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Ich sehe sie jeden Freitag, wenn sie von der Schule kommt.

Umringt von den strahlenden Farben der Kirschblütenbäume stolpert sie über den Schulhof, die zertretenen lila Chucks stechen zwischen den dunklen Mienen der Schüler sofort hervor. Ihre Bücher umschlingt sie fest in ihren Armen, als könnten die kalten Plastikumschläge ihren glühenden Körper kühlen.

Manchmal färbt sich ihr Gesicht rot vor Scham, manchmal ihre Hände weiß vor Angst.

Noras Unterlippe beginnt zu zittern, so schnell wie mein Herz bei ihrem Anblick pocht.

Das Grün ihrer Iris kreist, so stürmisch wie die Laubblätter in Gewitternächten.

Das lange Haar trotzt der Schwerkraft, so ungetüm wie die Blicke der restlichen Schüler.

Mit jedem Tag wurde es schlimmer, das endlose Ziehen und Nagen an Noras Kleidung, Haut und Seele. Ich wusste nicht, wovon und wieso es kam. Ich wusste nur, dass es nicht verschwinden wollte, sobald sie die Schule verließ.

Jeden Freitag holte ich Nora von der Schule ab und jeden Freitag fand sich ein neuer blauer Fleck in ihrer Lunge. Das ist rein biologisch gesehen unmöglich, aber anscheinend meint man Sachen nicht immer so, wie sie sind. Zum Beispiel sagt mir Nora jeden Freitag, es würde ihr gut gehen, nur um jeden Samstag an meiner Zimmertür zu klopfen.

Dann beichtet sie mir, dass sie in ihren Tränen ertrinkt und sich an ihren Worten verschluckt. Wir liegen zusammen auf meiner blauen Bettwäsche und starren die Plastiksterne der Zimmerdecke an. Ihr Ohr liegt über meinem Herzen, das stetige Klopfen beruhigt sie und ihre Arme umschlingen mich, als könnte mein dünnes T-Shirt ihre glühenden Tränen kühlen. Wie schwarze Tinte fange ich ihre Gedanken auf und verteile sie im Raum, speichere jedes ihrer Wörter in den matten Plastiksternen über unseren Köpfen.

GonerWo Geschichten leben. Entdecke jetzt