Mund meinen berührte, zuckt sie auf einmal zurück, als hätte sie sich verbrannt, als wäre ihr gerade erst aufgefallen, was sie eben getan hat. "Scheiße", murmelt sie leise, lässt mich los und tritt einen Schritt zurück. Ihre Augen taxieren mich und unsere Blicke verschmelzen ineinander. Ich weiß, dass sie weiß, dass ich jede ihrer Zärtlichkeiten genossen habe. Sie weiß, dass ich weiß, dass sie mehr für mich empfindet, als sie zugibt, weil sie mich gerade aus einer Euphorie heraus geküsst hat. Und wir beide wissen, dass es falsch ist, was wir getan haben.

In dieser Nacht liegt Chloes Hand wie gehabt auf meinem Bauch, ihr Gesicht jedoch ist von mir abgewandt. Ihr Arm, der um meinen Oberkörper geschlungen ist, fühlt sich schwer an. Ich kann nicht sagen, ob sie schon schläft oder nicht, und ich wage es auch nicht, etwas zu sagen. Ebenso wenig traue ich mich, mich näher an sie zu kuscheln oder sie zu umarmen. Jedes Mal, wenn meine Gedanken zu dem Kuss wandern, durchzuckt mich ein elektrischer Schauer. Wenn ich nicht über Chloe nachdenke, sind meine Gedanken bei Finn und dem Baby. Ich bin unglaublich aufgewühlt und weiß nicht, was ich tun soll. An Schlaf ist nicht zu denken.

Wir haben sicherlich bereits Stunden so gelegen, als Chloe auf einmal ihre Hand von mir nimmt, sich aufsetzt und die Beine aus dem Bett schwingt. Minutenlang sitzt sie auf der Bettkante und starrt geradeaus. Dann fährt sie sich mit beiden Händen durch die Haare und steht auf, geht zum Fenster. Ihr hochgewachsener, schlanker Körper ist nicht mehr als eine Silhouette und ihren Gesichtsasusdruck kann ich nicht einmal erahnen, dennoch sehe ich ihr jetzt an, was sie wirklich denkt. Dass sie denkt. Dass sie über uns nachdenkt. Und dass sie offensichtlich nicht so erfreut über die Schwangerschaft ist wie sie gezeigt hat. Einerseits fühlt es sich gut an, zu wissen, dass es sie beschäftigt. Andererseits will ich weder für sie noch für mich selbst, dass es auf einmal Knall auf Fall so kompliziert wird.

Schließlich nehme ich meinen Mut zusammen und sage leise Chloes Vornamen. Erschrocken dreht sie sich um. "Ich dachte, du schläfst", gibt sie leise von sich. "Ich dachte auch, dass du schläfst", kontere ich. "Bitte komm wieder her", füge ich nach einer kurzen Schweigepause hinzu. Sie zögert, lehnt sich mit verschränkten Armen gegen die Fensterscheibe. "Maria, ich will, dass du weißt, dass der Kuss vorhin ein Versehen war. Ich wollte das nicht. Ich liebe Candy, verstehst du? Ich habe sie das ganze letzte Jahr geliebt und ich bin nicht so ein Arschloch, das nur der Distanz wegen gleich eine andere küsst." Diese Worte verletzen mich mehr, als ich zugeben will. "Ich dachte, du hättest mich meinetwegen geküsst und nicht wegen irgendeiner Distanz zu deiner Freundin", sage ich gekränkt. Daraufhin schweigt Chloe kurz. "Habe ich auch", gibt sie zu und seufzt. "Bloß sollte ich es nicht getan haben. Wir sind beide vergeben. Du bekommst ein Kind von deinem Freund! Was hier gerade passiert, liegt an den Gefühlen von früher. Wir sind verwirrt. Wir müssen aufpassen."

Obwohl ich es eigentlich nicht will, obwohl alles in mir danach schreit, sämtliche Moral über Bord zu werfen, aufzustehen und Chloe mit aller Hingabe zu küssen, die ich besitze, nicke ich bloß, denn ich weiß, dass sie recht hat. "Stimmt", sage ich. "Trotzdem weiß ich nicht, wie ich Finn das beibringen soll oder ob ich bereit für das bin, was auf mich zukommt. Bitte komm her und nimm mich einfach in den Arm, so wie die letzten Nächte. Bitte", füge ich hinzu, als sie immer noch zögert.

