Hunger!!

2.9K 141 15

Am nächsten Morgen wachte ich auf, ohne von jemandem aufgeweckt zu werden. Zumindest schreckte ich plötzlich aus meinem unruhigen Schlaf hoch. Der Bus war immer noch nicht zum Stehen gekommen, was darauf hindeutete, dass wir die ganze Nacht durchgefahren waren. Als mein Blick nach draußen wanderte, erkannte ich vor den schmutzigen Busfenster, durch die man nur beschwerlich hindurchsehen konnte, nichts als Steine. Der Boden bestand aus Steinen und einige Mauern, welche so verteilt auf dem offenen Platz standen, als hätte man sie wahllos platziert, schienen ebenfalls aus Stein zu bestehen. Ein Gebilde aus dem grauen Material sah aus wie die alte Ruine einer kleinen Burg. Ein Großteil davon war zwar abgebrochen und veraltet, aber dennoch konnte man gut einige Teile einer Burg ausmachen. Bisher hatte ich erst einmal eine solche Gegend gesehen und zwar als wir in der 2. Klasse einen Ganztagesausflug an einen Nachbarort machten. Allerdings war dieser genau in der entgegengesetzten Richtung, wenn man davon ausging, dass wir immer in die gleiche Richtung fuhren. Aber da wir schon die ganze Nacht gefahren waren, konnten wir auch gut die Fahrtrichtung gewechselt haben. Mike hatte ich noch nie schlafen gesehen, allerdings beachtete ich sein Schlafverhalten ehrlich gesagt auch nicht im Geringsten. Möglicherweise hielt er immer seine Nickerchen, wenn wir gerade halsbrecherische Aufgaben erledigen durften. Mit einem unangenehmen Kribbeln, das meine ganze Haut überzog, ließ ich ein paar Gedanken  an die nächste Aufgabe zu. Was wir wohl diesmal tun mussten, um unsere Psyche schädigen zu lassen? Wer musste sterben? Tränen bahnten sich ihren Weg durch mein Gesicht. Ich wollte nicht hier sein... Und ganz bestimmt wollte ich nicht, dass Menschen in meinem Alter sterben mussten. Wer dachte sich solche kranken Spiele für uns aus? Und wieso um alles in der Welt taten Menschen anderen Menschen solche Dinge an? All die Fragen, die erneut aufkamen, bereiteten mir Kopfschmerzen.

Langsam öffneten auch meine ehemaligen Mitschüler und nun Leidensgenossen ihre Augen. Mit einem blitzschnellen Handgriff wischte ich die Tränenansammlung von meinen Backen und meinem spitzen Kinn. Ich lag nach wie vor zwischen Jonas und Hazel auf meinem üblichen Platz im Bus. Mein Freund lag aber einige Zentimeter von mir entfernt zusammengerollt auf dem rauen Bussitz. Vielleicht war ihm meine Nähe unangenehm, nachdem das ja nur ein Plan war, zu überleben. Der Bus blieb abrupt stehen. Ich schaute verwirrt umher. Nichts als Steine. Und da war noch etwas. Es glänzte! Ah! Es waren Schwerter. 1,2,3,4,5,6,7,8,9,10,11,12...12 Ja! Es waren 12 Schwerter. Und wir sind...ja! 13 Schüler. Also gab es für 1 kein Schwert. Seltsam! Mike scheuchte uns aus dem Bus. Draußen machten wir uns auf die Suche nach dem nächsten Brief. Ich fand ihn zwischen zwei Ruinen von Mauern. Ich rief alle und lies dann laut vor:

"Aufgabe 2

ihr seht 12 Schwerter vor euch liegen. Ihr seid aber 13 Kinder. Wählt ein Opfer, dass kein Schwert kriegt. Ihr müsst Ritter spielen. Das Opfer legt sich auf den Boden. Jeder von euch muss sein Schwert im Körper des Opfers platzieren. Achtung: Erst der letzte Stich darf ins Herz gehen. Ihr müsst als Beweis eurer Tat den Schädel, aufgespießt auf einem Schwert mitnehmen. Ihr habt dafür bis Sonnenuntergang Zeit.

Bleibt im Bus, solange er noch fährt.

Die Gequälten

Alle starrten mich mit dem gleichen entsetzten Gesichtsausdruck an, wie sie gestern auch Hazel angestarrt hatten. Ich verstand sie ja. Ich fragte mich, wer das nächste Opfer sein würde. Ich ging zu Hazel, um nicht wieder gefühlskalt rüber zu kommen und umarmte sie. Es gab mir und auch ihr Kraft, dies alles durch zu stehen. Hazel schaute mich traurig an. Alle blickten umher, um zu sehen, ob sich jemand freiwillig meldete. Doch es tat niemand. Wir stellten uns alle in einem Kreis auf. Einige weinten wieder.

