K a p i t e l 3

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Der Tag verläuft angenehm, gerade in Anbetracht der Tatsache, dass wir alle vollkommen übermüdet sind. Alle, außer Chloe natürlich.

Nachdem den Schülern die Möglichkeit gegeben wurde, ihre Sachen auszupacken und sich frisch zu machen, machen wir uns um zwölf Uhr auf zur ersten Besichtigungstour, die in Form einer Rundfahrt durch ganz London stattfindet. Paul und ich haben uns überlegt, dass nach der anstrengenden Anreise eine zweistündige Busfahrt leichter zu verkraften ist als ein doppelt so langer Fußmarsch. Außerdem erschien uns eine erste grobe Tour angebracht, bevor wir die nächsten fünf Tage damit verbringen werden, uns jede erdenkliche Sehenswürdigkeit einzeln und detailliert anzusehen. Natürlich fällt der schulische Aspekt dabei nicht weg. Zu jedem Besichtigungspunkt haben wir jeweils einer kleinen Schülergruppe ein Referat zugeteilt, das sie vor Ort halten und ihre Mitschüler somit über die Sehenswürdigkeit informieren werden. Ob und wie ausführlich diese Referate letztendlich stattfinden werden und vor allem, ob sich das Englisch der Schüler auch als solches erkennen lassen wird, ist fraglich, aber erstens können sie auf diesem Wege ihre Note aufbessern und zweitens bedeutet das Ganze weitaus weniger Recherchearbeit für Paul und mich.

Ich lehne meinen Kopf gegen die Fensterscheibe des Busses, genieße den Blick über Londons Häuserketten mit dem hellblauen Sommerhimmel im Hintergrund und freue mich tatsächlich ein bisschen auf die kommende Woche. Ich war schon oft hier und ich liebe diese Stadt. Dass Chloe neben mir sitzt und sich mit ruhiger, sachlicher Stimme mit Paul und Johannes über die Pläne für die nächsten Tage unterhält, dabei hin und wieder laut auflacht, wenn Paul einen seiner berüchtigten Sprüche reißt, gibt mir ein gutes, ein beruhigendes Gefühl. Ich bin mir mittlerweile sicher, dass die Fahrt ein Erfolg wird. Meine Nervosität hat nachgelassen.

Viele Schüler dösen bereits auf der Rückfahrt zum Hotel müde vor sich hin, während ich durch den Bus gehe und sie zähle. Ein paar wenige sind krampfhaft darum bemüht, ihre Coolness zu bewahren, und lassen es sich nicht nehmen, erneut laute Musik aufzudrehen. Sie nippen an ihren Coladosen, bei denen ich mir nicht sicher bin, ob einige von ihnen in Wirklichkeit nicht doch mit Energydrinks gefüllt sind, und gröhlen munter mit. "Wenigstens sind sie vollzählig", sage ich zu Chloe, als ich mich wieder neben sie setze. "Du hast ja nicht sehr hohe Ansprüche, Maria." Sie lächelt mich breit an und im orangegelben Licht, das der Sonnenuntergang durch die Fensterscheiben schickt, leuchten ihre Haare kupferfarben, ihre Augen wie Silber. Ich kann nicht verhindern, das mich ein unangenehmer Stich durchfährt, als ich sie so ansehe.

Das war zu erwarten und hat keine weitere Bedeutung, sie ist schließlich irgendwo noch immer meine Exfreundin, oder nicht?

Nach dem Abendessen, dem Ankündigen der Bettruhe, die sowieso keiner einhalten wird, und der letzten Besprechung mit Paul und Johannes gehen wir endlich auf unsere Zimmer. Es ist mittlweile halb neun und normalerweise wäre ich noch immer putzmunter, doch die letzte Nacht und der heutige Tag haben mich geschlaucht. Wie ein Stein lasse ich mich auf das Bett fallen und rühre mich keinen Zentimeter, während Chloe duscht. Erst als sie aus dem Badezimmer kommt, bewege ich meine müden Glieder wieder, um zumindest meine Zähne zu putzen und mich umzuziehen. Sie steht vor dem Spiegel und flechtet ihre Haare, als ich fertig bin. Ich lege mich auf die rechte Seite des Bettes und betrachte sie verstohlen dabei. Sie trägt ein weites olivgrünes T-Shirt und sehr knappe graue Sportshorts. In mir regt sich erneut etwas, als ich den Ansatz ihres wohlgeformten Pos erkenne, der weich in ihre kurvigen Schenkel übergeht, obwohl es weniger sexuelle Anziehung, als Nostalgie ist.

Mit diesem Körper hat sie mich einst geliebt.

