K a p i t e l 2

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Es ist das verrückteste, das ich seit langem gefühlt habe. Ich kann nicht mal wirklich sagen, was ich empfinde. Schreck, Schmerz, Wehmut, Wiedersehensfreude? Ich weiß es nicht. Vermutlich ist es alles auf einmal.

Ich kann meine Augen nicht von Chloe abwenden, während Paul auf sie zuläuft und ihr die Schlüssel abnimmt, sie sich munter unterhalten und sich dabei duzen, als wäre es das normalste der Welt. Wie kann es sein, dass ich davon nichts wusste?

Das erste, was mir auffällt, ist, dass sie ihre Haare abgeschnitten hat. Früher hingen sie sanft gewellt bis unter ihre Brust, nun liegen sie gerade noch auf ihren Schultern auf, was sie irgendwie älter und reifer wirken lässt. Außerdem ist die ehemals satte, dunkelbraune Farbe ein wenig ausgeblichen. Ich schließe daraus, dass sie sich viel an der salzigen Seeluft aufgehalten hat. Sie sieht wirklich gut aus in dem leichten, schwarzen Jumpsuit, der ihre olivfarbene Haut zur Geltung bringt. Als Paul ihr Gespräch beendet und auf mich zeigt, blickt sie auf und ich sehe ihre hellgrauen Augen im Sonnenlicht aufleuchten. Sie geht mit sicheren Schritten auf mich zu, ein Lächeln auf ihrem dezent geschminkten Gesicht, das sehr viel ausgeruhter und wacher aussieht als mein eigenes, und streckt mir ihre Hand entgegen.

"Maria." Nur ein Wort, mehr nicht, doch es reicht vollkommen. Ich habe den Klang ihrer Stimme vergessen gehabt, aber er wird mir augenblicklich wieder ins Gedächtnis gerufen. Ihre leicht tiefe, klare Stimme. Es liegt ein Ton darin, den ich nicht deuten kann. Sie wirkt nicht wirklich überfordert mit der Situation, so wie ich, eher ein wenig wehmütig. Die Art und Weise, wie sie meinen Namen ausspricht, lässt mich glauben, dass sie ihn nie vergessen hat. Sie lächelt und ich sehe Ehrlichkeit darin. Ich glaube, sie freut sich wirklich, mich zu sehen. Ich hebe meine Hand, um ihre zu nehmen und ihren sanften Händedruck zu erwidern, doch mit einem leichten Kopfschütteln zieht sie mich an meinem Unterarm in eine kurze Umarmung und wirft mich damit komplett aus der Bahn. Ich bin zu verwirrt und muss mich sehr zusammenreißen, um mir nichts anmerken zu lassen. Ihre Arme fühlen sich befremdlich an nach der langen Zeit, und gleichzeitig so vertraut. "Hallo Chloe", bringe ich über meine Lippen, als wir uns voneinander gelöst haben. "Das kam jetzt unerwartet." Diese Floskel ist nicht einmal gelogen und beschreibt meinen aktuelle Gemütslage ziemlich perfekt.

Und da ist es, ihr Schmunzeln, das kleine Grinsen, verbunden mit dem Blitzen ihrer Augen, das sie so ausmacht. "Ich weiß", antwortet sie auf eine geheimnisvolle Art und Weise, dann kann sie nichts mehr sagen, denn sie wird von hinten angesprungen und dreht sich um, um ihre Schwester in ihre Arme zu schließen. Ich kann nicht anders, als zu lächeln, während ich das Szenario vor mir betrachte. Mir wird klar, dass Patricia ihre Schwester, genau wie ich, seit zwei Jahren nicht mehr persönlich gesehen hat, außer vielleicht für einen kurzen Besuch, schließlich lebt Chloe mittlerweile, soweit ich weiß, in Irland. Ich sehe, wie meine Schülerin verstohlen gegen den Nacken der Älteren schnieft und Chloe sie leise dafür rügt. Noch immer ist sie die, die niemals weint. Doch ich weiß, wie viel ihre Schwester ihr bedeutet und wie glücklich sie sein muss, sie wieder zu sehen. "Ich lasse mir doch deinen achtzehnten Geburtstag nicht entgehen", grinst Chloe. Ich erinnere mich daran, dass Patricia in drei Tagen, am ersten Juni, noch während der Klassenfahrt achtzehn Jahre alt wird. "Das will ich dir auch geraten haben", stößt sie hervor und löst sich endlich von ihrer Schwester. Patricias Freunde und andere Schüler begrüßen Chloe sehr vertraut, schließlich kennen die meisten sie mindestens vom Sehen, da sie vor zwei Jahren noch auf dieselbe Schule gingen. Auch Johannes macht sich bekannt und endlich beschließen wir, reinzugehen. Ich brauche ganz dringend etwas Ruhe, um meine Gedanken zu ordnen. Paul übernimmt das Verteilen der Schlüssel und augenblicklich wird mir bewusst, dass es mit dem Ordnen meiner Gedanken wohl nichts werden wird. Wir haben fünf Fünferzimmer für die Schüler gebucht und jeweils zwei Doppelzimmer für die Begleitpersonen. Chloe und ich werden uns ein Zimmer teilen müssen.

