6 - O.M.G!

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Am nächsten Tag war ich nach der Arbeit mit Anna in der Stadt verabredet. Meinem Vater war ich seit unserem Streit nicht mehr begegnet und das war auch gut so. Er sollte sich Gedanken machen, was sein Handeln für Auswirkungen hatte. Liam war jetzt ein Teil meines Lebens, er gehörte zu mir. Uns gab es nur zu zweit oder gar nicht. Das musste auch mein alter Herr so langsam einsehen.

Obwohl der Tag im Büro heute anstrengend gewesen war, freute ich mich nun auf meine Auszeit mit Anna. Die letzten zwei Jahre hatten wir uns häufig gesehen und unsere Freundschaft war immer tiefer geworden. Jetzt war sie meine beste Freundin, mit der ich über alles reden konnte.

Die Stadt war an diesem sonnigen Abend gut besucht und die warme Luft erfüllt von dem Stimmengewirr der vielen Menschen und dem Rauschen der vorbeifahrenden Autos auf der entfernten Straße. Ich ging über das alte Kopfsteinpflaster der Innenstadt und bewunderte die schöne, rote Bepflanzung an den Laternenpfählen. Dann erblickte ich das Café, in dem wir verabredet waren. Ich erkannte Annas inzwischen wieder blondes Haar, das wie feine Strähnen aus purem Gold über ihre Schultern fiel und ihr puppenhaftes Gesicht einrahmte. Sie lächelte mir strahlend entgegen und neben ihr sah ich einen großen grau-weißen Fleck, der sich bei näherer Betrachtung als Butterfly entpuppte. Die Pitbulldame wedelte aufgeregt mit ihrem Schwanz und wäre mir wohl am liebsten entgegengestürmt. Als ich bei den beiden ankam, umarmte ich Anna sofort und drückte mich an ihre zierliche Brust. Ich streichelte über ihre hervortretenden Schulterblätter und löste mich dann wieder von ihr.

„Schön dich zu sehen, Liebes", hauchte sie und ich wendete mich an die Hündin. Ich kniete mich zu ihr und Flys massiger Schädel drückte sich sogleich in meinen Schoß. Sie vergrub ihre nasse Schnauze in dem Stoff meines gelben Sommerkleides und schnaubte erfreut. Mein Herz schmerzte, sie zu sehen und ich zerwühlte ihr kurzes Fell um die Ohren und den Nacken, bis wir uns beide wieder beruhigt hatten.

„Es ist so toll, dass es ihr bei euch gut geht", sagte ich und richtete mich mit einem erleichterten Seufzen wieder auf.

„Die ersten Tage hat sie dich wirklich vermisst und gesucht, aber inzwischen hat sie sich gewöhnt und sie ist wieder glücklich. Und ich bin froh, wenn jemand nachts mit mir kuschelt, wenn Daniel Nachtschicht hat", flötete Anna fröhlich und der Klang ihrer Stimme war wie Balsam auf meiner Seele. Wir suchten uns draußen einen freien Tisch und setzten uns.

„Apropos. Wie läuft es denn bei euch?", fragte ich. Tatsächlich waren Anna und Daniel einige Monate, nach dem sie bei ihm eingezogen war, ein Paar geworden. Er hatte sie einfach nicht mehr gehen lassen und sie hatte ein Zuhause gefunden. Ich freute mich unheimlich für die beiden, denn sie waren wirklich ein schönes Paar.

„Sehr gut", Annas Wangen färbten sich leicht rot, doch sie wich meinem Blick nicht aus. Im Gegensatz zu mir stand sie stets zu ihren Gefühlen. Abgesehen davon stand ihr der rosane Hauch wirklich gut, "da gibt es auch etwas, dass ich dir sagen möchte. Am liebsten hätte ich es dir direkt geschrieben, aber ich fand es persönlich einfach besser."

Meine Augen weiteten sich und mein Herz schlug einen eifrigen Galopp an.

„Was denn?", fragte ich ungeduldig und rutschte auf meinem Stuhl hin und her. Bevor Anna das Geheimnis lüften konnte, kam eine kleine, quirlige Kellnerin, die ich in diesem Moment wirklich verfluchte. Wir bestellten uns ein Eis und jeder einen Latte macchiato. Als die Bedienung wieder gegangen war, sah sich Anna über beide Schultern um, als fürchtete sie, belauscht zu werden. Dann lehnte sie sich über den runden Metalltisch mit dem grün-weißen Mosaik auf der Oberfläche hinweg zu mir. Sie stützte ihre Ellbogen ab und ein aufgeregtes Funkeln erfüllte ihre hellen, graublauen Augen.

