K a p i t e l 6

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Am nächsten Morgen wache ich von einem unangenehmen Gefühl in meiner Magengegend auf. Zuerst fühlt es sich an wie Hunger, dann wird es zu monströsen Krämpfen, die mich mich im Halbschlaf hin- und herdrehen lassen, und auf einmal wird mir wahnsinnig übel.

Ich springe auf, ignoriere die warme Hand, die noch versucht, mein Handgelenk festzuhalten, und renne so schnell wie ich kann ins Badezimmer. Gerade noch rechtzeitig falle ich vor der Toilette auf die Knie, deren Deckel zum Glück noch nach oben geklappt ist.

Chloe und ihre Angewohnheiten.

Ich erbreche einen Schwall an Matsch, der vermutlich mal mein Abendessen aus dem italienischen Restaurant war. Dann erbreche ich nur noch brennende Magensäure und Schleim, doch ich kann nicht aufhören zu würgen. Meine Augen tränen und ich spüre, wie mein Zwerchfell krampft. Noch immer hört der Spuckreiz nicht auf.

Endlich spüre ich eine Hand an meinem Rücken und eine in meinem Nacken, wo sie meine Haare zusammennimmt und vorsichtig zurück hält. Die Person, zu der die Hände gehören, streichelt sanft meinen Rücken, so lange, bis der Würgereiz endlich nachlässt. Ich angle nach Toilettenpapier und wische meinen Mund ab, lehne meinen Kopf gegen die Wand neben dem Klo und schließe die Augen. Ich sehe Sterne vor Anstrengung.

Chloe richtet mich auf und reicht mir meinen Zahnputzbecher gefüllt mit Wasser. Ich nehme gierig ein paar Schlucke, blicke sie an, wie sie vor mir auf dem Fliesenboden hockt und mich besorgt ansieht.

Auf einmal fällt mir wieder ein, dass ich gestern in ihren Armen eingeschlafen bin. Ich muss so gut und so tief geschlafen haben wie die Nächte davor bei weitem nicht, so benebelt sind meine Gedanken noch immer. Es erschreckt mich.

"Was war das denn?", fragt Chloe besorgt. "Ich weiß nicht", erwidere ich und erschrecke vor meiner eigenen Stimme, die belegt und schwach klingt. "Ich fühle mich nicht so gut." Langsam stehe ich auf, warte den Schwindel ab und spüle dann meinen Mund aus, putze meine Zähne, um den Geschmack loszuwerden. Die ganze Zeit über lehnt Chloe im Türrahmen und beobachtet mich. "Hast du Fieber?" Ich schüttle den Kopf. Ich fühle mich nicht fiebrig oder krank, sondern einfach nur sehr, sehr elend. "Es ist gerade mal halb sieben. Leg dich nochmal hin", befiehlt sie und ich komme dieser Aufforderung liebend gerne nach. Ich fühle mich wie überfahren und schlafe rasend schnell wieder ein.

Als anderthalb Stunden später der Wecker klingelt, fühle ich mich keinen Deut besser. Die Übelkeit ist präsenter denn je und ich halte meinen Bauch. Ich will nicht noch einmal spucken, auf keinen Fall.

"Willst du heute hier bleiben?", fragt Chloe mich, während sie aufsteht und anfängt, Klamotten aus dem Schrank zu suchen. "Eigentlich nicht", erwidere ich zögernd. "Das ist meine Fahrt und meine Verantwortung." Gleichzeitig lege ich meine Hand auf meine Stirn, hinter der ein kleines Männchen mit einem Presslufthammer zu stehen scheint. Mein Kopf schmerzt so unglaublich. "Ist klar", gibt Chloe von sich. "Aber wenn du in den Bus reiherst, ist niemandem damit geholfen. Du solltest was auch immer du da ausbrütest, auskurieren. Johannes und Paul und ich bekommen das schon hin." Ich nicke langsam. Vermutlich ist es wirklich das beste, auch wenn es mich ärgert.

Und so kommt es, dass ich den zweiten richtigen Tag meiner Klassenfahrt alleine im Hotel verbringe und an meinen Gedanken knabbern kann, bis mein Kopf beinahe platzt. Ich wundere mich, dass Chloe überhaupt nichts mehr zu unserer Aktion gestern Nacht gesagt und sich trotzdem um micht gekümmert hat. Ich weiß nicht, was ich davon halten soll.

Merkwürdigerweise geht es mir im Laufe des Tages besser. Ich esse nichts, aber die Übelkeit lässt nach und verschwindet schließlich ganz. Als die Truppe am Abend ins Hotel zurück kehrt, geht es mir wieder ziemlich gut. Als die anderen zurück kommen und Chloes erste Frage "Geht es dir besser?" ist, kann ich ehrlicherweise bejahen. Ich esse gemeinsam mit den anderen zu Abend und treffe mich danach mit Chloe, Paul und Johannes in dem Zimmer der beiden Männer, um unser weiteres Vorgehen zu besprechen.

