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Sie sagt: "Ich bin fett."

Und ich widerspreche ihr nicht, weil ich weiß, dass sie das nur frustrierter macht.

Und mein mathematisch-veranlagtes Gehirn mir einredet, dass es stimmt, da ihr Gewicht prozentual nicht dem eines durchschnittlichen Mädchens ihres Alters entspricht.

Und ich nicht lügen kann, weil Ma gesagt hat, dass Granny gesagt hat, dass Gott gesagt hat, man darf nicht lügen.

Also nehme ich ihre Handflächen in meine, spüre ihre Kälte und sage etwas, was sich nicht berechnen lässt. Etwas, was von Herzen kommt, was biologisch gesehen nicht geht, da es ja eigentlich für die Durchblutung zuständig ist und damit... Halt. Stop. Egal. Hilfe.

Ich muss atmen.

Stille.

In dem Moment, als ich mit meinen Fingern über ihre Lippen streife, nerven mich zum ersten Mal keine schwirrenden Papierflieger und Büroklammerketten.

In dem Moment, in dem ich sie anlächelte und sie küsste, läuft der Hamster weder rückwärts noch vorwärts, sondern gar nicht. Er schlief.

Als hätte das Triebwerk meiner Sinne Kühlung an ihren Fingerspitzen gefunden.

"Du bist wunderschön, Nora."

GonerWo Geschichten leben. Entdecke jetzt