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Normalerweise handeln solche Geschichten über das Mädchen von nebenan. Nora wohnte aber nicht nebenan. Sie wohnte die dritte Straße rechts auf der linken Seite, dort wo das grüne Auto steht in der ersten Etage über dem Bäcker.

Nora war die Jüngste ihrer vier Schwestern, welche sich rank und schlank wie Göttinnen aus dem Grau der Mittagssonne abhoben mit Haut weicher als Kissen aus Samt.

Zumindest sagen das die Jungen auf dem Fußballplatz. Und ich weiß nicht, ob sie es immer ernst meinen.

Ich kann mich schlecht konzentrieren, wenn der Hamster in meinem Kopf die ganze Zeit rückwärts läuft. Vielleicht ist mir deshalb so spät aufgefallen, dass die 5. Tochter nicht in das Schema der Familie passte.

Das erste Treffen mit Nora hatte ich an der Bushaltestelle vor der Bäckerei. Ihre purpurnen Chucks klatschten gegen das eisige Regenwasser und klebten an ihren Socken. Die waren übrigens schwarz, genauso wie ihr weiches Haar.

Ich beobachtete die Regentropfen, welche sich als Teiche auf ihrer Kapuze sammelten und dann in gewaltigen Bächen über den blauen Anorak flossen.

Ich beobachtete ihre zittrigen, blauen Finger welche vorsichtig die Kopfhörer ihres MP3-Players entwirrten und dann hinter dem schwarzen Haar verschwinden ließen. An ihren Fingernägeln hingen die Überreste von buntem Lack und der Ring an ihrem Finger zeigte einen Dreizack, der sich andauernd im Kabel verfing.

Ja, Nora zu beobachten war eine Kunst für sich.

Als mir die Jungen auf dem Fußballplatz erklärten, Nora sei hässlich, weil sie fett war, war es bereits zu spät. Da war es schon um mich geschehen.

GonerWo Geschichten leben. Entdecke jetzt