„Daniel hat mich gefragt, ob ich seine Frau werden will", flüsterte sie und ich sah, dass sie ihr breites Grinsen kaum unter Kontrolle halten konnte. Ich legte meine Hände an meine Wangen und öffnete meine Lippen zu einem stummen „OMG". Wenn mein Herz eben am Rennen war, dann sprintete es jetzt und sofort begann ich, vor Aufregung zu schwitzen. Am liebsten wäre ich aufgesprungen und wäre auf und abgehüpft.

„Was hast du geantwortet? Und wie hat er es gemacht? Erzähl mir alle Einzelheiten!", forderte ich sie auf und sah sie gespannt an. Wieder blickte sie sich suchend um und ich legte kurz meine Stirn in Falten, doch dann fand ihr Blick wieder meinen und ihr Lächeln kehrte auf ihre Lippen zurück.

„Er hat mich in ein Restaurant eingeladen. Eigentlich erst mal nichts Ungewöhnliches, weil er das ja öfters mal macht. Dann hat er sich aber plötzlich an seinem Wein verschluckt und ich dachte: was ist denn jetzt los? Ich bin rüber gegangen, um ihm auf den Rücken zu klopfen, da hat er plötzlich einen Silberring ausgespuckt", Anna lachte und verdrehte die Augen, „so ein Doofmann. Er sagte, dass der sich wohl ins falsche Glas verirrt hat und ihm doch gar nicht stehen würde. Dann ist er auf die Knie gegangen und das ganze Restaurant hat applaudiert. Ich schwöre dir, es war so peinlich." Ihre Wangen nahmen eine inzwischen dunkelrote Farbe an und sie hielt mir ihre Hand entgegen, an deren Ringfinger ein wunderschöner, filigran gearbeiteter Silberring mit einem eingefassten, funkelnden Steinchen steckte. Ich betrachtete das Schmuckstück und spürte, wie sich meine Augen langsam mit Tränen füllten. Es war so schön, sie so glücklich zu sehen. Zu wissen, dass sie nach ihrem langen, grausamen Weg endlich ihr Zuhause gefunden hatte. Einen Ort, an den sie gehörte und an dem sie geliebt und respektiert wurde. Doch gleichzeitig konnte ich auch den Neid nicht vollkommen abschalten, dass mir das alles nicht gegönnt war. Natürlich würde ich mir niemals wünschen, mit ihr zu tauschen. Ich wollte, dass Anna lächelte und um keinen Preis der Welt würde ich es in Gefahr bringen wollen. Dennoch erfüllte es mein sehnsüchtiges Herz auch mit bittersüßem Schmerz und der Frage, ob ich auch eines Tages so strahlen würde. Ob es für Liam und mich irgendwann auch ein Happyend gab?

„Ich freue mich so für dich", sagte ich und strich mir mit dem Daumen die Tränen fort, die aus meinen Augen kullern wollten, „wann werdet ihr heiraten?"

„Ein Termin steht noch nicht fest", antwortete sie, "aber wir wollen noch etwas warten, bis auch Liam aus dem Gefängnis ist und ihr etwas Fuß im Leben gefasst habt. Immerhin muss er den Junggesellenabschied für Daniel planen" sie grinste keck und ich rieb mir mit zwei Fingern die Schläfen.

„Oh je", sagte ich.

„Der würde zumindest dafür sorgen, dass alle in eine Schlägerei geraten, wenn ihn einer schief ansieht." Doch dann war ich mit meinen Gedanken auch schon bei der Hochzeit. Anna würde in einem engen, weißen Kleid sicher traumhaft aussehen. Und ich und Liam würden als Paar auftauchen. Er würde einen schicken Anzug tragen und ich ein Kleid passend zu seiner Krawatte. Plötzlich spürte ich, wie Annas dünne, kühle Finger sich um meine legten und als mein Blick ihren traf, sah sie mich besorgt an. Inzwischen kam auch die Kellnerin wieder und brachte  unsere Bestellung.

„Was ist denn?", fragte ich irritiert und wollte mich gerade über mein Schokoladeneis mit Schokoladensoße und Sahne hermachen, als Annas fragte:

„Hast du es ihm inzwischen gesagt?"

„Was?", fragte ich, obwohl ich die Antwort bereits kannte.

„Dass Balthasar nicht im Gefängnis ist."

Bei diesem Namen verging mir schlagartig der Appetit und ein schweres, beklemmendes Gefühl machte sich in meiner Brust breit.

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Anna und Daniel sind verlobt! Was haltet ihr von der Beziehung der beiden? :)

Dass Helena da ein bisschen neidisch ist, ist sicher auch verständlich. Aber warum sagt Helena Liam nicht, dass sein Vater auf freiem Fuß ist?

>>nächtes Kapitel: Noch nicht bereit

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