Ich brach die Stille bzw. das heulen inden ich sagte: "Hey Leute, lasst den Kopf nicht hängen. Wir haben noch bis Sonnenuntergang Zeit, also den ganzen Tag. Schauen wir erst einmal, wie wir etwas zu essen bekommen." Die meisten nickten zustimmend. Hazel und ich beschlossen zum Busfahrer, Mike zu gehen, um ihn zu fragen ob er etwas zu essen hat oder ob er weiß, wo es welches gibt. Wir klopften an die Glasscheibe der geschlossenen Bustür. Mike schlief. Wir klopften fester und lauter, doch Mike schien wie in Trance zu sein. Hazel klopfte mit all ihrer Kraft auf das Glas-doch Mike wollte nicht aufwachen. Stattdessen zerbrach das Glas in winzig kleine Splitter und größere Scherben. Alle waren wegen dem lauten Geräusch in Aufruhe und kamen zu uns. Eine Scherbe, die ungefähr 10 cm groß war, steckte in meinem Handrücken. Eine andere in Hazels Arm. Wir schrien vor Schmerzen. Theo kam und zog die Scherbe sanft aus meiner Hand. Das gleiche tat er bei Hazel. Nachdem die Scherbe draußen war, blutete es aus meiner Hand. Es tat sehr weh. Der kleine, 13 jährige Junge, der gestern noch solche Angst hatte, kam zu mir, riss ein Stück von seinem T-Shirt ab und wickelte es um meine Wunde. Ich schaute ihm fasziniert dabei zu. Er lächelte und ging davon. Ich rief ihm noch: "Vielen Dank!" hinterher. Nun war Mike Gott sei Dank auch wach. Er wirkte verstört und sagte in seinem bösartigen Tonfall: "Geht weg! Ihr seid Monster! Ihr habt meinen perfekten Bus zerstört." Ich antwortete tough (taff): "Wir sind keine Monster. Du bist eines. Wir wollten was zu essen haben. Hast du was zum essen für uns oder müssen wir auch noch hungern?" Dann blickte er mich misstrauisch an. Ich hoffte nicht zu frech zu wirken. Ich konnte nur hoffen, dass die mutige Nummer geklappt hatte, denn nochmal würde ich nicht so viel Mut aufbringen, so mit ihm zu sprechen.

Er schickte alle anderen fort. Ich hielt aber Hazels Arm so fest, dass sie auch hierbleiben musste. Ich schürte ihr damit fast das Blut ihrer zarten Hand ab. Ich hatte Angst, was nun passieren würde. Würde Mike mich töten? Oder nur schlagen? Was wollte er von mir?

"Tapferes kleines Mädchen. Ich muss schon sagen...beeindruckend, beeindruckend." sagte er herablassend. Hazel stand nur neben mir und schaute Mike und mich abwechselnd an. Er blickte mich zögernd an und reichte uns eine Packung Kartoffelchips. Hazel lächelte, ich tat es auch. Er wollte uns nur ärgern! Ich und Hazel aßen die Tüte gierig auf. Doch dann packte uns das schlechte Gewissen und wir fragten, ob es für die anderen auch was zu essen gäbe. Mike sagte uns in seiner gewohnten unfreundlichen Art, dass hinter der größten Ruine was zum essen und trinken war. Hazel und ich rannten aus dem Bus und schnurstracks zu unseren Mitschüler. Ich rief in die Runde: "Hey Leute, hinter der größten Ruine ist was zum essen und trinken... Kein Plan wo die ist, aber wir finden sie schon." Alle begaben sich auf die Suche nach der größten. Es gab etliche Ruinen hier. Es waren so viele, dass man sie gar nicht hätte zählen können.

Irgendwann meldete ein Mädchen, Lisa war ihr Name zu wort und sagte, sie hätte das Essen gefunden. Alle rannten zu ihr und tatsächlich: Auf dem Boden waren 13 Jausenboxen platziert und zu jeder Box eine Wasserflasche. Wir freuten uns wie kleine Kinder. Hazel und ich nahmen uns 2 Boxen und 2 Flaschen,und setzten uns ein Stück entfernt hin. Ich öffnete die Dose und darin war ein Sandwich mit Wurst und Salat und ein Apfel. Jonas kam zu mir. Er lächelte mich strahlend an. Ich verstand einfach nicht, wie er so gut lügen konnte, wenn er mich gar nicht mochte. Er drückte mir einen Kuss auf die Wange. In seinen Armen fühlte ich mich dennoch geborgen. Sie waren stark und muskulös, genau wie sein ganzer Körper. Wir waren wie ein richtiges Liebespaar, wobei er mich gar nicht liebte. Entweder er konnte enorm gut schauspielern oder er log Yasmin an. Ich glaubte eher an das erste. Ich saß neben ihm und legte meinen Kopf auf seine Schulter. Er streichelte meine Haare. "Jonas...ich muss mit dir reden." fing ich an zu sagen. Er schluckte den letzten Bissen seines Apfels herunter und sagte dann: "Was denn?" Ich schmiegte mich an ihn und küsste ihn. Vielleicht war ich mit meinen Todesplänen ja etwas zu voreilig gewesen. Ich spürte, dass mir seine Nähe gefiel- das er mir gefiel. Ich konnte nicht anders. Man könnte sagen ich war blind vor Liebe. Jonas fragte mitfühlsam: "Nun, was willst du mir denn sagen?"

"Ach... ich wollte dir nur sagen ,dass ich dich über alles liebe. Wirklich über ALLES!" sagte ich mit echten Gefühlen. Er antwortete: "Ich dich auch Glori. Ich werde dich niemals verlassen." Dann küsste er mich vorsichtig. Ich lächelte und drehte mich zu Hazel. Sie grinste verschmitzt.





Der Bus zur Hölle *Abgeschlossen*Wo Geschichten leben. Entdecke jetzt