Die drei berichten mir vom heutigen Tag und davon, wie einer der Schüler beinahe an der U-Bahnstation zurück geblieben wäre. Mir entgeht nicht, wie Chloe Paul einen warnenden Blick zuwirft, als dieser glucksend und höchst amüsiert von dem Vorfall erzählt. Vermutlich hat sie mir angesehen, wie mein Magen bei dem Gedanken daran, einen Schüler in der Londoner Tube zu "vergessen", panisch zu flattern anfängt. "Es ist ja nichts passiert", stellt sie klar und ihr vorwurfsvoller Blick wandert dabei zwischen Paul und mir hin und her. Ebenfalls entgeht mir nicht, wie Johannes seine Augen kaum von ihr lässt. Sie scheint es ihm angetan zu haben und das Schlimme ist, dass ich ihn sehr gut verstehen kann. Sie sieht absolut heiß aus in ihren schwarzen Hotpants, die ihre langen Beine zur Geltung bringen, und dem gemusterten Bandeau unter einem durchsichtigen weißen T-Shirt. Ich merke, wie ich eifersüchtig werde, doch eigentlich macht es nichts. Soll er doch gucken. Sie ist schließlich glücklich vergeben. An Candy.

Glücklicherweise verzichtet Chloe heute Abend auf einen Barbesuch und verzieht sich gegen einundzwanzig Uhr mit mir aufs Zimmer. Während ich mich den ganzen Tag nicht aus meinen Gammelklamotten heraus bewegt habe, geht sie schnell ins Bad, um ihre kurze Sporthose und das weite olivgrüne T-Shirt anzuziehen. Umgekleidet und ihre Haare flüchtig zusammengenommen lässt sie sich schließlich neben mich aufs Bett plumpsen und macht sich zunächst einmal auf die Suche nach ihrem Handyladegerät. Als sie ihr Telefon angeschlossen hat, greift sie nach der Fernbedienung und schaltet den Fernseher ein. "Was willst du gucken?", fragt sie mich, ohne vom Bildschirm aufzublicken. Als ich nicht antworte, richtet sie ihren Blick auf mich und schaut mich fragend an.

Eigentlich will ich überhaupt nicht fernsehen, aber weil sie durch gestern Abend offensichtlich davon ausgeht, zucke ich einfach die Schultern und nehme meinen Blick nicht von ihr, während sie eine Comedyshow einschaltet und sich zurück legt, um diese zu verfolgen.

Es fällt mir von Minute zu Minute schwerer, nicht anzusprechen, dass wir gestern Abend Arm in Arm eingeschlafen sind und sie scheinbar gar nicht mehr daran denkt. Sie sieht so vertraut aus neben mir, entspannt und mit dem Kopfkissen zweimal gefaltet im Nacken so wie früher auch, und das Bedürfnis nach ihren starken, warmen Armen um meinen Körper wird immer größer. Ihre Umarmungen gestern Nacht haben mir den Rest gegeben. Und weil ich kein Mensch großer Worte bin, schaffe ich es nicht, etwas zu sagen, sie zu fragen, wieso sie mich in den Arm nahm und nun so tut, als wäre es das selbstverständlichste der Welt. Ich traue mich einfach nicht. Und so drehe ich mich um und schlafe langsam ein, ohne etwas gesagt zu haben, verpasse dadurch die Sendung, Chloes allabendliches Telefonat mit ihrer Freundin und, wie sie etwas später aufsteht und den Fernseher und das Licht ausschaltet.

Als ich im Halbschlaf auf einmal einen Arm spüre, der sich sanft um meine Taille legt, beginnt mein Herz unkontrolliert zu rasen. Chloes zärtliche Hand schiebt sich vorsichtig unter meinem Körper hindurch und zieht mich fest an ihren eigenen. Im selben Moment, in dem sie die Bettdecke über uns legt und ihr Gesicht von hinten gegen meinen Nacken drückt, kann ich die Worte nicht mehr zurück halten.

"Wieso tust du das?", murmle ich müde in die Dunkelheit. "Heute habe ich doch nicht einmal geheult. Wieso bist du so zu mir?"

Sie schweigt sehr sehr lange. Ihre raue, leise Stimme geht mir durch Mark und Bein, als sie schließlich antwortet: "Als wir uns das letzte Mal gesehen haben, sind wir jeden Abend so eingeschlafen. Es fühlt sich nicht gut an, neben dir zu liegen und dir den Rücken zuzudrehen.

Das bedeutet nicht, dass ich Gefühle für dich habe. Ich vermisse einfach diese Nähe zu dir. Ich bin es nicht gewohnt, dir nicht nah zu sein. Kann ich dich nicht einfach im Arm halten und du genießt es? Keine Gefühle, bloß die Vergangenheit?"

"Okay", sage ich leise und lege vorsichtig meine Hand auf ihre, die an meinem Bauch ruht. Jedoch zweifle ich dabei wirklich an, ob diese Aussage auf mich zutrifft. Ich fühle nämlich etwas. Ich weiß nicht, was es ist, aber irgendetwas ist da.

Doch ich schließe nur meine Augen und genieße diese wunderschöne Lüge.

D E L I R I U MWo Geschichten leben. Entdecke jetzt