Unschuld Teil 3

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Dein Vater liebt dich, Tarn. Euch alle.

Seine Lippe war aufgerissen. Es musste so sein, weil rote Flüssigkeit aus seinem Mund tropfte und auf den Boden lief. Tarn nahm es wie durch einen Nebel wahr, völlig benommen von dem Faustschlag ins Gesicht. Im nächsten Moment traf ihn ein Tritt in die Rippen und schleuderte ihn über den groben Steinboden. Noch einer, und noch einer. Er stöhnte gequält auf und rollte sich herum, versuchte fort zu kriechen von den brüllenden Irren, der ihn, kaum dass er das Haus betreten hatte, niedergeschlagen hatte.

„Ich hab's dir gesagt, wenn ich dich jemals dabei erwische, wie du diesem Haus Schande bereitest, prügle ich sie aus dir heraus, du verdammte Missgeburt", brüllte er. Sein Gesicht war rot, fast fiebrig, seine Augen glasig. Zum Glück konzentrierte sich seine Wut nicht auf seine Geschwister, auch nicht auf ihre Mutter. Er hatte nur ein Ziel; ihm das heim zu zahlen, was er gesehen hatte. 

Es war nur ein Kuss.

„Hör auf! Lass ihn in Ruhe! Du bringst ihn um!", hörte er Arize schreien, und dann, wie sie mit ihrem Vater rang, bevor sie nach hinten geschleudert wurde und mit einem Aufschrei selbst auf dem Boden landete. Ihr Vater hielt sich nicht mit ihr auf, sondern folgte Tarn, trieb ihn vor sich her, bis der nur noch die nächste Wand in seinem Rücken fühlte. Aber wohin hätte er auch fliehen sollen?

Es war nur ein dummer Zufall gewesen, dass er sie gesehen hatte. Übermut, Unachtsamkeit, zu viel Aufregung. Er wusste nicht einmal, ob Rafael es aus Neugier zugelassen hatte, oder weil ihm wirklich etwas daran lag. Ob er wissen wollte, wie es sich anfühlte. So, wie Tarn es sich immer wieder vorgestellt hatte, seit er alt genug war, zu verstehen, was es überhaupt bedeutete, jemand nahe sein zu wollen.

Er kassierte noch mehr Schläge und Tritte, ziellos in ihrer sinnlosen Wut, und er blieb liegen, rollte sich zusammen; Widerstand war zwecklos. Was hätte er auch gegen einen zwanzig Jahre älteren Mann ausrichten können? Wie hätte er sich wehren sollen? Er wusste nicht einmal, was er getan hätte, wenn er gewagt hätte zurück zu schlagen. Wo hätte es aufgehört? Wie lange hätte er auf ihn einschlagen sollen, bis er ihn zufrieden ließ?

Endlich ließ sein Vater von ihm ab; für Erste zumindest. Aber er lauerte nur auf den nächsten Widerspruch, die nächste Verfehlung, die er bestrafen konnte.Er strich sich das dunkle Haar aus der Stirn, das ihm in die Augen gefallen war, fahrig und unkoordiniert. Seine Stimme senkte sich; er sprach leiser, aber das Schlingern, das subtile Lallen, war dadurch deutlicher. „Ich warne dich... wenn ich noch einmal sehe, dass du dich mit irgendwelchen Sodomiten abgibst, wird dir diese Tracht Prügel wie eine Gnade vorkommen. Hast du mich verstanden?"

Tarn sah auf zu seiner Mutter, die mit vor den Mund geschlagenen Händen regungslos da stand. Ihre braunen Augen waren weit aufgerissen, ihr Körper zitterte. Aber sie war so stumm und fügsam wie immer; kein Wort kam über ihre Lippen.

Hilf mir. Bitte.

Aber sie konnte ihm nicht helfen. Sie konnte nicht einmal sich selbst helfen.
„HAST DU MICH VERSTANDEN?!", brüllte sein Vater ihn an und trat noch einmal nach ihm.
Tarn wusste nicht einmal, wie es geschah; warum er sich nicht duckte, sondern den dreckigen Stiefel seines Vaters beiseite schlug, bevor er ihn treffen konnte.„Es ist nicht meine Schuld!", schrie er zurück, und plötzlich war er den Tränen nahe. „Ich kann's nicht ändern! Ich hab's versucht!"

Er hätte das nicht sagen sollen; niemals. Er hätte wissen müssen, was geschehen würde.

Dein Vater

Aber auf der anderen Seite, hätte er sonst jemals aufgehört, diese eine, kindische Lüge zu glauben?

liebt dich, Tarn.

Nirgendwo (BoyxBoy)Lies diese Geschichte KOSTENLOS!