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„Papa, du machst dir noch deine Ohren kaputt."

Schock! Josh wäre beinahe vom Sofa aufgesprungen und hätte laut geschrien, als ihm plötzlich jemand die Ohrstöpsel herausgezogen hatte. Das laute Boom Boom seiner Hardcore-Playlist war noch durch die Stöpsel zu hören, als er nun dem Grund seines Schreckens ins Gesicht blickte.

„Marie", sprach er leise mit ungläubigem Blick.

„Ich bin auch da!", erklang die Stimme seines Sohnes, welcher sich nun auch in sein Blickfeld bewegte. Josh setzte sich langsam auf, legte sein iPhone beiseite und sah zwischen den beiden Geschwistern hin und her.

„Was, was tut ihr hier?", fragte er und sah sich gleich suchend im Rest des Raumes um.

„Mama ist nicht hier", zerstörte seine Tochter sogleich seine Hoffnung, woraufhin er ihr wieder ins Gesicht sah, „wir sind alleine hergekommen. Silas hat eine Frau von dir erzählen hören und das du hier bist. Da wollten wir direkt zu dir."

Joshua fasste Marie am Handgelenk und zog sie zu sich in die Arme, um sie fest und dankbar an sich zu drücken. Sie waren hier, seine beiden Schätze, seine Kinder! Sie hatten ihn nicht verstoßen!

„Du brauchst gar nicht so zu gucken Silas, du kommst auch noch dran", sagte er beschwörend zu seinem Sohn, welcher angeekelt zu dem Gekuschel seines Vaters sah.

„Das hab ich befürchtet", antwortete dieser seinem Vater nur und ließ sich dann auf den Sessel sinken.

„Also? Was tut ihr hier? Weiß eure Mutter davon?", Wiederholte der Dealer seine Fragen vom Anfang, worauf Marie mit einem „Nein" antwortete.

„Wir wollten dich sehen, wir wollten wissen, was passiert ist und wie es dir geht."

Josh war erstaunt darüber das sie wohl gegen den Willen ihrer Mutter hier her gekommen waren. Aber er war auch zwiegespalten darüber, dass sie nicht auf Anna gehört hatten und dass sie ihn nun in diesem mehr als jämmerlichen Zustand sehen mussten.

„Nun, ich hab dumme Sachen gemacht. Was hat Mama euch denn erzählt?"

„Dass du gegen das Gesetz verstoßen hast. Dass du sie belogen hast und dass sie das nicht verzeihen kann."

Marie schwieg kurz, löste sich von Josh und setzte sich nun auf die Armlehne des Sofas.

„Papa, was hast du gemacht?"

Er hatte befürchtet, dass diese Frage kommen würde, und doch überrumpelte sie ihn.

„Ich habe...", ja, was hast du Josh? Glaubst du nicht, dass du jetzt auch noch den letzten Rest Respekt von deinen Kindern verlierst? Sollte er ihnen vielleicht einfach nicht alles sagen?

„Ich habe Frauen und Drogen verkauft."

„Du bist 'n Zuhälter und Drogendealer?" Dass nicht noch ein Cool von Silas angehängt wurde, war wirklich alles. Josh hob eine Braue an und sah dabei zu seinem Sohn herüber.

„Ja, genau."

„Auch Kinder?", war es nun die sich beinahe überschlagene Stimme von Marie, die ihn entsetzt ansah.

„Nein! Nein! Erwachsene, volljährige Frauen. Die machen das freiwillig und bekommen zum Teil wirklich sehr viel Geld", Versuchte er sich wenigstens noch irgendwie zu retten.

Das er keine Kinder verkaufte, schien Marie gleich zu beruhigen. Dennoch blieb ihr Blick nach wie vor durchdringend und prüfend. Das hatte sie definitiv von ihrer Mutter.

„Und die Drogen?", fragte Silas nun von seinem Sessel aus, auf dem er breitbeinig saß und mit einem schwarzen Zippo spielte, auf welchem das silberne Symbol einer Hanfpflanze abgebildet war. Sein braunes Haar war zu einem leichten Iro gestylt. Die beiden Zwillinge hätten unterschiedlicher nicht sein können. Während Silas ein geborener Rebell war und stets etwas rockig gekleidet,  war Marie in der Schule des Lehrers Liebling. Mit ihren braunen, welligen Haaren und dem geraden, dichten Pony sah sie im Gegensatz zu ihrem Bruder sehr konservativ aus.

Kurz betrachtete Josh seinen Sohnemann mit misstrauisch zusammengekniffenen Augen, ehe er diesem eine Antwort gab.

„Hab ich verkauft. An andere Dealer, die sie dann weiter verkauft haben."

Silas hob den Blick von seinem Feuerzeug an und sah direkt zu seinem Vater.

„Und was hast du genommen?"

„Eine Zeit lang so gut wie alles. Aber das war vor euch und eurer Mutter." Und dabei beließ er es. Was er jetzt noch alles so zu sich nahm, verschwieg er.

„Du siehst scheiße aus", knallte ihm sein pubertierender Sohn dann ins Gesicht, woraufhin dieser von Schwester mit einem Kissen beworfen wurde.

„Silas!", ermahnte sie ihn.

„Was? Ist doch die Wahrheit. Er sieht aus wie 'ne Leiche."

„Ist schon gut Marie", hielt Joshua seine Tochter davon ab, Silas etwas zu erwidern, „er hat ja recht", stimmte er Silas zu, „ich habe mich kurz nach dem Streit... einen Abend etwas weggeschossen und kuriere mich immer noch aus. Aber keine Sorge, mir geht es wieder gut", versuchte er sie im gleichen Atemzug noch zu beruhigen. Dann richtete er sich auf und ging auf die Terrasse zu, zückte dabei eine normale Zigarette. Seine selbstgedrehten Spezialzigaretten waren ihm schon lange ausgegangen und er kam von hier aus nicht an Nachschub heran. Er stellte sich in die Tür zur Terasse, zündete sich den Sargnagel an und blickte dabei hinein zu seinen Kindern. Welch ein Vorbild er doch war. Aber er wusste das er sonst nicht normal mit ihnen reden könnte. Das Zittern seiner Finger und seine furchtbare Unausgeglichenheit machten ihn im Umgang mit Menschen beinahe unerträglich. Das hatte Kate in den letzten Tagen leider allzu oft erleben müssen. Der Entzug, den er durchmachte, war wirklich vom aller feinsten.

„Wer war die Frau?", fragte Silas, welcher den Blick jedoch wieder auf sein Zippo gerichtet hatte, „die bei Mama war, mein ich."

Joshua nahm einen tiefen Zug von seiner Zigarette, deren Rauch er durch die geöffnete Tür nach draußen bließ, bevor er antwortete.

„Eine Freundin. Sie hatte mich gefunden als es mir besonders schlecht ging und hilft mir seit dem. Sie hat auch Schwierigkeiten in ihrem Leben, bei denen ich ihr helfe." Nachdem ich sie überhaupt erst in die Schwierigkeiten gebracht habe, hing er in Gedanken noch an.

„Aber ich liebe eure Mutter! Und euch natürlich."

Silas würgte gespielt und Joshua sah ihn mit angehobener Braue an.

„Dich natürlich am allermeisten, mein Sohn!"

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Wenigstens seine Kinder scheint Josh nicht verloren zu haben! Vielleicht können sie ihm helfen, neue Kraft zu schöpfen!

Addicted  - Schuld und SühneLies diese Geschichte KOSTENLOS!