Ein neuer Anfang

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Noah saß vor seinem Medizinlehrbuch und blätterte. Er blätterte sinnlos darin herum, denn es fehlte ihm die Konzentration, richtig zu lesen. Neben dem Buch stand ein Becher Kaffee, den er nicht angerührt hatte und dahinter lag ein Umschlag. Der Brief, der sich da drin befand, war der Abschiedsbrief. Es war die offizielle Version, nicht die echte.

Mein lieber Joshua, verzeih mir. Es ist dunkel um mich herum, schon lange, und ich sehe kein Licht in der Ferne. Der Verlust unserer Eltern liegt noch immer schmerzhaft auf meiner Brust und die Alpträume, die mich verfolgen, scheine ich nie wieder los werden zu können. Ich muss endlich einen Weg finden, Frieden zu erlangen und ich weiß, nur ER kann mich freisprechen. Es gibt keinen anderen Weg. Genau wie unsere Eltern werde ich in den Flammen sterben und danach werde ich nicht nur mich, sondern auch euch befreit haben. Ich habe keine Angst. Trauer nicht um mich, denn es ist für alle das Beste. Ich liebe dich und wünschte, ich könnte dich mit mir nehmen, aber es geht nicht. Das weißt du besser als ich.

Noah

Er hatte den Brief sicher hunderte Male gelesen. Er hatte ihn nicht geschrieben. Und doch dachte man, dass er es gewesen war, der in dem Feuer umgekommen sei. Man hatte ja nur eine vom Feuer zerstörte Leiche gefunden, ein paar Zähne vielleicht, das machte nichts. Joshuas Freundin war die Tochter ihrer Zahnärztin, die sie schon als Kinder behandelt hatte. Es war einfach, viel zu einfach. Jetzt saß er hier, in seinem WG-Zimmer in Salzburg und studierte Medizin. Seit zwei Monaten schon. Jedes Mal, wenn jemand seinen Ausweis sehen wollte, bekam er Herzrasen, versuchte sich aber nichts anmerken zu lassen. Er war noch nicht aufgefallen. Sie glaubten ihm, dass er Adrian Fischer, 21 Jahre, geboren in 27607 Geestland bei Bremerhaven sei. Es war eine perfekte Fälschung.

Aber die Angst war sein ständiger Begleiter. Er hatte Angst davor, entdeckt zu werden. Angst, dass jemand erkennen würde, dass nicht er, sondern sein Zwillingsbruder Joshua in dem Feuer umgekommen war. Angst, verfolgt zu werden. Noch vermisste niemand Joshua. Aber die Furcht, dass es nur eine Frage der Zeit war, bis der Schwindel aufflog, hemmte ihn. Er hatte kaum mit jemandem Kontakt, aus Sorge, dass er aus Versehen eine Information zu viel raus geben könnte. Auch das Lernen fiel ihm schwer. Er war nur selten konzentriert und er dachte viel an Joshua.

Joshua war immer der ruhigere von ihnen gewesen. Sie waren eineiige Zwillinge, sahen sich so ähnlich, dass sie nie jemand auseinander halten konnte. Mit 17 Jahren brauchten sie beide eine Brille, aber Joshua störte das Gestell so sehr im Gesicht, dass er Kontaktlinsen trug und auch Noah entschied sich dafür, weil er die Brille in seinem Gesicht nicht leiden mochte. Sie waren ständig zusammen, hatten die gleichen Freunde und teilten sich auch lange ein Zimmer. Später, als sie die ersten Kurse selber wählen konnten, besuchten sie jedoch unterschiedliche Schulfächer. Joshua interessierte sich mehr für Sprachen und Literatur, während Noah Naturwissenschaften lieber mochte. Joshua wählte Religion ab und besuchte stattdessen den Philosophiekurs. Noah mochte den Religionsunterricht. Obwohl er es liebte, wissenschaftliche Erklärungen für rätselhafte Phänomene zu finden, schloss er nicht aus, dass es noch Dinge geben mochte, die sie nicht verstehen konnten. Als Kinder hatten sie beide Klavierunterricht bekommen, mit 14 Jahren begann Noah mit Bogenschießen, während Joshua anfing Geschichten zu schreiben. Joshua hatte als Kind schon mehr Fantasie gehabt, als er und die Geschichten, die er sich damals schon ausdachte, brachte er nach und nach zu Papier. Seine Bücher später verkauften sich gut. Obwohl sie durch ihre unterschiedlichen Interessen und Hobbys auch das erste Mal verschiedene Leute kennenlernten, änderte sich an ihrer Beziehung nichts weiter. Ihre besten Freunde hatten sie beide seit der Grundschule und sie verbrachten auch später noch so oft es ging gemeinsam ihre Zeit. Noah hatte sein erstes Date mit 16 Jahren und kurz darauf war er mit dem Mädchen zusammen. Joshua verliebte sich erst mit 18 Jahren. Sie kannten sich seit Kindertagen, aber nur flüchtig und erst auf einer Geburtstagsparty eines gemeinsamen Schulkameraden kamen sie mehr in Kontakt. Noah hatte sich damals sehr für Joshua gefreut, obwohl er selber wieder Single war und obwohl Joshua nach dem Abitur mit Karin nach Oxford gegangen war und sie sich dadurch nur seltener sehen konnten. Sie hatten sich beide daran gewöhnen müssen. In der ersten Woche hatte er einen Brief erhalten, in dem stand, wie sehr Joshua ihn vermisste. Knapp ein Jahr später wurde bei Joshua Leukämie diagnostiziert. Noah war sofort zu ihm gefahren und hatte drei Wochen bei ihm verbracht. Ihr Leben war lange schon nicht mehr leicht gewesen, aber das war bis dahin die schlimmste Nachricht, die Noah je erhalten hatte. Und doch hatten sie noch Hoffnung. Hoffnung, die bei Noah langsam verflog, obwohl er einen Neuanfang plante.

