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"Bitte weine nicht. Ich will nicht, dass du weinst.", wisperte Nora, als sie mich sah, "Es ist meine Schuld, du konntest es nicht mehr verhindern."

Ich wünschte, ich hätte ihr helfen können. Ich wünschte, ich wäre der Superheld aus dem Film gewesen, den wir damals zusammen geguckt haben. 

"Sieht so aus, als müsste dir jetzt eine andere Verkäuferin die Käsebrötchen geben."

"Ich will aber keine andere Verkäuferin, Nora. Das war unser Ding. Die Käsebrötchen. Ich will das nicht, Nora, bitte nicht."

"Und ich will nicht, dass du weinst. Ich will dein Lächeln sehen, dein unschuldiges, freudiges Lächeln, wegen dem ich jeden Tag ein Käsebrötchen in der Bäckerei versteckt hielt."

"Ich kann das nicht Nora."

"Wie oft hast du mir das bereits gesagt? Das du es nicht kannst?" Sie fasste mein Gesicht zwischen ihre Handflächen und küsste mich.
Oh Gott, wie sehr ich das vermisst hatte.

"Du kannst das. Du schaffst es jeden verdammten Morgen, aufzustehen und durch eine Welt zu schreiten, die sich gegen dich stellt. Dir fallen die Dinge auf, die andere Menschen ignorieren wollen. Aber du ignorierst sie nicht. Du stellst dich mit offenen Armen in das Feuer und..."

Sie biss sich auf die Unterlippe und sah mich mit ihren großen grünen Augen an.

"Ich habe das nicht geschafft. Aber du kannst das. Sie werden mich in eine Klinik schicken, weil ich krank bin."

Eine Träne schlitterte ihre Wange herab und ich fing sie mit meinem Daumen auf. Ich konnte nicht fassen, wie kaputt Nora geworden ist. Die Haare fielen matt auf ihre Schultern und die zarten Finger drohten bei jeder ihrer Bewegungen zu zerbrechen. Dabei war die äußere Erscheinung nur der Gipfel des Eisbergs. Ich konnte mir nicht ausmalen, was in ihrem Kopf geschah.

"Krank.", wiederholte sie seufzend, als könnte sie ihren eigenen Worten nicht glauben, "Es tut mir nur Leid, dass mir das so spät aufgefallen ist, aber ich bin krank."

Ich betrachtete verstört die Schläuche, welche aus ihrem Arm ragten. Die blauen Venen stachen direkt unter ihrer durchsichtigen Haut hervor.

"Aber du bist nicht krank und lass dir niemals einreden, dass du es wärst.", fuhr Nora fort und lächelte mich aufmunternd an, worauf ich anfing zu lachen.

"Siehst du, dass meine ich. Das ist das schönste Lachen, dass ich jemals gesehen habe. So unschuldig und lebendig. Ein kleiner Funken Menschlichkeit in diesem großen grauen See der Sorgen."

"Und du bist das schönste Mädchen, dass ich jemals gesehen habe.", sprudelte es aus mir heraus.

"Eines Tages wirst du bestimmt ein schöneres Mädchen treffen."

"Nein, wie soll das gehen? Warum? Dafür bist du doch hier."

Sie griff ein letztes Mal nach meiner Hand und verfing sich in meinem Blick.

"Ich weiß nicht, ob ich eines Tages gesund werde.", flüsterte sie, "Und du verdienst jemanden besseren, Arthur. Ich liebe dich."

Das war das letzte Mal in meinem Leben, dass ich Nora sah, aber ich werde nie vergessen, wie viel sie mir in dieser kurzen Zeit gelehrt hatte. 

Besondere Menschen bleiben nicht ihr Leben lang alleine.

GonerWo Geschichten leben. Entdecke jetzt