Angst

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Marek war erst gegen 5:00 Uhr morgens eingeschlafen und als Shizukas Wecker um 7:00 Uhr klingelte, war er so sehr im Tiefschlaf, dass er ihn überhörte. Auch das Klingeln seines eigenen Weckers überhörte er, sodass er erst um 11:00 Uhr wach wurde. Shizuka war schon lange aus dem Haus. Marek kam nur schwer in die Gänge. Er duschte lange und als er in die Küche kam, sah er, dass Shizuka Brötchen geholt und die Tageszeitung mit reingebracht hatte. Er las nur selten Tageszeitung, aber Shizuka hielt es für wichtig und blätterte jeden Morgen. Drei Tassen Kaffee trank er an diesem Morgen und spielte mit dem roten Umschlag in der Hand herum. Er traute sich nicht, ihn zu öffnen. Eigentlich hätte auch er zur Uni gemusst, aber ihm fehlte jeglicher Elan und er wusste, dass er sich ohnehin nicht hätte konzentrieren können. Um 12:15 Uhr rief Noah wieder von der Telefonzelle aus an. Marek traute sich nicht, Noah von dem Brief zu erzählen. Er wusste schließlich auch nicht mit 100%iger Sicherheit, dass der Umschlag wirklich von Nephelie kam. Außerdem waren sie so weit von einander entfernt – was hätten sie groß für einander tun können? Er schlug Noah abermals vor, ihn zu besuchen, Noah wirkte unsicher, stimmte ihm aber zu, nachdem Marek das dritte Mal wiederholte, dass es ihm bestimmt gut tun würde. Noah hatte Angst, Marek wusste das. Vielleicht war es zu auffällig. Andererseits waren immerhin schon vier Monate vergangen, seit dem Feuer. Wiederum andererseits bestand der Verdacht, dass Nephelie etwas herausgefunden hatte.

Was immer in dem Umschlag war, Marek wusste, dass es ihm eine Antwort geben könnte. Genau deshalb wollte er auch noch nicht hineinsehen. Aber ihm war klar, dass er damit nichts heraus zögerte, außer dem Zeitpunkt der Erkenntnis, ob sie in Gefahr waren oder nicht. Und er wusste, dass er seine Chancen etwas dagegen zu tun, sollten sie in Gefahr sein, verschlechterte. Endlich fasste er sich ein Herz und öffnete den roten Umschlag am Küchentisch. Der Umschlag beinhaltete sechs Fotos und eine Notiz. Liebst du sie?., stand auf dem Zettel. Er war getippt, nicht per Hand geschrieben. Er wirkte kalt und leblos. Mareks Hände zitterten, als er ihn beiseitelegte und die Fotos herausnahm. Auf dem ersten Foto war Shizuka zu sehen, sie stand an einer Bushaltestelle, tippte in ihr Handy und hatte dabei den Blick gesenkt. Marek legte das Foto hastig zur Seite und griff nach den nächsten. Sie zeigten Shizuka, wie sie das Unigebäude betrat, Shizuka mit einer Freundin in einem Café, Shizuka morgens beim Joggen im Park, Shizuka lachend am Handy, vor irgendeinem Gebäude stehend. Das Foto war aus der Nähe aufgenommen worden, der Ausschnitt zeigte Shizuka nur bis zur Hüfte. Das letzte Foto jagte ihm einen besonderen Schrecken ein. Shizuka saß auf der Couch, las Zeitung und trank eine Tasse Tee. Auf ihrer Couch. In ihrem Wohnzimmer. Es war von draußen aufgenommen, denn man sah noch die äußere Hauswand und den Fensterrahmen. Ihre Wohnung lag im zweiten Stockwerk.

Hastig sprang Marek auf und suchte sein Handy. Er rief Shizuka an, aber sie nahm nicht ab. „Verdammt!", rief er laut und versuchte es ein zweites Mal. Wieder nichts. Er schrieb ihr eine WhatsApp-Nachricht und starrte wie gefesselt einige Sekunden lang auf den Chatverlauf, in der blinden Hoffnung, die blauen Häkchen mögen erschienen und sie würde antworten. Nichts passierte. Marek rannte in den Flur, griff seine Jacke und zog sich die Schuhe an. Er rannte hinaus, die Straße entlang, an der Bushaltestelle vorbei, an der sie zur Uni immer einstieg und weiter Richtung Fakultätsgebäude. Er konnte nicht auf den Bus warten, außerdem hatte er das Bedürfnis den ganzen Weg abzugehen. Er rannte ohne Pause und lief beinahe ein paar Passanten um, aber er registrierte es kaum. Das einzige, was er nebenbei tat, waren die vergeblichen Versuche, Shizuka weiter übers Handy zu erreichen.

In der Uni angekommen musste er einen Moment inne halten und nach Luft ringen. Er überlegte, wie Shizukas Stundenplan aussah und sah auf die Uhr an seinem Handgelenk. 13:17 Uhr. Er war schnell gewesen. Immer noch etwas außer Atem ging er ins Gebäude rein. Er überlegte fieberhaft, in welchem Raum sie jetzt ein Seminar haben könnte. Shizuka studierte andere Lehramtsfächer, Politik und Deutsch als Fremdsprache, aber auch Englisch wie er. Englischkurse hatte sie an dem Tag nicht, er glaubte zu wissen, dass sie zwei Stunden Erziehungswissenschaften gehabt haben musste und jetzt möglicherweise in einem Politikkurs sitzen könnte. Ihm fiel nicht ein, wo. Nicht nur das, je länger er darüber nachdachte, desto sicherer war er, dass er es nie gewusst hatte. Er versuchte im Handy über die Website der Uni herauszufinden, wo der Kurs stattfinden könnte. Aber er wusste den richtigen Namen des Kurses nicht, irgendwas mit dem 16. Jahrhundert. Oder war es das 17.? Er konnte ihn nicht finden. Ihm blieb nichts, als die Stundenpläne vor den Türen zu untersuchen. Gerade als er links in den Gang gehen wollte und sich darüber ärgerte, wie viel Zeit er mit der Handysuche vergeudet hatte, sah er eine Freundin von Shizuka aus der Cafeteria rauskommen. Sofort eilte er zu ihr. „Marie!", rief er. „Marie!" Marie blieb stehen und sah in seine Richtung. Ihre beiden Freundinnen, mit denen sie unterwegs war, blieben ebenfalls stehen. „Marie, wo ist Shizuka?", fragte Marek sofort, als er vor ihr zum Stehen kam. „Ähm, ich weiß nicht.", antwortete sie. „Ich hab sie heute noch nicht gesehen. Ist alles okay? Du siehst gestresst aus..."

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