K a p i t e l 1

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"Was soll das heißen, kaputt?" Entnervt fahre ich mit beiden Händen über mein Gesicht.

"Kaputt ebend'. Funktioniert nicht." Wenn ich ehrlich bin, habe ich den Namen des Busfahrers, der aktuell für mein Nervenflattern verantwortlich ist, schon wieder vergessen. Wenn du mit fünfundzwanzig nachpubertierenden Halberwachsenen für eine Woche nach London fahren sollst und nicht alles glatt geht, liegen deine Nerven schnell blank. Ich leite zum ersten Mal eine Klassenfahrt ins Ausland und schaffe es tatsächlich, zu versagen, noch bevor wir überhaupt losgefahren sind.

"Wir haben einen Ersatzbus geschickt", versucht der Fahrer, mich zu beruhigen. "Schön!" Meine Antwort klingt mehr nach einem Fauchen, als ich es beabsichtigt habe. Ich murmle ein rasches "Entschuldigen Sie." und verlasse dann fluchtartig den Bus, der wie ein großes gelbes Insekt leise brummend am Parkplatzrand steht. Dass er brummt, aber nicht losfährt, ist eine stumpfsinnige Ironie. Mir entfährt ein gestresstes Seufzen.

"Zigarette?", bietet mir Paul Kempf an. Er ist Deutschlehrer an der Schule und die Zweitbegleitung dieser Fahrt. Sein mittzwanzigjähriger Sohn Johannes ist ebenfalls mit von der Partie, da es verpflichtend ist, zwei Lehrer jeden Geschlechts sowie jeweils eine jüngere und neutrale Begleitperson mitzuführen. Wer meine Assistentin sein wird, weiß ich noch nicht. "Sie wird erst in London zu uns stoßen", hat Paul gemeint. Um ehrlich zu sein, wäre mir im Augenblick jeder recht, der mir ein wenig von der Verantwortung abnehmen könnte, ohne mich permanent mit Zigaretten zu nerven.

"Du weißt doch, dass ich nicht rauche", lehne ich resigniert ab. Paul zuckt die Schultern. "Solltest du mal probieren. Hilft gegen den Stress." Mit diesen Worten steckt er sich die Zigarette selbst an und nimmt einen genüsslichen Zug. Ich grinse ihn schief an. Er ist ein lieber Kerl und cool drauf, sehr beliebt bei den Schülern. Ich habe ihn wirklich gern, allerdings ist seine spezielle Art von Humor manchmal etwas befremdlich für mich.

"Frau Ruben?", spricht mich eine leise, raue Stimme von hinten an. Ich drehe mich zu einer meiner Schülerinnen um. "Was gibt's, Patricia?" Sie linst neugierig um mich herum in den Bus, als erwarte sie, dort ein Feuer, eine Heuschreckeninvasion oder etwas ähnliches zu erspähen, das für unsere Wartezeit verantwortlich ist. Als sie feststellt, dass nichts zu sehen ist außer dem Busfahrer, der sie grimmig anstiert, wendet sie sich wieder gegen mich mit der Frage: "Wann geht's endlich los?" "Ich wünschte, ich wüsste es", gebe ich ehrlich zu. Sie grinst verhalten. "Die anderen nerven langsam." Sie fährt mit ihren Händen durch ihre dunkelblonden Haare, die ihr bis zur Hüfte reichen, und deutet vage nach hinten zu ihren Mitschülern. "Kommen Sie mit", seufze ich und marschiere hinüber zu den Schülern, die auf ihren Koffern und Taschen hocken und entweder mit Kopfhörern in ihren Ohren gelangweilt ins Nichts starren oder aber langsam aber sicher anfangen, ihre Agressionen untereinander auszuleben. "Ey, Tilo!", rufe ich und halte den Siebzehnjährigen somit davon ab, seinem Kumpel Malte eins überzuziehen. "Entspannen Sie sich, Leute. Der Ersatzbus müsste jeden Moment da sein. So lange werden Sie es noch aushalten." Im selben Moment springen alle auf und fangen an zu jubeln. Als ich mich umdrehe und sehe, wie ein zweites der großen gelben Vehikel, die ich zurzeit gerne verfluchen würde, auf den Parkplatz rollt, hätte ich am liebsten mitgejubelt.

Bus fahren ist wirklich anstrengend. Während die Schüler vor Aufregung stundenlang durcheinander (und lauthals durch den gesamten Bus hindurch) quasseln, über eine Bluetooth-Box Musik laufen lassen und ausgelassen zu dieser mitrappen, schlummert in mir nicht die Vorfreude auf eine Woche Klassenfahrt, sondern Nervosität. Ich habe die gesamten sieben Tage von vorne bis hinten durchgeplant, in meinem Rucksack steckt eine dicke Mappe voller Listen, Unterlagen und Notfallplänen und ich habe Paul an meiner Seite, der genau weiß, wie eine Klassenfahrt funktioniert. Dennoch habe ich Angst, dass etwas Unvorhergesehenes passiert. Ich darf nicht versagen. Wenig hilfreich ist es, dass Paul nicht vorne neben mir sitzt, sondern es sich gemeinsam mit seinem Sohn ein paar Sitze weiter entfernt bequem gemacht hat. Somit bleibe ich mit meinen Nerven allein. Um dagegen anzugehen, hole ich mein Handy und meine Kopfhörer heraus und versuche, mich zu entspannen.

