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Mit noch immer zitternden Fingern, öffnete Kate die Tür zu ihrer Wohnung, schloss sie hinter sich und lief wie ferngesteuert durch den kleinen Flur zum Wohnzimmer. Dort hoffte sie, Jason zu finden, der seinen freien Abend auf dem Sofa damit verbrachte, auf sie zu warten.

„Kate? Kate, Schatz, was ist passiert?", fragte der Ex-Soldat sofort, als er ihren Zustand sah und sprang vom Sofa auf. Er lief auf seine Frau zu, fasste sie an den Oberarmen und sah ihr fragend und gleichsam sorgenvoll ins Gesicht. Kate stand wie paralysiert vor ihm und starrte nur gegen seine breite Brust. Die Bilder von Josh, wie er dagelegen und sich nicht mehr gerührt hatte, wie die Sanitäter ihn versorgt und mitgenommen hatten, spielten sich immer wieder wie in einer Endlosschleife vor ihrem inneren Auge ab.

„Kate, bitte sprich mit mir! Was ist passiert? Geht es dir gut?", versuchte Jason weiter, Kate irgendeine Reaktion zu entlocken. Erst als er leicht an ihr zu rütteln begann, blinzelte sie, sodass sich zwei einzelne Tränen aus ihren Augenwinkeln lösten und sie den Blick hinauf in sein Gesicht richtete.

„Josh, er...er, es war eine Überdosis. Ich konnte ihm nicht helfen. Ich konnte einfach garnichts tun", sprach sie leise und mit gebrochener Stimme.

„Josh? Du meinst, der Dealer?", fragte er und Kate nickte.

„Mein Freund", sagte sie, wenn auch mehr zu sich selbst als zu ihrem Mann. Jason zog sie nun zu sich in die Arme, hob sie hoch und trug sie zum Sofa um sich dort mit ihr hinzusetzten. Er behielt die Arme um sie geschlossen und streichelte ihr beruhigend über die Wirbelsäule auf und ab.

„Erstmal langsam. Wieso? Hat er sich verschätzt? Ist er...er...", Jason wollte es nicht aussprechen. Obwohl er keinerlei Bezug zu Joshua hatte, wollte er nicht das eine, verhängnisvolle Wort aussprechen, vor dessen wirklichkeit man wohl am meisten Angst hatte.

Tot.

„Ich weiß es nicht. Ich weiß nicht, ob er es überlebt hat, oder ob er immer noch kämpft, es war so schlimm", antwortete Kate mit belegter, tonloser Stimme. Da ihre Tränen nun ihre Wangen wie einem Bachlauf gleich hinabrannen, lehnte sich Jason zum Tisch, um ihr ein Papiertaschentuch aus einer Box zu fischen und ihr zu reichen. Kate nahm es dankend an, wischte sich über die Wangen und die Augen und schnäuzte die Nase, erst dann sprach sie weiter. Worte, die ihr selbst beinahe das Herz brachen.

„Ich glaube, er wollte sich das Leben nehmen", offenbarte sie ihre Befürchtung, was Jason dazu veranlasste, die Stirn in Falten zu legen und sie nun fragend anzublicken. Seine Finger glitten von ihrem Rücken, seitlich über ihre Arme nach vorn und herunter zu ihren Händen, welche er beistehend festhielt.

„Aber, warum? Und was hat er genommen? Hast du eine Vermutung? Oder glaubst du, dass dieser Arsch von Anwalt etwas damit zu tun hat? Schließlich hat er ihm ja dazwischen gefunkt, als er dich entführen wollte", brummte er nur noch den Rest seiner Worte. Das er von alledem nichts gewusst hatte und sich seine Frau in so großer Gefahr befunden hatte, passte ihm nicht. Doch gleichzeitig war er auch erleichtert darüber, jetzt über allem im Bilde zu sein und ihr zukünftig helfen zu können. Ihr auch jetzt schon helfen zu können, indem er für sie da war.

„Heroin", wisperte sie und ihre kalten, schwitzigen Hände klammerten sich fest um die großen, warmen Finger ihres Mannes, „er hatte mir erzählt, das er es früher genommen hat, aber schon lange nicht mehr tut, weil er nicht kaputt gehen wollte. Er ist ein Profi, Jason. Er weiß immer genau, was er tut, wie viel er nehmen kann. Er verkauft es, es ist...", die folgenden Worte waren zugleich eine schmerzliche Erkenntnis, „...sein Leben", hauchte sie und weitere Tränen kullerten ihr Gesicht herab, als sie die Augen zusammenkniff. Jason streichelte beistehend mit seinen Daumen über ihren Handrücken und schwieg.