Als Chloe fertig ist, dreht sie sich zu mir um und grinst. "Schon müde?" Der strenge Zopf, zu dem sie ihre schulterlangen Wellen zusammen genommen hat, bringt ihr kantiges Gesicht hervorragend zur Geltung. Auch ungeschminkt sieht sie toll aus. Meine Antwort kommt ein paar Sekunden zu spät. "Und wie!", stöhne ich. "Du etwa nicht?" Sie hockt sich auf die andere Seite des Bettes und holt ihr Handy heraus, wirft einen kurzen Blick auf das Display und lässt es dann wieder in ihren Schoß sinken. "Es geht", antwortet sie. Ihre grauen Augen mustern mich neugierig. "Und jetzt erzähl."

"Was denn?", frage ich irritiert nach. "Wie geht es dir so? Was treibst du so? Ich will wissen, wie es dir ergangen ist."

Ich muss kurz überlegen. Ehrlich gesagt, weiß ich nicht, was sie hören will. Ich führe ein Alltagsdasein, und bis auf die Tatsache, dass ich nicht mehr mit ihr zusammen bin, hat sich eigentlich nicht viel verändert. Ich unterrichte, laufe, spiele Gitarre und liebe es, Konzerte zu besuchen. Genau dies ist es auch, was ich ihr sage.

"Ich lebe mittlerweile mit meinem Freund zusammen", beende ich meinen Bericht. "Erzähl mir von ihm", fordert sie mich auf. Ich sehe sie an und nehme ehrliches Interesse in ihrem Blick wahr. Sie verwundert mich. "Er heißt Finn, er ist Elektrotechniker und er spielt Bass." "Cool", lautet ihr Kommentar und ich kann nur zustimmend nicken. "Er ist wirklich toll. Sehr aufmerksam und liebevoll... Du weißt schon. Wir sind sehr glücklich." Wieder nickt sie. Ich beschließe, dass ein Themawechsel angebracht wäre.

"Jetzt du", fordere ich sie auf. "Wie ist Irland?" Ihre Augen beginnen zu leuchten. "Einfach umwerfend, wirklich", sagt sie und richtet sich auf. Ich kann sie vollkommen verstehen. Irland ist das schönste Land der Welt. "Willst du die ganze Story hören?" "Natürlich", bestätige ich sie und augenblicklich beginnt sie wie ein Wasserfall zu erzählen. Sie spricht davon, wie sie in Westport im County Mayo angekommen ist mit nichts mehr als einem Rucksack auf dem Rücken und einausend Euro auf ihrem Konto. Wie sie ein paar Wochen dort gejobbt hat und dann weitergereist ist nach Galway. Wie sie dort Freunde gefunden und zusammen mit ihnen ein Auto gekauft hat, um die Westküste hochzufahren bis nach Donegal, wo sie sich trennten, als einer von ihnen beschloss, zu heiraten. Das muss man sich mal vorstellen: Der junge Mann ging nach Irland ohne einen Plan, fand dort die Liebe seines Lebens und beschloss, dort zu bleiben. Chloe zeigt mir Fotos von dem glücklichen Paar auf ihrem Handy. Sie zeigt mir auch Fotos von Landschaften, von alten Burgen und verwegenen Wanderpfaden, von sich und ihren Freunden, betrunken lachend in Pubs oder Clubs oder mitten im Nichts auf einer Landstraße an der Küste auf der Motorhaube ihres alten rostigen Chevrolet sitzend und Burger essend. Sie erzählt mir auch davon, wie sie einmal pleite war und mehrere Nächte bei komplett fremden Menschen wohnte, bis sie einen neuen Job fand, der ihr Kost und Logie bot. Und ganz am Schluss ihres Berichts erwähnt sie den Namen Candy und erzählt, wie sie mit ihr die letzten acht Monate lang zusammen wohnte bis sie beschloss, eine Woche mit uns in London zu verbringen.

Noch ehe ich nachhaken kann, klingelt auf einmal ihr Handy. Mit einem Blick auf ihr Display stellen wir fest, dass es Punkt zweiundzwanzig Uhr ist. "Das ist Candy, meine Freundin", erklärt sie und entschuldigt sich lächelnd, um auf dem Flur zu telefonieren. Als sie das Gespräch annimmt, höre ich das liebevolle "Hi, Baby" gerade noch so, ehe die Tür hinter ihr ins Schloss fällt.

Und obwohl ich ihr vorhin noch brühwarm von meinem eigenen Freund erzählte, ohne auch nur darüber nachzudenken, beginnt irgendetwas in mir minimal zu schmerzen, als mir klar wird, wer Candy ist. Wie ein kleiner eingeklemmter Nerv oder ein Mückenstich macht sich das Gefühl in mir bemerkbar und ich kann mir beim besten Willen nicht erklären, warum.

D E L I R I U MWo Geschichten leben. Entdecke jetzt