Es wird mir verwehrt, als Patricia auf einmal neben mir auftaucht und mich zu Tode erschreckt. "Sorry", entschuldigt sie sich. Sie grinst dabei. Ich muss ebenfalls grinsen, was an ihr liegt. Ihre sehr spitze Zunge und das schelmische Schmunzeln in ihrem Mundwinkel erinnern mich manchmal allzu sehr an eine bestimmte Person. Ihre Schwester Chloe. Meine Exfreundin Chloe. Das Mädchen, das vor zwei Jahren meine gesamte Welt auf den Kopf stellte und dann ging. Das Mädchen, über das ich immer wieder hinweg bin bis zu dem Augenblick, in dem mich irgendetwas oder irgendjemand an sie erinnert, so wie ihre jüngere Schwester Patricia es tut, jedes Mal, wenn sie in meinem Unterricht einen Spruch reißt oder, so wie jetzt, voller Ironie grinsend vor mir steht.

"Ich wollte nur nachfragen, wann wir ankommen werden." "Wenn wir die Fähre trotz der Verspätung von dem Bus bekommen, was ich stark hoffe, weil wir sonst nämlich in Frankreich am Anleger sitzen bleiben, sollte es so gegen neun Uhr morgens sein", antworte ich nach kurzem Überlegen. Mit einem kurzen Nicken ist Patricia wieder verschwunden und lässt mich mit meinen Gedanken allein.

Um ein Uhr nachts befahren wir die Fähre, die uns von Calais, Frankreich nach Brighton in England bringt. Erst als wir das Festland erreichen, übermannt die Schüler die Müdigkeit und im Bus kehrt Ruhe ein. Auch ich schlafe ein und werde erst wieder wach, als wir die letzte Pause vor unserem Ziel einlegen. An einer kleinen Raststätte irgendwo kurz vor Mitcham gibt der Fahrer die Möglichkeit, zu pinkeln, sich frisch zu machen und eine Kleinigkeit zu essen. Wie gerädert klettere ich aus dem Bus und atme tief die frische, milde Luft ein. Paul Kempf steht an die offene Bustür gelehnt und raucht eine Zigaratte. Die Schüler sind längst in alle Himmelsrichtungen verstreut und ich beschließe, die Waschräume aufzusuchen und mir danach einen Kaffee zu holen. Auf der Toilette spritze ich mir kaltes Wasser ins Gesicht und spüle meinen Mund aus. Mit einem Blick in den Spiegel versuche ich, meine Augen scharf zu stellen. Ich bin selten so müde gewesen. Es haben sich dunkelgraue Tränensäcke gebildet, meine Hautfarbe gleicht der der Wand neben mir, weiß mit einem Stich ins Hellgrün, und meine Haare sehen wirr und matt aus. Eigentlich bin ich sehr stolz auf meine kupferroten Korkenzieherlocken, an denen mich jedermann erkennt, doch an Tagen wie heute erinnern sie mich eher an ein Vogelnest. Mit einem Seufzen binde ich sie flüchtig im Nacken zusammen und mache mich dann auf den Weg zum Kaffeeautomaten. Normalerweise bin ich überhaupt keine Kaffeetrinkerin, aber die Umstände erfordern es. Das starke Gebräu macht mich wacher, sodass ich fit bin, als wir eine knappe Dreiviertelstunde später endlich unser Hotel mitten im Zentrum Londons erreichen. Augenblicklich erwacht auch meine Nervosität wieder zum Leben. Ich manage es, die Schüler aussteigen zu lassen, das Ausladen des Gepäcks zu überwachen und den Fahrer zu verabschieden, der den Bus parken und später wiederkommen wird, wenn der erste Ausflug ansteht. Dann mache ich mich auf den Weg, um einzuchecken und die Schlüssel zu besorgen.

"Maria, warte mal!", ruft mir Paul hinterher. "Wir können gleich reingehen. Chloe hat die Schlüssel schon geholt." "Chloe?", frage ich irritiert nach. "Die zweite Begleiterin", fügt Paul hinzu, doch es ist keine Erklärung mehr nötig, denn im selben Augenblick sehe ich sie aus der Lobby hinaus auf den Gehsteig treten und mit einer Hand voll Zimmerschlüssel winken.

D E L I R I U MWo Geschichten leben. Entdecke jetzt