Mit einem leisen Flattern im Magen stehe ich hinter Chloe in unserer neuen Behausung und werfe einen Blick auf das Doppelbett, das in der Mitte des Raumes steht und für meinen Geschmack ziemlich klein aussieht. "Das wird kuschelig", stellt auch Chloe fest und dreht sich zu mir um. Beim Anblick meines überforderten Gesichtdausdrucks muss sie lachen. "Du siehst aus wie eine Kuh wenn es donnert", lässt sie mich wissen. Ich schüttle langsam meinen Kopf. "Kann ich dich mal was fragen?" "Immer", antwortet sie und das ist eine so typische Chloe-Antwort, dass mir ganz warm wird. "Wusstest du, dass ich die Fahrt leite?" "Du meinst, ob ich wusste, dass wir uns wiedersehen werden, wenn ich Begleiterin werde?", fragt sie nach und ich nicke. Nach einem kurzen Zögern lächelt sie schließlich und nickt. "Patricia hat es mich wissen lassen. Es ist unfair, ich gebe es zu. Ich hatte monatelang Zeit, mich darauf vorzubereiten, und du stehst jetzt hier vor vollendeten Tatsachen und ich mache mich auch noch über dich lustig." "Was du nicht sagst", murmle ich und lasse mich auf die Matratze fallen. Chloe setzt sich neben mich und sieht mich vorsichtig an. "Wir hatten seit zwei Jahren keinen Kontakt mehr, aber wir hassen uns doch nicht. Ich habe mich darauf gefreut, dich zu sehen. Ich freue mich, dich zu sehen."

Zögernd erwidere ich ihren Blick. Es stimmt, nachdem Chloe abreiste, haben wir nicht mehr telefoniert oder geschrieben und den sporadischen Kontakt über Facebook oder andere soziale Medien würde ich nicht unbedingt als solchen bezeichnen. Wir dachten, dass es besser wäre, den Abstand vollständig durchzuziehen, um über die ganze Sache hinweg zu kommen. Wir haben uns nicht im Bösen getrennt, sondern in dem Glauben, dass wir eine gute, abenteuerliche Zeit hatten und diese nun gehen lassen müssen. Immer waren wir uns einig und im Klaren darüber, doch damit, dass unsere Wege sich noch einmal kreuzen, habe ich einfach nicht gerechnet.

"Ich freue mich auch, dich zu sehen", antworte ich schließlich leise und nehme ihr Lächeln mit einem wohligen Gefühl auf. "Wenn es nur nicht so unerwartet gekommen wäre. Ich hatte doch keine Ahnung." Am liebsten hätte ich sie gefragt, wie es ihr so geht, was sie macht, ob sie arbeitet oder studiert, wo sie wohnt und so weiter, doch ich komme nicht dazu. Paul klopft an die Tür und ruft gemeinsam mit Johannes die allgemeine Lagebesprechung ein.

Erst am Ende des Tages, nach dem Abendessen, soll ich endlich die Zeit haben, mich vernünftig und in Ruhe mit Chloe zu unterhalten.

D E L I R I U MWo Geschichten leben. Entdecke jetzt