„Ich bin Nero Rosenthal. Und wer ist die hilfsbereite, aber leicht freche Dame?" Ich legte meine Hand in seine und seine warmen Finger schlossen sich sanft aber bestimmend um sie. Er schüttelte sie kurz und ließ sie dann wieder los.

„Helena Weiß", stellte ich mich vor und deutete nach rechts zur Wand, "ich schätze, ich bin deine neue Nachbarin. Wenn du oben aus dem Fenster schaust, kannst du über unsere Gärten hinweg direkt zu meinem Zimmer sehen."

Seine schwarzen Augen funkelten interessiert und ein herausforderndes Grinsen erschien auf seinen geschwungenen Lippen.

„Das heißt, ich kann dich beobachten, wie du dich umziehst? Irgendwo hatte ich doch noch ein Fernglas", er sah sich nach seinen Kartons um und ich kämpfte die Röte nieder, die heiß in meine Wangen steigen wollte. Bleib cool, Helena, sagte ich mir. Sei souverän. Sei erwachsen. Vielleicht würde mir ein schlagfertiger Spruch einfallen, doch am Ende klappte nur mein Mund auf, ohne dass mir etwas Schlaues in den Sinn gekommen war.

„Kann ich mich vielleicht mit einem Kaffee oder einem Tee für deine Hilfe revanchieren?", rettete mich Scar, der sich als Nero entpuppt hatte, aus meiner offensichtlich peinlichen Lage und ich nahm diese Hilfe dankbar an.

„Mach dir keine Umstände. Du musst für mich jetzt nicht extra die Kaffeemaschine suchen", winkte ich ab.

„Nein, die ist tatsächlich schon aufgebaut", Nero kniete sich zu den Kartons, die ich hereingetragen hatte, und öffnete sie. Ein Sammelsurium an Tassen mit diversen lustigen Motiven kam zum Vorschein, genauso wie eine Holzschachtel, in der viele verschiedene Teesorten aufbewahrt waren. Er nahm zwei der Tassen und den Tee heraus.

„Komm", forderte er mich wie selbstverständlich auf, als er sich wieder aufrichtete, und ging voran. Ich folgte ihm durch das Wohnzimmer in die Küche, an deren Wände noch beige Tapeten mit Kannen und Töpfen drauf prangten. Auch die alte, rustikale Eichenholz-Küche von unseren vorherigen Nachbarn war noch hier. Obwohl alles mit Kisten und Tüten vollstand, war zumindest schon die schwarze Kaffeepad-Maschine aufgestellt und an die vergilbten Steckdosen angeschlossen.

„Helena", sagte Nero gedehnt und ließ sich meinen Namen förmlich auf der Zunge zergehen, während er mir Kaffee oder Tee zur Wahl anbot. Ich tippte mit dem Finger auf den Tee.

„Wie die Helena von Troja?" Ich verengte meine Augen. Liam hatte mich auch schon mit ihr verglichen.

„Nero, wie der tyrannische, römische Kaiser?", fragte ich zurück und erntete dafür ein tiefes Lachen.

„Nein, ich glaube nicht, dass meine Eltern mich nach dem benannt haben", erwiderte er dann und ließ die Kaffeemaschine mein Teewasser aufbrühen. Mit lautem Knattern und Zischen verließ es dampfend den Apparat, „Nero bedeutet ‚der Starke' oder ‚der Schwarze'. Ich war ein kräftiger Bursche, als ich zur Welt kam, und hatte schon immer so dunkles Haar. Das hat meine Eltern inspiriert."

„Du bist immer noch ein kräftiger Bursche", nuschelte ich in mich hinein und wurde von der Kaffeemaschine übertönt, sodass Nero sich mit einem fragenden „Wie bitte?" zu mir wendete.

