K a p i t e l 5

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Ich dusche mich, schlüpfe in meine Schlafsachen, die aus einer kurzen Sporthose und einem hellblauen Top bestehen, und lege mich ins Bett. Aus irgendeinem Grund fühle ich mich beleidigt und allein gelassen. "Na gut, dann bis später. Schlaf gut." war alles, was Chloe dazu zu sagen hatte, dass ich sie nicht in die Bar begleiten würde, und schon zogen die drei davon. Lustlos zappe ich durchs Fernsehprogramm und bleibe an einer britischen Dokusoap hängen, die ganz interessant zu sein scheint. Ich lege die Fernbedienung zur Seite, kuschle mich unter die dicke, weiche Bettdecke und versuche, mich auf die Serie zu konzentrieren. Es gelingt mir nicht wirklich. Meine Gedanken schweifen ab zu Chloe, zu Johannes, zu Finn. Ich greife nach meinem Handy und lese die Gute-Nacht-Nachricht von letzterem, die vorhin eingegangen ist. Sie ist liebevoll, natürlich, aber kurz, knapp, und es steht jeden Abend beinahe dasselbe darin. Ich verspüre immer mehr Wut auf Chloe.

Sie ist Schuld daran, dass ich so über meinen Freund denke, denn die ganzen letzten Monate habe ich mir über Nachrichten oder Anrufe von ihm keinerlei Gedanken gemacht. Alles, was mir wichtig war, war, dass er zuvorkommend, lieb, nachsichtig ist. Er drängte mich weder zu unserem ersten Date, noch zu unserem ersten Mal, und zu überhaupt nichts dazwischen oder danach. Er gibt mir Sicherheit und ein Zuhause, der Sex mit ihm ist ruhig und vorsichtig. Er hat nie um mich gekämpft, allerdings ist uns beiden immer klar gewesen, dass er das auch nicht tun muss. Ich bleibe bei ihm, weil er der Typ Mann ist, den ich brauche. Ihm liegt nichts an Körperlichkeiten oder an irgendeiner Art von Leidenschaft. Wir leben gut miteinander und sind beide damit zufrieden. Er ist das Gegenteil von Per Oetjen, der mich um jeden Preis besitzen wollte.

Ebenfalls ist er das Gegenteil von Chloe. Seit wir damals das erste Mal miteinander sprachen, hat sie mir durchgehend signalisiert, dass sie an mir Interesse hat. Die Funken zwischen uns haben niemals aufgehört zu knistern. Sie wollte mich lieben und genau das war es, was mich dazu brachte, sie ebenso lieben zu wollen.
Und wie sie mich liebte. Ihre Liebe war eine andere Dimension. Sie war besitzergreifend und dominant, ja, doch gleichzeitig so feinfühlig und respektabel wie kaum ein anderer Mensch, den ich jemals in meine Nähe gelassen habe. Sie kannte mich in- und auswendig, und sie tat alles für mich. Als ich versagte, kämpfte sie. Gleichzeitig ließ sie zu, dass auch ich um sie kämpfte, um ihre mentale Gesundheit, ihr Glück. Wie oft hat sie mir gesagt, dass ich ihr Glück sei, und meinte damit jede noch so kleine Faser unserer Körper, jeden noch so kleinen Aspekt unserer Gefühle, nicht so wie Finn größtenteils die gemeinsame Miete und das allwöchentliche Essen im Elternhaus. Unsere Beziehung war ein reines Auf und Ab, aber es war die schönste und aufregendste Achterbahnfahrt meines Lebens. Ich dachte, ich würde diese Art von Liebe, diese Art von Leben, nicht vermissen, doch seit ich Chloe wiedergesehen habe, zweifle ich an mir und meiner Einstellung zu meinem neuen Leben.

Irgendwo, irgendwie, vermisse ich das Feuer zwischen uns.

Ich weiß natürlich, dass ich verrückt sein muss, alles, was ich zurzeit habe, wegen eines kleinen Gefühls, das aus Erinnerungen entstanden ist, aufs Spiel zu setzen. Das kann und werde ich nicht tun.

Doch sie scheint sich noch nicht einmal mehr Gedanken um mich zu machen und das verletzt mich.

Stunden vergehen und verlaufen sich in meinen Gedanken. Als auf einmal die Zimmertür geöffnet wird, erschrecke ich. Ich setze mich hastig auf und blicke Chloe entgegen, die den Raum betritt und die Tür etwas zu laut hinter sich ins Schloss fallen lässt.

