*7. Wenn ich zu wenig nachdenke*

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Das ich im Unterricht Antworten an die Tafel schrieb, hatte sich schneller herumgesprochen als ich erwartet hatte. Es war schon fast eine Woche her und ich wünschte mir nichts sehnlicher als wieder zum Bäcker zu gehen, genauso wie die Tage zuvor schon.

Aber stattdessen saß ich in der Kantine. Alleine. Kathrine war nicht da und Jay bei seinen Freunden, in deren Nähe ich mich nicht traute. Die Gespräche meiner Mitschüler rauschten an mir vorbei und ich bildete mir ein, meinen eigenen Herzschlag hören zu können. Alles schien sich in Zeitlupe zu bewegen und ich starrte fassungslos auf meine Hände die vor meinem Tablett ruhten. Mein Essen hatte ich nicht angerührt, überhaupt hatte ich das Gefühl, mich nicht mehr bewegen zu können. Ich fühlte mich eingeengt, verletzlich. Ich wollte raus, reden, schreien, tanzen und singen. Meine Muskeln spannen sich an und ich wurde das Gefühl nicht los, laufen zu müssen.

Seit Dr. Egoschwein mich in die Schule geschickt hatte, war ich komplett durcheinander. Ich wusste weder, was ich denken, noch was ich tun oder fühlen sollte. Alle sprachen miteinander, während ich erneut alleine saß. Meine Einsamkeit wurde mir in diesem Moment so schmerzlich bewusst, dass ich mit Mühe gegen aufsteigende Tränen zu kämpfen hatte. Alle sprachen miteinander, nur ich saß erneut alleine und das war mir im Moment klarer als sonst.

Nicht erneut, immer noch. Ich ging zur Schule, hatte mehr oder weniger neue Kontakte geknüpft, doch ich war noch immer alleine.

Verwirrt runzelte ich die Stirn und erhob mich von meinem Stuhl. Das Tablett ließ ich einfach auf dem Tisch liegen und ging hinaus ins Freie. Raus aus der Kantine, noch immer alleine.

Ich hatte keine Lust auf die Lehrer, keine Lust auf die Schule. Ich wollte nicht in den Unterricht, wo erneut bloß die Lehrer etwas von mir erwarteten, was ich nicht bereit war zu geben und die Schüler interessiert gafften.

Auf dem Schulhof befand sich kaum jemand, die meisten aßen um diese Zeit in der Kantine oder saßen noch im Unterricht.

»Lust auf einen Spaziergang?«, murmelte jemand dich neben meinem Ohr. Ich zuckte leicht zusammen und schloss meine Augen. Mein Herz machte einen erschrockenen Hüpfer und mit Mühe zwang ich mich dazu, wieder ruhig ein und aus zu atmen. Als sich meine Atmung beruhigt hatte, hob ich den Blick und sah Jay ins Gesicht. Er lächelte, drehte sich um und ging, ich folgte ihm. Naiv, gedankenlos. Solange er mich hinaus führte, war alles gut.

Bei Jays Ausflügen konnte ich richtig durchatmen. Ich konnte tief einatmen und für diese Minuten im Freien, fühlte ich mich normal. Jedenfalls waren das die Minuten, in denen ich dem Normalen am nächsten war. Und es tat gut, sich normal zu fühlen.

Jay schien es nie zu stören, dass ich nicht sprach. Er selbst redete genug für zwei, doch seine Gespräche kratzten nur etwas an der Oberfläche herum, seine Mutter erwähnte er nicht mehr. Kein einziges Wort über sie seit unserem zufälligen Treffen bei Dr. Egoschwein.

Was mich allerdings störte, war sein Angebot. Ich wollte wissen, was er damit gemeint hatte, ich wollte mein Verhalten von letzter Woche rückgängig machen und in Erfahrung bringen, was er mir anbieten wollte. Nach einer Woche fast täglichen Spaziergängen zum Bäcker, drehte mein Gehirn langsam komplett durch. Tief im Inneren wollte ich ihm antworten, mich mit ihm über die Schule unterhalten, mich über Dr. Houls ärgern; doch ich traute mich nicht. Was wäre, wenn er gleich darauf direkt zu meinen Eltern laufen würde? Mich verriet und die Belohnung kassierte, die meine Eltern so verzweifelt ausgestellt hatten.

Aber, was wäre, wenn ich einen Zettel schreiben würde? Im Grunde tat ich in der Schule haargenau dasselbe. An sich wäre ein Zettel also nichts neues, das tat ich schon seit Monaten mit Mrs Mourin und Miss Luzy.

Cynthia Barrow - Alle meine WünscheLies diese Geschichte KOSTENLOS!