Ein sandiges Grab ✓

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Am nächsten Morgen wurde ich von Hazel geweckt. Sie rüttelte sanft an meiner Schulter. Im ersten Moment war ich verwirrt und wusste nicht, wie mir geschah. Wie war Hazel in mein Zimmer gekommen und wieso weckte sie mich am Wochenende auf? Doch dann kam die Erkenntnis geradewegs in mein Hirn gestürmt- ich war nicht zuhause. Ich war in einem angsteinjagendem Bus, in dem Menschen in meinem Alter ihr Leben lassen mussten. Wie konnte ich nur jemals in so eine Situation geraten?

Zurück zu meiner besten Freundin. Vermutlich hatte sie in der Nacht geweint, denn sie hatte große Ringe unter den Augen und ihre Tränensäcke waren angeschwollen. Hatte sie im Schlaf geweint und war es möglich, dass auch sie das Gespräch zwischen Jonas und Yasmin mitbekommen hatte? Das sollte ich wohl herausfinden. Ich schaute mich im Bus um. Einige hatten schon ihre Augen geöffnet und schauten verschlafen aus den Fenstern des Busses oder aber sie flüsterten leise miteinander und warfen sich traurige Hundeblicke zu. Ein paar meiner-ehemaligen- Mitschüler fingen auch schon an zu weinen und schnieften im Chor. Allen voran war natürlich Paul. Mir und allen anderen, ihm eingeschlossen, war klar, dass er nun sterben musste. Aber was sollte ich schon dagegen tun? Sein Schicksal hatte ihn nun ereilt und es gab kein zurück für ihn mehr. So schmerzhaft diese Tatsache auch klang, harte Zeiten erforderten harte Maßnahmen. Aber nach jedem "tief" kam ja bekanntlich ein "hoch" und ich konnte nur hoffen, dass unser "hoch" eine Rettung aus dieser Hölle war. Paul weinte sehr laut, was zugegebenermaßen auf Dauer auch ziemlich nervtötend war, allerdings wollte ich nun wirklich niemandem, der dem Tod entgegenraste, erklären wie nervig sein Geheule war. Schließlich würden wir bald aussteigen und dann würde sein Geheule, für immer, verstummen. Außerdem rasten allerhand Gedanken über die letzte Nacht in meinem Kopf herum. Was war es nur an diesem Gespräch zwischen den beiden, was mich so misstrauisch machte? Darüber musste ich mir unbedingt noch im klaren werden und mehr herausfinden, aber zuerst hatten wir, leider, die Aufgabe Pauls Schicksal zu besiegeln.

