Zwischenfall im Advent

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Kühn sah, dass in etwa hundert Metern Entfernung ein weiterer Anwohner vor sein Haus trat. Was, wenn sie recht hätte? Er sollte besser seine Kollegen anrufen.

„Sie können die Attentäter vielleicht noch fassen", trieb die Frau zur Eile an und zog an seinem Arm. „Es kann nicht lange her sein."

„Das sind Neider, ich sag es Ihnen", brummte der Alte. „Bestimmt aus dem Wohnblock am Kreisverkehr. Man weiß ja, was da im letzten Jahr für ein Volk einquartiert wurde. Was wissen die schon von Weihnachten. Ich hab immer gewusst, dass die irgendwann handgreiflich werden. Es gibt keine Ordnung mehr."

„Genau!", sagte die Frau.

„Unsinn!", meinte Kühn. „Immer schön sachlich bleiben!" Er spürte, dass er zu frieren begann.

Plötzlich war ein Klirren zu hören. Kurz, wie zerspringendes Glas. Kühn drehte den Kopf und sah noch, wie in dem Haus direkt neben ihnen schlagartig alle Fenster erloschen. Jeder Muskel in ihm spannte sich. Er lauschte. Da hörte er es, ein verräterisches Rascheln. Mit wenigen Schritten erreichte er den flachen Zaun, sprang darüber hinweg, stürmte auf einen Busch zu, warf sich dahinter und packte den Schatten, der sich dort zu verbergen suchte.

Es war ein Kind. Kühn war überrascht und lockerte seinen Griff. Es brauchte einige Sekunden, bis sich seine Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten. Dann erkannte er ihn.

„Tobi! Um Himmelswillen, Tobi, was machst du hier?", flüsterte er.

Tobi wimmerte eine unverständliche Antwort.

Sein eigener Sohn. Vor dem Zaun sammelten sich die Nachbarn und erwarteten den auf frischer Tat ertappten Bösewicht. Seinen Sohn! Noch verdeckte sie der Busch, doch durch nichts ließ sich verhindern, dass sie zur Straße zurückkehren mussten.

Er tastete nach Tobis Händen, fand die Schleuder und nahm sie an sich.

„Und die Munition?", zischte er.

Tobi zog einen zerknitterten Gefrierbeutel hervor. Er war bis zur Hälfte gefüllt mit Haselnüssen. Es gab nichts mehr zu tun als einfach aufzustehen. Er nahm seinen Sohn auf den Arm.

„Augen zu und durch", raunte er ihm ins Ohr. Erstaunt stellte er fest, dass es ihm nicht gelang, wütend zu sein. Er fühlte sich, als hätte er selbst die Nüsse in die Schleuder gelegt. Zu Hause angekommen, würde sich diese Stimmung ganz sicher ändern.

„Es war nur ein Kinderstreich", sagte Kühn, als er den Zaun erreicht hatte. „Sie können alle wieder in ihre Häuser gehen. Wie wir den Schaden regeln, darüber reden wir morgen." Mit ruhigen Schritten ging er an den Nachbarn vorbei und die Straße hinunter.

„Das ist ein Ding", hörte er die Frau. „Mit was für Leuten man hier zusammen lebt. Da ist das letzte Wort noch nicht gesprochen. Der Polizistensohn! Macht uns Weihnachten kaputt. Unglaublich!"

„Ich hab es ja immer gesagt, es gibt keine Ordnung mehr", ergänzte der Alte. „Das Früchtchen hat eine gehörige Tracht Prügel verdient, aber ..."

Später stand Tobi heulend mitten im Wohnzimmer. Sein Vater lief ungeduldig hin und her.

„Was hast du dir dabei gedacht?", fragte er zum wiederholten Mal. Ein Schluchzen war die Antwort.

„Erklär mir das. Warum zerstörst du die Lichterketten?"

„Ich wollte ..."

„Ja? Da bin ich aber gespannt."

„Es ist zu viel."

„Was ist zu viel?"

„Das Licht. Es ist zu hell!"

Zwischenfall im AdventWhere stories live. Discover now