Harry POV

Ich fuhr an dem Ortsschild von Homes Chapel vorbei und die verzweigten Straßen des kleinen Ortes entlang. Mein Kopf war benebelt und ich versuchte möglichst nicht von der Straße abzukommen. Dieser Ort war unschuldig und ruhig. Hier war der einzigste Platz, der noch einigermaßen normal war, wo die Leute einem nicht schreiend und außer sich entgegenkamen. Hier erlebte ich meine Kindheit, erledigte jedes Wochenende meinen Job, von dem ich dachte, dass ich ziemlich reich werde, in der Bäckerei. Die Einfahrt vor dem Haus war noch immer die selbe Einfahrt, wie ich sie vor drei Jahren verlassen hatte, um meine Band stärker und erfolgreicher zu machen. 

Ich entdeckte wie das Licht hinter dem Küchenfenster aufflackerte und dann schnell die Lichter im Flur angingen. Sie hatten auf mich gewartet und ich war froh, trotz meines Zustandes pünktlich gekommen zu sein. Gemmas blau-lilane Haare erschienen und sie rannte auf mich zu. Die Erleichterung stand ihr ins Gesicht geschrieben. War ich für das alles bereit? Ich wusste es nicht und so zögerte ich einen Moment bis ich ausstieg.

"Bruderherz.", lächelte sie und umarmte mich. "Ich bin so froh, dass du es gerade rechtzeitig geschafft hast."

"Hi.", murmelte ich und strich ihr über das kunstvoll gefärbte Haar.

"Diesmal ist es blau-lila. Überraschung!", grinste sie und fuhr sich durch die Haare.

"Ja... Es steht dir... Man muss auch experimentierfreudig sein, nicht wahr?", sagte ich überlegend und sie bockste mir spielerisch in die Seite.

"Ist was? Du siehst so müde aus.", fragte sie etwas verwirrt.

"Ach, es ist nichts.", log ich. "Ich bin nur ziemlich depressiv.", fügte ich in meinen Gedanken hinzu.

"Komm rein, sonst dreht Mum noch völlig am Rad.", forderte sie und ich nickte.

Alles war wie früher: Die Blumentöpfe vor dem Haus standen unverändert dort, die alte Fußmatte mit der Aufschrift "Styles" war bereit, dass sie von Leuten getreten wurde und auch die Backsteine schimmerten noch immer gegen die Leuchten, die links und rechts vom Eingang prangerten.

" Oh mein Gott, Harold!", lachte meine Mutter mit Freudentränen und sprang mir in die Arme.

Überrascht fing ich sie auf und ließ sie das machen, was Mütter nun mal machen, wenn sie ihre Kinder lange Zeit nicht mehr gesehen hatten. Sie vergrub ihr Gesicht in meinen Haaren und presste dann mein Gesicht in ihre zwei weichen Handflächen.

"Es ist so lang, dass du nicht hier warst, zu lang.", murmelte sie traurig und ich nickte zustimmend.

"Du siehst so traurig aus, geht es dir etwa nicht gut?", fragte sie besorgt.

Das ist meine Familie. Natürlich wissen sie, wenn etwas nicht mit mir stimmt. Ich hab 16 Jahre meines Lebens mit ihnen verbracht.

"Alles bestens, war nur eine lange Fahrt.", log ich wieder. "Mein Leben ist nur die reinste Scheiße.", dachte ich.

"Komm, wir wollen essen, ich koche seit gestern wie auf Hochturen. Hauptsache du bist hier. Das zählt. Auch wenn es nicht lange sein wird.", sagte sie und ich stimmte ihr leise zu.

Sie zog mich an einen festlich gedeckten Tisch und fing an das Neuste aus dem Dorf zu erzählen. Stumm lauschte ich ihren Worten und versuchte sie nicht weiter zu unterbrechen.

"Mum, das Essen!", lachte Gemma und sie schlug sich gegen den Kopf.

"Harry, du musst doch vor Hunger sterben. Da vergisst man einer der wichtigsten Dinge am Abend, weil ich ununterbrochen geredet habe.", grinste sie und verschwand in die Küche.