Schließlich bewegt sie sich mit langsamen Schritten auf das Bett zu und lässt sich zurück unter ihre Bettdecke gleiten. "Nun komm", fordert sie mich leise auf und ich rutsche neben sie, genieße es, wie sie ihre Arme um mich legt und mir das Gefühl von Halt gibt, das ich so sehr brauche. Mir ist egal, dass sie den Kuss bereut oder dass sie gesagt hat, dass sie nichts mehr von mir möchte, weil sie Candy liebt. Ich bin froh, dass sie diese Disziplin besitzt, denn ich weiß, ich könnte mich nicht beherrschen, wenn sie es nicht so eisern verhindern würde. Und ich muss mich beherrschen, Finn zuliebe. Somit genieße ich einfach ihre Nähe und die zarten, langsamen Streichelbewegungen ihrer großen, schlanken Hände an meinem Rücken, die mich nach und nach endlich in einen ruhigen Schlaf tragen.

Der Schlaf währt allerdings nicht lange, denn noch vor dem Weckerklingeln werde ich davon wach, dass Chloe aufsteht und sich rumpelnd auf die Suche nach Kleidung macht. Müde drehe ich mich auf die Seite und versuche, durch den schmalen Schlitz, zu dem ich meine Augen aufbekomme, zu erkennen, was sie vorhat. "Was tust du?", murmle ich und ziehe die warme Bettdecke enger um meine Schultern. Wieso zur Hölle ist sie schon wach und nicht so müde wie ich?

"Patricia hat Geburtstag", erklärt Chloe, während sie hüpfend ihre Socken anzieht. "Ich werde jetzt losgehen und irgendwo Kuchen besorgen, und nachher gibt es ein Geschenk." Nachdem sie in Jeans und einen weinroten Hoodie geschlüpft ist, knäult sie ihre Haare zu einem flüchtigen Knoten im Nacken zusammen und kommt dann nochmal ans Bett. "Ich bringe dir Tee von Fellows mit, bevor du wieder alles vollspuckst, okay?" Ihre warmen Finger streifen ganz kurz und sanft meine Stirn. Ich bin mir nicht mal sicher, ob ich mir die Berührung eingebildet habe, denn ihr Gesicht verrät nichts von der Zärtlichkeit, die ich eben auf meiner Haut spürte. Und schon ist sie aus der Tür. Ich fühle dem leichten Kribbeln auf meiner Stirn nach und stelle fest, dass es tatsächlich stärker ist als die aufkommende Morgenübelkeit. Gott, was macht diese Frau aus mir?

Eine gute halbe Stunde später ist Chloe wieder da. Sie trägt ein Pappgestell mit zwei Einwegbechern von Coffee Fellows und zwischen die Zähne geklemmt einen in Folie gewickelten Baumkuchen, hantiert mit der Schlüsselkarte und setzt sich endlich neben mich auf die Matratze, ohne ihre Schuhe auszuziehen. Ich wünsche mir in dem Augenblick einen Guten-Morgen-Kuss. Stattdessen bekomme ich einen Guten-Morgen-Pappbecher gefüllt mit irgendeinem Kräutertee, aber das genügt mir, weil ich beim Trinken zusehen kann, wie Chloe das Geschenk für ihre Schwester vorbereitet und dabei aufgeregt wirkt wie ein kleines Kind.

Sie besorgt einen Teller aus der Hotelküche und deponiert den zugegeben ziemlich trocken aussehenden Kuchen, der vermutlich aus irgendeinem Supermarkt stammt, darauf, kramt aus ihrem Koffer ein paar bunte Kerzen und steckt diese in die Schokoglasur. Zu guter Letzt holt sie ebenfalls aus ihrem Koffer einen kleinen, silbernen Schlüssel und drückt diesen, genau wie die Kerzen zuvor, direkt in den Kuchen hinein, bis er beinahe darin verschwindet.

"Wofür ist der?", frage ich neugierig. Sie dreht sich mit dem Kuchenteller in der Hand zu mir um und lächelt versonnen. "Ihr Wohnungsschlüssel", sagt sie. "Pat ist jetzt endlich alt genug, um von zuhause auszuziehen. Sie weiß noch nicht, dass es wirklich geklappt hat, aber ich habe eine Wohnung in der Stadt gemietet, in der wir beide zusammen wohnen werden, während sie ihr Abi macht und ich im Herbst mein Psychologiestuidum beginne."

Und das ist das erste Mal, dass ich davon höre, dass Chloe nicht vorhat, nach Irland und zu Candy zurückzukehren, sondern, dass sie in Deutschland, in unserer Stadt, wohnen und studieren wird.

D E L I R I U MWo Geschichten leben. Entdecke jetzt