Jenny POV 

Ich versuchte zwanghaft nicht umzukehren und ihm den Kopf abzureißen. In meinem Kopf drehte sich alles. Seine Worte hallten in meinen Augen. Ich war fast schwach geworden. Aber ich gehöre hier hin. Hier war mein zu Hause. Ich war ihm nicht egal. Doch mein Ego wollte dem nicht nachgeben. Wie immer wenn mir alles über den Kopf wuchs, suchte ich den schnellst möglichen Weg, um aus der Situation herauszukommen. Da ich zu sehr in Gedanken versunken war, knickte ich meinen Fuß um. Ich hatte eine Boardsteinkante übersehen.

"Fuck!", zischte ich und humpelte weiter.

Ich musste meine Gedanken ganz hinten in meinen Kopf sperren, irgendwie. Sowas darf mir nicht nochmal passieren. 

So kam ich irgendwann vor Kevin's Türe an und sprang die Treppen hoch. Er saß schon auf der Treppe als er mich sah, seine Hände, die ständig über seine Schläfe rieben und die kreisförmigen Bewegungen seines Fußes auf den Fliesen machten mich misstrauisch. Warum war er nicht in der Wohnung?

"Kevin, was machst du hier draußen?", murmelte ich und kauerte mich neben ihm hin.

"Portland. Ich habe gewartet.", zischte er. "Komm rein. Ich musst mir dir reden."

Meine Stirn kräuselte sich als ich ihn dabei beobachtete wie er hektisch in die Wohnung stürmte und sie sobald ich drin war, heftig zuschlug. Ich fasste seine Hand. Er hatte an seinen Nägeln gekaut, die Haut daneben war ganz blutig. Geduldig schaute ich in seine Augen und wartete darauf, dass er anfing zu sprechen. Wir setzten uns auf sein altes Sofa. Er keuchte ängstlich.

"Bitte erzähl mir was passiert ist.", bat ich und versuchte den hysterischen Ton in meiner Stimme zu unterbinden. 

Nach einer weiteren Minute Stille, holte ich tief Luft. "Kevin, bitte."

Dies holte ihn aus seiner Starre und sein Atem, der gestockt hatte, kam nun gebrochen aus ihm heraus.

"Die Zeitung. Heute.", flüsterte er.

"Die Zeitung?", fragte ich verwirrt.

"Ja... Erinnerst du dich an Wendy?", sagte Kevin.

"Ich erinnere mich an sie." 

"Sie haben sie gefunden. Erfroren." Er wisperte nur noch leise, steckte sich zur Beruhigung eine Zigarette an. Zittrig zündete er sie an, zog den Rauch ein und bließ ihn in Schwaden aus.

Die Räder in meinem Kopf ratterten auf Hochturen. Ich versuchte, das was meine Ohren gerade vernommen hatten, zu ordnen. Warum sie? Mit zitternden Fingern las ich die Zeitung, die mir Kevin hingeschmissen hatte.

"Ich mache mir Vorwürfe. Dieser Nacht und dann dieser Tag, nachdem sie weggegangen ist. Eigentlich mochte ich sie doch. Sie hat das nicht verdient. Das ist meine Schuld.", weinte er und bließ den weißen Rauch aus.

Ich packte seine Schultern.

"Hör mir jetzt verdammt nochmal zu!" Ich schrie und Tränen drohten aus meinen Augen zu entweichen. Immer diese Schuldzuweisungen. "Es ist nicht deine Schuld! Hör auf damit!"

"Es ist nicht nur das, Jen.", erzählte er unbehaglich.

Ich versuchte seinen unkontrollierbaren Blick zu deuten: "Was willst du mir sagen?"

"Boah, puh, okay. Als ich acht war, hat mein Vater... Er hat... Er hat meine Schwester...", schluchzte er und ich verstand gar nichts mehr.

"Nun, er hat meine Schwester umgebracht. Hat sie einfach im Auto vergessen. Nur mich rausgenommen. Wenn ich noch in ihre kleinen blauen Babyaugen blicke und das was sie anhatte... Einen pinken Strampler und ein weißes Mützchen. Darunter ihre braunen weichen Härchen.", flüsterte  er schnell. "Dad hat mich abgelenkt."

Ich schluckte schwer. Kevn war gebrochen. Aufgeregt kaute ich auf meiner Unterlippe. Schon schmeckte ich den metallischen Geschmack auf meiner Zunge. "Dann... Als es rauskam war meine Mutter natürlich im Boden erschüttert. Sie schmiss meinen Vater raus. Dieser Scheißkerl. Und mich beschuldigte sie für das Ganze. 'Du bist nicht mehr mein Sohn. Du hast nichts getan, du Miststück.' Bin mit 16 abgehauen. Hab aus Angst meinen Namen geändert und sie seitdem nicht mehr gesehen."

"Fuck.", platzte aus mir raus. 

"Die Wendy Sache hat jetzt den Auslöser gegeben. Ich ziehe um nach Irland zu einem Freund bis ich 'ne eigene Bude gefunden habe." Ich würde in wenigen Momenten allein sein. Angst packte mich und ich begann zu zittern. "Pass auf dich auf."

Ich umarmte ihn. Zögerlich umarmte er mich zurück. Wir verharrten. Ich atmete noch einmal seinen Geruch ein. Diesen schweißigen aber männlichen Geruch. Dann bemerkte ich das ein Koffer in der Ecke des Zimmers stand und schon hupte draußen ein Auto.

"Ich werde dich vermissen.", murmelte ich in seine Schulter.

Hastig nahm er seinen Koffer und drehte sich zu mir um. "Ich wünschte du wüsstest du Wahrheit, Jenny. Aber jetzt noch nicht, nicht von mir."

Ich rannte ihm hinterher, die Treppen hinunter. Leider konnte ich ihn nicht mehr erwischen, denn er fuhr schon in den erstickenden Nebel. Nach vielen Überlegungen beschloss ich den Tag noch in seiner Wohnung zu verbringen. Wo sollte ich hin? Welche Wahrheit?

 

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