Starke Winde

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Mit gesenkten Brauen musterte Vaine das ungleiche Paar vor ihm. Schon seit gut einer halben Stunde saßen sie auf der morschen Parkbank – für sie schien die Welt still zu stehen. Um sie herum hasteten zahlreiche Menschen: in dicke Schichten Kleidung gewickelt, legten sie ihre Wege fast im Laufschritt zurück, doch die beiden bemerkten den Trubel um sie nicht.

Kurz ließ der stumme Beobachter seinen Blick über den Mann schweifen. Er hatte sich kaum verändert: Breit gebaut, schwarze, kurz geschorene, Haare und smaragdgrüne Augen, die das Mädchen ihm gegenüber vertraulich anfunkelten. Er hielt ihre Hände in seinen, ihr Kopf dicht an seine Schulter gelehnt und selbst über die Distanz konnte Vaine das Strahlen in ihren hellblauen Augen sehen. Auch der Dunkelhaarige lächelte selig und ihn beschlich allmählich das Gefühl, die Sache vor ihm wäre ernster als gedacht.

Langsam ließ er seinen Blick abschweifen und wandte sich gen Himmel. Seit seiner Ankunft türmten sich endlose, schwarze Wolken über dem Dorf und ein eisiger Wind jagte durch die frühsommerlichen Gassen. Den verärgerten Gesichtern der vorbei eilenden Bewohner nach zu urteilen, hatten sie die Kälte jetzt schon satt. Mitte April erwartete man sich anderes von dem Wetter: Es sollte warm und behaglich sein, stattdessen tanzten immer wieder vereinzelte Schneeflocken durch die Luft, als wollten sie die frierenden Passanten verhöhnen. Ein freudloses Lachen glitt über seine Lippen. Der Schnee, der sich langsam auf den Straßen sammelte, würde bald durch frisches Blut ersetzt und das Wetter wäre dann sehr schnell ihre geringste Sorge.

Unfreiwillig wanderten seinen Augen zurück zu dem Paar, das nach wie vor eng umschlungen auf der Parkbank saß. Sie ahnten nichts von alledem, was auf sie zu kam, hatten nur Augen füreinander und den friedvollen Moment, den sie teilten. Und Vaine würde in wenigen Sekunden derjenige sein, der ihre Illusion vom trauten Glück in Scherben schlüge. Großartig. Blieb nur zu hoffen, dass die Blonde zumindest um das Geheimnis ihres kleinen Liebhabers wusste, sonst wartete ein unsanftes Erwachen auf sie.

Langsam erhob Vaine sich von dem kleinen Steintreppchen, auf dem er dieses Gespräch nun schon viel zu lange hinausgezögert hatte. Mit leisem Grummeln klopfte er sich den Staub von der dunklen Jeans und zog seine Lederjacke fester um sich. Das Wetter konnte ihn nicht frieren lassen, aber der Gedanke an das, was dahinter steckte, ließ ihn frösteln. Betont lässig schlenderte er auf die Beiden zu und seine Ankunft verfehlte ihre Wirkung nicht.

Kaum hatte er sich ein paar Meter genähert, schnellte der Kopf des Mannes nach oben und er starrte Vaine direkt ins Gesicht. Eine Mischung aus Schrecken und Verwirrung huschten über seine Züge und er verlor keine Zeit, um auf die Füße zu springen und die Frau mit sich zu ziehen. Hastig schob er sich vor sie, als versuchte er, sie hinter seinen breiten Schultern zu verstecken, während die Blonde nur verwirrt blinzelte.

„So begeistert, mich zu sehen, Raul?" Er konnte sich das schiefe Lächeln nicht verkneifen, als er vor den Zweien zu stehen kam.

„Vaine. Was willst du hier?" Die Stimme des Dunkelhaarigen war einem Knurren nicht unähnlich und augenblicklich knisterte die Luft um sie vor Spannung. Das Mädchen indes blinzelte verwirrt über Rauls Schulter und musterte Vaine mit zunehmender Neugierde.

Er kam nicht umhin, sich zu fragen, wie viel sie von ihm wusste. Hatte Raul ihr alles erzählt? Ihr in jedem kleinen Detail erläutert, was für ein Monster er war, was er ihm Schreckliches angetan hatte und wie gefährlich es war, sich auch nur in seiner Nähe aufzuhalten?

„Wie kaltherzig. Nach so langer Zeit hätte ich mir schon etwas mehr erwartet." Vaine senkte tadelnd die Brauen und trat mit geöffneten Armen einen Schritt nach vor. „Nicht mal eine Umarmung für deinen großen Bruder?"

„Dein Bruder?" Ihr verwirrter Blick sprach Bände. Raul hatte nicht schlecht über ihn gesprochen ... er hatte ihn gleich tot geschwiegen. Vaine versuchte, sich den kurzen Stich in seiner Brust nicht anmerken zu lassen und wandte sich eilig dem Mädchen zu. Wider jeglicher Vernunft wirkte sie nicht eingeschüchtert. Sie stand aufrecht, blickte ihm offen ins Gesicht und ihr Blick zeigte keine Furcht. Sie hatte Schneid, das musste man ihr lassen.

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