"Sie ist ja so aufgedreht.", lächelte Gemma und fügte hinzu. "So ist sie aber schon seit Tagen."

Da kam sie auch schon und balancierte Braten, Salat und Kartoffeln auf silbernen Tabletten. Gemma rannte zu ihr, um ihr beim Tragen zu helfen und somit sah es fast so aus wie an Weihnachten. Ich schaufelte mir von jedem etwas auf den Teller. Eigentlich war ich nicht hungrig aber wie meine Schwester schon gesagt hatte: Mum hatte das seit Tagen schon geplant und vorbereitet. Ich schnitt mir ein Stück von meinem Braten ab und schaufelte es in meinen Mund.

"Harry, ich weiß, dass da was nicht stimmt. Dir geht's nicht gut.", sagte meine Mutter musternd und ich hustete heftig.

"Ehm...", war das Einzige was ich herausbekam.

"Sie erzählen soviel von dir in den Medien, dass du-", fing sie an doch ich stoppte sie in dem ich auf den Tisch klopfte.

"Du glaubst ihnen doch nicht auch noch Mum?", rief ich empört.

"Nein, natürlich nicht, Harry aber sie erzählen, dass am Ende wärst.", murmelte sie. "Stimmt das?"

Ich schaute sie fassungslos an und schüttelte langsam den Kopf.

"Ich weiß es nicht...", gab ich schließlich zu. "Mir wächst der Stress einfach immer wieder über den Kopf. Die Auftritte, der Druck, die Interviews. Das bekommen die Medien mit. Ich bin wegen ihnen total gläsern. Jeder meiner Schritte wird überwacht.  Das ist anstrengend."

Gemma nickte nur und wir begannen unser Abendessen zu uns zu nehmen. Es herrschte Spannung bei uns am Tisch, niemand wollte diese Stille brechen.

"I-Ich schaff d-das schon.", stotterte ich und faltete meine Hände.

"Gem, räum doch bitte schon mal ab.", bat meine Mutter und Gemma verschwand aus dem Zimmer, um ein weiteres Tablett fürs Geschirr zu holen.

Sie zog mich von meinem Stuhl in die geschützte Ecke des Zimmers und musterte jede meiner Reaktionen. Ich begann zu schwitzen. 

"Wirklich Mum.", log ich, denn ich wusste, dass das alles nicht mehr lange möglich sein würde.

Irgendwann würde die Wahrheit aus mir herausplatzen, ob ich wollte oder nicht. Es schnürrte wahrlich meine Kehle zu. Langsam aber immer fester.

"Weißt du Harry, du konntest noch nie lügen... Je mehr du es versucht hast, desto eher hat man dir es angesehen.", flüsterte meine Mum und legte eine Hand auf meine Wange.

Ich starrte in ihre Augen, nicht wissend, was ich sagen sollte. 

"Ich hätte dich damals nicht zu X-Factor gehen lassen sollen.", hauchte sie und ihre Stimme brach.

Eine glänzende Träne tropfte auf den Boden und sie schloss die Augen.

"Ich habe als Mutter versagt. Du bist ihnen ausgeliefert, Harry.", murmelte sie und umarmte mich.

"Nicht weinen. Das ist nicht deine Schuld. Wer hätte das alles gedacht?", beruhigte ich sie. "Ich schaff das irgendwie." 

Doch ich redete mir das eigentlich nur ein, damit ich es vielleicht nachher selbst glaubte.

"Komm, wenn du nicht mehr kannst. Wir sind hier.", weinte Mum und löste sich von mir.

"Okay.", sagte ich mit rauer Stimme, die jede Sekunde zu brechen drohte und nickte.

Meine Mum kannte mich besser als irgendjemand anderes auf der Welt. Ich konnte ihr einfach nichts verheimlichen. Leise verabschiedete ich mich, denn ich wollte nur in meinem Zimmer sein und um ehrlich zu sein, ich musste nachdenken.

<Author's Note>

Nicht vergessen zu kommentieren und zu voten :-) Am Rand finden ihr "Howto Save a Life" von "The Fray". Wer von euch liest eigentlich auch After byimaginator1d? ;) Würde mich mal interessieren :)) Eure Talisa <3

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