Joshua hatte weiter geschrieben und seine Bücher wurden bekannt und beliebt. Noah war unglaublich stolz auf ihn gewesen, für sein Talent, sein Durchhaltevermögen und die Kunst, trotz allem, immer ruhig und glücklich zu bleiben. Er kannte Joshua nicht ohne sein ehrliches, liebevolles Lächeln. Er hätte sich für Joshua eine Familie gewünscht, Joshua war ein aufrichtiger Mensch und konnte gut mit Kindern. Als ihre 3 Jahre jüngere Schwester geboren wurde, hatte sich Joshua mehr gefreut, als Noah, obwohl sie später mehr an ihm hing, als an seinem Bruder. Noah hatte Joshua mehr geliebt als jeden anderen und mehr als sich selbst. Und Joshua hatte für Noah genauso empfunden.

Das Klopfen an seiner Tür riss ihn jäh aus den Gedanken. Noah erschrak und rief dann: „Ja, bitte? Was ist?" Seine Mitbewohnerin Gini kam herein und lächelte entschuldigend. „Ich wollte dich nicht stören.", sagte sie. „Aber hast du vielleicht Lust heute Abend mit ins Kino zu kommen? Wir wollen ES schauen." Noah brauchte nicht lang zu überlegen, um abzulehnen. „Das ist nicht meine Art Film.", sagte er schnell und das entsprach der Wahrheit. Aber selbst wenn es ein Film gewesen wäre, der ihn eigentlich interessiert hätte, wäre er nicht mitgekommen, denn er versuchte immer noch nicht zu engen Kontakt zu Gini zu haben. In eine WG hatte er eigentlich gar nicht gewollt. Gini verließ sein Zimmer wieder und er versuchte sich erneut auf sein Medizinbuch zu konzentrieren. Zwei Stunden später gab er endlich auf. Er spürte, dass es heute nicht möglich war und warf sich entmutigt aufs Bett. Eine halbe Stunde lag er mit geschlossenen Augen da ohne sich zu regen. Aber da er auch nicht einschlafen konnte, stand er alsbald wieder auf und ging an die frische Luft. Er ging häufig lange spazieren, es war die einzige Möglichkeit alleine draußen zu sein, ohne dass er sich beobachtet fühlte. Er lief lange an der Salzach entlang. Es war schon dunkel, aber ihm kamen immer noch Fahrradfahrer und Fußgänger entgegen. Studierende vielleicht, die aus der letzten Vorlesung kamen, Jugendliche, die ausgingen, ein paar Jogger. Er ging immer den gleichen Weg und lernte jeden Flecken auf dieser Strecke kennen. Es gab ihm ein Gefühl von Sicherheit, wenn auch nur schwach, aber für ihn bedeutend. Als er wieder nach Hause kam, war Gini noch nicht wieder da. Er war gerne alleine, aber es hatte auch immer ein unheimliches Gefühl, wenn er zurück in eine dunkle, leere und stille Wohnung kam. Nachdem er in jedem Raum nachgesehen hatte, ob jemand da war, ging er in sein Zimmer und schloss von innen ab. Die Wohnungstür schloss er nur ab, wenn er wusste, dass Gini mehrere Tage nicht zurück kam. Es erschien ihm paranoid, wenn er darüber nachdachte und er hätte es ihr nicht erklären können.

Unschlüssig stand er eine Weile mitten im Raum. Er überlegte, ob er schon zu Bett gehen sollte, doch sein Bruder war zu präsent in seinen Gedanken und hielt ihn wach. Ein altes Foto von ihnen lag unter seinem Kopfkissen. Er zog es hervor und betrachtete es eine Weile. Sie sahen fröhlich darauf aus, es war an ihrem 16. Geburtstag aufgenommen worden. Noah betrachtete Joshua und er betrachtete sich selbst. Die dunkelblonden Haare, die Lederjacke, das ausgelassene Lachen – er sah jetzt ganz anders aus. Er hatte sich die Harre schwarz gefärbt und trug eine Brille, statt Kontaktlinsen. Die alten Klamotten hatte er lange schon entsorgt. Er grübelte viel. An die Brille hatte er sich gewöhnt, aber insgesamt war ihm sein Spiegelbild häufig noch fremd. Unter dem Bettlaken, auf der Matratze, lag ein weiterer Umschlag. Noah wollte ihn schon lange entsorgt haben, aber er hatte es noch nicht gekonnt. In dem Umschlag lag der wahre Brief von Joshua.

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