„Nichts, nichts", sagte ich und nahm ihm die Tasse ab. Aus dem Holzkästchen wählte ich einen sommerlichen Früchtetee. Sofort breiteten sich rote Wolken von ihm aus, als ich ihn in das heiße Wasser tauchte.

„Eigentlich ist es viel zu heiß für warme Getränke. Aber der Kühlschrank ist noch nicht angeschlossen und abgesehen von Kranwasser könnte ich dir sonst nichts anbieten", er schürzte seine Lippen, während er sich nun daran machte sich selbst einen Kaffee zu kochen. Ich lehnte mich gegen die Küchenzeile und beobachtete ihn. Er war ziemlich groß. Ein richtiger Berg von Mann und ein muskulöser noch dazu. Wäre ich ihm nachts auf der Straße begegnet, hätte ich garantiert die Straßenseite gewechselt. Dabei waren sein Gesicht und seine Augen eigentlich so warm und freundlich.

„Sag mal", begann Nero erneut, als er sich nun mit dem fertigen Kaffee in der Hand zu mir drehte. Ein amüsierter Glanz lag in seinen Augen und sein Blick wanderte immer wieder an mir hinab bis zu meinem Dekolletee, welches meine nicht ganz zugeknöpfte, hellblaue Bluse ziemlich betonte. Aber sicher nicht so provokant, dass er dort hinstarren musste!

„Ja?", fragte ich und warf die Stirn in Falten.

„Hast du eigentlich Angst vor Spinnen?"

„Ja, ... Panische. Warum?"

Ein ungutes, misstrauisches Gefühl beschlich mich, als ich seinem Blick hinab zu meinen Brüsten folgte.

„Weil sich gerade eine für deinen Ausschnitt interessiert", hörte ich Nero noch sagen, doch da wurde der Raum schon von meinem spitzen Schrei erfüllt und ich warf meine Tasse nahezu durch die Luft, nur um dann hüpfend und panisch nach dem kleinen, schwarzen Punkt zu schlagen, der drauf und dran war in meiner Bluse zu verschwinden.

„Stop! Halt still!", rief Nero, der gerade seine Tasse wegstellen wollte. Doch da geschah das Unvermeidliche und ich erwischte sie mit meinem fuchtelnden Arm, während ich immer noch ein aufgelöstes, schrilles Quietschen von mir gab. Die heiße, schwarze Brühe verteilte sich auf seinem weißen Shirt und hinterließ dort einen großen, braunen Fleck. Zischend vor Schmerz aber geistesgegenwärtig zog Nero es schnell über den Kopf aus und warf es als weiß-braunes Knäuel in die Ecke.

„Oh Gott! Tut mir leid!", krähte ich, während ich immer noch mit den Händen wedelte. Die Spinne hatte ich nicht erwischt. Sie war weg und ich reckte mein Kinn in die Höhe wie ein Ertrinkender, als könne mir das Insekt so weniger ins Gesicht springen. Wo war sie?!

„Halt doch mal still!", mahnte mich Neros bassige Stimme, als er nun nach meinen Oberarmen griff, um mich zu fixieren, „du bringst das arme Tierchen noch um."

Mit Tränen in den Augen blieb ich wie paralysiert stehen.

„Hilfe", quäkte ich, ehe ich meine Lippen zu einem schmalen Strich zusammenpresste. Die Hitze, die Neros nackter Körper ausstrahlte, war nahezu unerträglich, als er nah an mich herantrat und seine Hand anhob. Er formte mit Zeigefinger und Daumen eine greifende Geste und sah mit seinen obsidianschwarzen Augen in meine. „Darf ich?"

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Uh lala, wenn Liam das wüsste, wäre aber was los.  Es ist traurig, dass Helena mit ihrem neuen Nachbarn rumblödeln kann, während Liam einsam im Gefängnis sitzt, oder?

Was haltet ihr von Nero, nachdem ihr ihn ja jetzt etwas besser kennengelernt habt?

>>nächstes Kapitel: Nur etwas Ablenkung

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