Was sollte er sagen? Er selbst hatte keinen Bezug zu Josh, außer das, was sie ihm erzählt hatte. Das er ihr Drogen gegeben und sie abhängig gemacht hatte. Das er sie absichtlich zu diesem Psychopaten von McIntire gebracht hatte. Das er Drogen und Frauen verkaufte. Abgesehen von der Tatsache, dass ihn am Ende doch so etwas wie ein schlechtes Gewissen gepackt haben musste, dass er Kate am Flughafen gerettet hatte, war dieser Joshua kein Mensch, dem man großartige Tränen hinterherweinen musste. Er verdiente sein Geld damit, Menschen in einen Abgrund zu stürzen. Er zerstörte Leben, Familien, verkaufte junge Frauen wie Vieh. Was hatte dieser Mann an sich, das Kate so bittere Tränen um ihn weinte?

„Wir können jetzt nur warten, Schatz", begann er und wusste nicht, was er tröstendes zu ihr sagen sollte. Wenn das Leben des Zuhälters gerade auf der Kippe stand, konnte man nichts anders tun, als zu warten, in welche Richtung es letztendlich fallen würde.

„Wollen wir so lange auf dem Sofa kuscheln und ich kraule dich so lange, bis der Fernseher dich in den Schlaf gedudelt hat?", fragte er, hauchte ihr einen sachten Kuss auf die Wange, ehe er sich aufrichtete, „ich hol dir deinen Schlafanzug, bleib ruhig hier sitzen. Möchtest du noch etwas trinken, oder etwas Süßes essen für die Nerven?", fragte er und versuchte einen halbwegs aufmunternden Gesichtsausdruck zu Tage zu legen, doch Kate sah nicht einmal zu ihm hinauf. Sie zog sich selbst ein weiteres Taschentuch aus der Box und schüttelte den Kopf.

„Mir ist furchtbar Elend. Ich will nichts essen", antwortete sie, als sie sich die nächste Welle an Tränen wegwischte und verwundert darüber war, das noch immer schwarzer Maskara an dem Papier klebte. Sollte man doch glauben, dass sie bereits alles an Schminke weggeheult haben musste.

„Okay, ich hol deinen Schlafanzug. Es wird alles gut, mein Schatz. Bestimmt!", versuchte er noch einmal, irgendwelche aufmunternde Worte zu finden, ehe er sich von seiner Frau abwandte und das Wohnzimmer Richtung Flur verließ.

Kate starrte nun auf das durchnässte und teils schwarz verschmierte Papiertaschentuch in ihren Händen. Sie wurde dieses Bild in ihrem Kopf einfach nicht los. Dieses Bild und die Gefühle, die sie dabei empfunden hatte. Angst und Hilflosigkeit. Sie war einmal mehr vollkommen machtlos gewesen. Langsam hob sie die rechte Hand an und führte sie zu ihrem Hals, fuhr mit den Fingerspitzen die dünne Kette entlang, bis zu dem kleinen Anhänger in Form einer Blume, der sich daran befand. Sie fasste ihn vorsichtig mit Daumen und Zeigefinger und führte ihn zu ihren Lippen, drückte ihn einfach sachte dagegen.

„Bitte Josh. Du musst es schaffen. Denk an deine Familie, deine Kinder. Bitte denke auch an mich", sie presste die Lippen zu einem schmalen Strich zusammen, als die salzigen Tropfen an ihren Mundwinkeln herab kullerten, „verlass mich nicht."

Wenige Augenblicke später, kehrte Jason zurück und reichte ihr ihren Schlafanzug. Sie hatte es gerade geschafft, ihren Arm durch einen Ärmel zu fädeln, als ihr Handy mit einem Vibrieren und einem kurzen Piepton auf sich aufmerksam machte. Ohne ihr Werk zuende zu bringen, nahm sie ihr Telefon und starrte mit roten, geweiteten Augen auf die Nachricht, die auf dem Display aufleuchtete.

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Wer schreibt ihr? Gibt diese Nachricht vielleicht Auskunft über den Verbleib von Josh? Oder ist es etwas ganz anderes...?

Tut uns leid dass das Update jetzt so lange gedauert hatte. Aber nun ist es da! Eine schöne Woche euch allen!

Addicted  - Schuld und SühneLies diese Geschichte KOSTENLOS!