Dann scheuchte Mike uns aus dem Bus. "Er muss sterben" dachte ich mir beim vorbeigehen. Traurig aber wahr, Menschen wie einem killenden Busfahrer wünschte ich den Tod. Verurteilt mich, aber wenn ihr jemals in so einer Situation wie ich gesteckt wärt, würdet ihr wahrscheinlich ähnlich denken. Als alle durch die Bustür gegangen waren, platzierten wir uns alle neben den Bagger. Paul stellte sich genau vor die riesige Schaufel des Baggers. Die stählerne Bestie ragte einige Meter über seinem Kopf empor und schien wie ein Mordinstrument der besonderen Art. Bei einem war ich mir auch jetzt schon sicher. Niemand hier würde einen gewöhnlichen Tod sterben. Niemand umarmte den armen Paul in seinen letzten Lebensmomenten, nur ein paar murmelten irgendetwas vonwegen "Viel Glück" und "Du schaffst das". Also ungefähr das schlimmste, das man einem Menschen sagen konnte, der gleich von einem Bagger überrollt werden würde. Auch wenn ich vielleicht als eher nicht so mitfühlsame Person bekannt war, empfand ich Mitleid mit ihm. Der hatte sich schließlich als erster gemeldet. Also trat ich eine Schritte nach vorne und kam kurz vor ihm zum Stehen. "Hör zu Paul. Auch wenn wir es nicht zeigen, wir schenken dir viel Anerkennung für das, was du gerade für uns tust. Und ich möchte mich dafür bei dir bedanken. Dank dir können wir leben und ich hoffe, dass du an einen schöneren Ort landen wirst. Ich hoffe wir sehen uns eines Tages wieder." Und dann trat ich mit langsamen Schritten wieder von ihm weg und stellte mich mit gesenktem Kopf neben meinen Freund. Ich gebe zu, dass ich nicht alles ganz so ernst gemeint habe, was ich ihm erzählt hatte, aber ich wette niemand von euch würde vor seinem Tod gerne etwas negatives hören. Und wenn man einem Menschen vor dem Sterben noch so leicht etwas Gutes tun konnte, wieso sollte man es nicht tun? "Lebe wohl..." flüsterte ich. Dann ging alles ziemlich schnell. Zeke, ein Junge, der ein Jahr älter als wir war, setzte sich ans Steuer des Baggers. Scheinbar hatte er Erfahrung mit Baggern, denn er schwang sich gekonnt auf den Sitz und bediente das Monstrum sorgfältig und erfahren. Zeke hatte kurze, rote Haare und braune Augen. Außerdem sah er eher muskulös aus, als würde er öfter trainieren gehen und viel Sport machen. Vor Nervosität rannte ihm ein Tropfen Schweiß von der Stirn hinunter. Auch seine Haare machten einen feuchten Eindruck. Paul, der direkt vor dem Bagger, mit noch erhobenem Haupt stand, starrte ihn mit weit geöffneten Augen an und legte sich auf den Boden, also in den Sand vor Zeke. Dann fuhr Zeke los. Das große Instrument setzte sich mit lautem rattern, metallenem krächzen und lautem quietschen in Bewegung. Paul hatte seine Augen geschlossen. ER hatte sein Schicksal akzeptiert. Als Zeke mit den riesigen, runden Rädern Pauls Füße und anschließend seine Beine erreichte, nahmen eine Ohren ein entsetzliches Geräusch war. Ein Schrei aus Todesangst, Schmerz und Erleichterung. Das Geräusch seiner Schreie, brannte sich in mein Gehirn und betäubte mein Gehör. Ein schlichtweg schmerzverzerrtes Gebrülle. Dann erreichte Zeke seinen Rumpf und fuhr auch darüber ohne mit einer Wimper zu zucken. Also zumindest der Bagger fuhr so, denn als ich eine Sekunde meinen Blick zu Zeke richtete, presste er die Augen angeekelt und entsetzt zusammen und verkrampfte seinen ganzen Körper. Blut spritzte aus Pauls Bauch, Hautfetzen flogen durch die Luft. Um Pauls Körper bildete sich eine riesige Blutlache. Man konnte fast hören, wie seine Organe zerquetscht und seine Rippen gebrochen wurden. Schließlich gab er noch einen letzten, schrillen und schmerzerfüllten Ton von sich und dann fuhr Zeke über seinen Hals und seinen Kopf. Es war ein scheußliches Geräusch, das ich nie wieder vergessen würde, als der Schädel zersprang. Blut überströmte den Sand. Dann fuhr Zeke mit dem Bagger über ihn hinweg und das metallische Monster kam einige Meter nach Pauls Leiche zum stehen. Zeke stieg aus und wir alle betrachteten Pauls zerquetschten und leblosen Körper, beziehungsweise die Überreste davon. Das Szenario... überall Blut, Haut und Knochen, ein entstelltes und von Blut übersätes Gesicht und daran einen notdürftig anschließenden Körper, der flach gerollt war. Dennoch konnte ich meine Augen nicht von ihm abwenden. Manche meiner ehemaligen Schulkameraden weinten, aber die meisten starrten nur mit ausdruckslosem Blick die Leiche an, so wie ich es tat. Das mochte wohl auf einige gefühllos wirken, allerdings wusste ich einfach nicht, wie ich reagieren sollte. Ein Mensch wurde gerade vor meinen Augen von einem Bagger überrollt. Schluckt das mal so schnell runter. Ich war einfach nicht in der Stimmung zu weinen, da ich erstens schon genug geweint hatte und zweitens kannte ich Paul sowieso nicht wirklich. Theo, ein Junge aus meiner ehemaligen Klasse mit rabenschwarzem Haar und ebenso dunklen Augen ging zur Leiche und schnitt mit einem Taschenmesser, das er dabei hatte, mehr oder weniger schnell Pauls linken Arm ab. Es blutete scheußlich, allerdings war ich noch nie eines dieser Mädchen, das Blut nicht sehen konnte, von dem her war dies nicht schwer zu verkraften- Wenn man sich die Tatsache woher das Blut kam, weggedacht hätte. Dann ging Theo zum Bus, klopfte an die Bustür und sprach anschließend mit dem alten, grimmigen Busfahrer namens Mike. Diesen sah ich nicken und schließlich legte Theo den Arm auf den Boden vor dem Bus. Dann sagte Mike noch irgendetwas und Theo kam mit entschlossenen Schritten zurück zu uns und sagte: "Hey Leute, wir müssen ähm... Pauls Leiche noch eingraben. Das müsst ihr machen, ich habe ihn schon seines Armes entledigt!"

Der Bus zur Hölle *Abgeschlossen*Wo Geschichten leben. Entdecke jetzt