#12

795 71 16

„Bist du dir sicher, dass du keinen willst?", fragte Ivan. Der Russe war etwas kleiner als Jason und etwas älter als er. Sein aschblondes Haar war an vielen Stellen schon von einem hellen Grau durchzogen, ebenso wie der Dreitagebart. Um seine stahlgrauen Augen hatten sich bereits einige Fältchen gebildet. Sicherlich nicht zuletzt weil er ständig eine Zigratte im Mundwinkel hängen hatte. Doch alle Versuche ihm das Qualmen auszureden endeten in mürrischem Gemurmel und dem Satz „Wenn Ihr mich nicht so nerven würdet, müsste ich gar nicht so viel Rauchen."

Er stand an der Küchenzeile in seiner Doppelhaushälfte in Offenbach am Main, direkt neben Frankfurt gelegen, während Jason an dem Küchentisch saß.

„Ja, ich will wirklich nicht. Beim nächsten Mal wieder. Ich muss zwar kein Auto mehr fahren aber da ich heute Nachtschicht im Studio hab, sollte ich nicht unbedingt angeheitert an der Arbeit erscheinen." 

Ivan verzog die Lippen leicht und schenkte ihm statt Wodka ein Glas Wasser ein. Er selbst trank dann auch nichts. Der Russe trank gerne einen in Gesellschaft, doch alleine während sein Gast sich in Abstinenz übte, wollte er wohl auch nicht. Auch, wenn es Jason manchmal schwer fiel die russische Gastfreundschaft auszuschlagen.

„Wir müssen mal wieder zusammen Laufen gehen", stellte Ivan fest und Jason schmunzelte etwas in sich hinein.

 „Wenn du alter Mann dabei keinen Herzinfarkt kriegst", neckte er seinen Freund, der dafür nur ein verächtliches Schnauben übrig hatte.

„Vielleicht melde ich mich auch in dem Fitnessstudio an, in dem du jetzt arbeitest. Dann kann ich dich 24 Stunden am Tag nerven."

„Kann mir nichts besseres Vorstellen", Jason rollte gespielt die Augen. Obwohl sie sich seit Jasons Band nur noch relativ selten trafen, fühlte es sich nie fremd an, wenn sie sich sahen. Egal wie lange man sich nicht mehr gesehen hat, bei einer guten Freundschaft fühlte es sich immer an wie gestern.

Dennoch fiel es ihm auch hier auf, dass er seine Prioritäten viel zu lange falsch gesetzt hatte.

„Wie geht es Kate?", fragte Ivan schließlich und setzte sich zu ihm an den Tisch. 

„Gut. Inzwischen. Ich habe ihr all die Jahre so viele Probleme bereitet, so viele Sorgen gemacht", Jason schüttelte den Kopf und sah über sich in die Luft. Er war so ein Idiot gewesen, „dir gegenüber auch, Ivan. Ich habe unsere Freundschaft total schleifen lassen."

Der Russe brummte und zuckte kaum merklich die Schultern. Wohl seine Art „ist schon gut" zu sagen.

„Dieser Gedanke mit der Band endlich erfolgreich zu werden hat mich so vereinnahmt und es sind auch alles super Typen. Ich glaube auch nach wie vor, dass unsere Musik echt Potential hat, aber leider braucht man auch unheimlich viel Glück, um entdeckt zu werden. Und ich denke, es gibt Wichtigeres in meinem Leben. Die Musik war jetzt lange genug Nummer eins und es hat mich doch nicht glücklich gemacht. Kate ist es, die mich glücklich macht und die es verdient hat glücklich gemacht zu werden", Jason konnte seine rührseligen Worte kaum fassen. Über solche Dinge zu singen fiel ihm viel leichter als wirklich darüber zu sprechen. Aber Ivan war selbst verheiratet, hatte Kinder und man sah ihm nach wie vor an, wie verliebt er noch in seine Ehefrau war. 

„Und was hast du jetzt vor, wie du sie glücklich machen willst?", der Russe hob eine Braue und Jason stutzte. Wie meinte er das denn?

„Naja, ich arbeite doch jetzt wieder."

„Halbtags", murrte Ivan.

„Ja, sonst hätte ich ja keine Zeit mehr für...", ...seine Band. Jason presste die Lippen kurz zusammen. Ivan war also der Meinung, dass er keine halben Sachen machen sollte. Er fand nicht, dass es reichte ein halbes Gehalt zu bekommen.

„Kate geht seit ich euch kenne Arbeiten. Sie hat nie Halbzeitstellen gehabt, sie hat eure Wohnung nahezu alleine getragen und dich durchgefüttert als du mit deiner Band unterwegs warst. Ihr wohnt immer noch in dieser Absteige irgendwo in Frankfurt, habt kein Auto, kein Kind. Nicht, dass das alles unbedingt notwendig wäre. Aber was glaubst du wie es ihr geht, wenn Sie zu ihrer Freundin fährt, die das alles schon hat, während sie damit angeben muss, dass ihr Mann endlich den Arsch dazu hoch kriegt, halbtags arbeiten zu gehen. Willst du denn nicht dass sie sich leisten kann, was sie will? Willst du nicht, dass sie endlich mal Pause machen kann und die Verantwortung für euch beide sorgen zu müssen abgeben kann? Ich weiß, dass es ein altertümlicher und auch irgendwie chauvinistischer Gedanke ist, aber sollte der Mann nicht für seine Frau sorgen? Also ich käm' mir schäbig dabei vor, wenn ich meine Familie nicht ernähren könnte und das alles auf den Schultern meiner Frau liegen würde."

Nach dieser Verbalkastration wollte Jason am liebsten die Stirn auf die Tischplatte schlagen. Es waren harte und klare Worte und Jason konnte leider nicht von der Hand weisen, dass sein Freund recht hatte. Nach all der Zeit in der er sich auf Kates Kosten ausgeruht hatte und nur seinen eigenen Träumen nachgejagt war, war er jetzt nicht mal Mann genug ganze Sachen zu machen aus Angst davor, seinen Traum von der Band ganz zu verlieren.

„Scheiße", sagte Jason.

„Mmh", stimmte Ivan zu.

_____

Findet ihr auch, das Jason endlich "Butter bei die Fische" machen und wieder Vollzeit Arbeiten gehen sollte? Vielleicht musste Jason diese Tatsache einfach mal von einem anderen Mann hören. Oder sollte er an seinem Traum festhalten, auch wenn es zu Lasten der Beziehung mit Kate ist?

Addicted  - Schuld und SühneLies diese Geschichte KOSTENLOS!