"Du bist ja noch wach", sagt sie überrascht. Ich merke an ihrem Gang, dass sie angetrunken ist. Sie schwankt leicht von links nach rechts und lässt sich schwungvoll aufs Bett plumpsen. Und aus irgendeinem Grund macht mich das wütend.

"Ist das dein Ernst?", fahre ich sie an. "Wir sind auf Klassenfahrt und alles was du zu tun hast, ist, zu saufen?!" Entgeistert blickt sie mich an. "Entspann dich mal. Du wusstest doch, dass wir in die Bar gehen."

Schweigend schalte ich den Fernseher aus und drehe mich auf die Seite. Ich vernehme das leise Rascheln, mit dem sie sich ihrer Klamotten entledigt, und widerstehe dem Bedürfnis, mich umzudrehen. Dann klappt die Badezimmertür zu und ich höre das Wasser plätschern. Sie braucht nicht lange, um sich fertig zu machen, und liegt innerhalb weniger Minuten neben mir im Bett. Das Licht hat sie ausgeschaltet und scheint schweigend einzuschlafen.

Ich möchte sie anschreien, das wir nicht streiten sollten, ich möchte ein "Gute Nacht" von ihr hören und ihr Lächeln sehen, und diese Wünsche lassen mich langsam aber sicher wahnsinnig werden. Ohne es wirklich wahrzunehmen, werfe ich mich von einer Seite auf die andere, genau wie letzte Nacht. Ich spüre, wie sich in meinen Augen Tränen sammeln und bin mir sicher, dass meine Übermüdung ebenfalls etwas damit zu tun hat.

"Maria", durchbricht auf einmal Chloes raue Stimme die erdrückende Stille und lässt mich augenblicklich stocksteif daliegen. "Hm?", mache ich. "Gib Ruhe. Du wälzt dich die ganze Zeit herum und das Bett knarrt wie mein altes Fahrrad." Ein unangenehmer Stich der Scham durchfährt mich.

"Sorry", murmle ich leise und spüre im selben Augenblick, wie eine der Tränen meine Wange hinab läuft. Was stimmt mit mir nicht?

Minutenlang herrscht Stille. Ich weine leise vor mich hin, hoffe, dass Chloe mittlerweile eingeschlafen ist, glaube, dass sie es ist, denn sie sagt nichts und liegt stumm wie ein Fisch irgendwo in der Dunkelheit neben mir.

Auf einmal spüre ich ihre warme Hand direkt in meinem Nacken und ihre Stimme ganz nah an meinem Ohr. "Was ist denn los?", fragt sie mich besorgt. Ihre Brüste berühren meinen Rücken und ihre Haare, die sie diese Nacht nicht geflochten hat, kitzeln meinen Hals. Ich werde ganz wahnsinnig davon. Wann genau ist sie mir so nah gekommen?

"Nichts", antworte ich und versuche, meine Stimme fest und klar klingen zu lassen, doch es gelingt mir nicht. Chloe kennt mich. Sie hat genau gehört, dass ich heulend vor ihr liege wie ein Baby.

Im nächsten Augenblick finde ich mich in ihrer Umarmung wieder. Sie dreht mich sanft um und zieht mich fest an sich, legt beide Arme um mich und hält mich fest. Ich spüre ihre streichelnden Bewegungen an meinem Rücken und automatisch entspanne ich meine Muskeln, schluchze plötzlich laut. All die Verwirrung, all die Gedanken, brechen auf einmal aus mir heraus. Ich kann nicht aufhören zu weinen und weiß nicht wieso. Der dünne Stoff der Bettdecken trennt unsere Körper voneinander, als ich meinen Kopf auf ihrer Brust ablege und meine Finger in ihr Shirt kralle. Ihr Duft nach Vanille und Kokos umgibt mich wie eine Dosis Beruhigungsmittel, vermischt mit einer ganz leichten Note nach Alkohol. Ein leises "Shhhh" durchdringt die Wolke, in der ich mich befinde, und ich weiß, dass es von ihren Lippen stammt. "Ich frage jetzt nicht nach, was du hast, aber es ist okay. Ich bin da."

Ich nehme ihre Worte zur Kenntnis und eine Welle der Zuneigung durchströmt mich.

Ich liege in den Armen der Person, die Schuld daran ist, dass ich weine, und höre nach und nach auf zu weinen, weil ich in ihren Armen liege und sie mich hält, bis ich einschlafe und die ganze Nacht hindurch.

Es ist verrückt. Es ist so verrückt, wie alles, was wir taten, immer war, und ich habe es vermisst.

D E L I R I U MWo Geschichten leben. Entdecke jetzt