4 - Scar

1.4K 128 90

„Das musst du erst noch beweisen. Bisher weiß ich nur, dass du faul bist. Du würdest dir wohl lieber beide Arme brechen, als zwei Mal zu laufen, oder?", neckte ich und unterstrich meine Worte mit einem Augenzwinkern, damit er sie nicht in den falschen Hals bekam.

„Ich bin nicht faul, ich bin effizient", korrigierte er mich und entblößte eine strahlend weiße Zahnreihe, wobei sich kleine Grübchen in seinen Wangen bildeten. Ich lachte und nahm ihm noch ein weiteres Paket ab, damit er wenigstens sehen konnte, wo er hintrat.

„Vielen Dank", sagte unser neuer Nachbar, dem ich in meinen Gedanken schon den Spitznamen „Scar" verpasste. Nicht nur wegen seiner schwarzen Mähne und den gefährlich funkelnden Augen, sondern auch wegen der auffälligen Narbe und seiner tiefen Stimme. Ich sah ihn genau vor mir, wie er hauchte: „Lang lebe der König". Vielleicht hatte ich zu viele Disneyfilme geschaut. Aber wenn Scar ein Mensch wäre - dann wäre er dieser Mann. Und welche Disneyprinzessin wäre ich? Wahrscheinlich wäre ich Belle. Und Liam war mein Biest.

„Willst du mit meinen Paketen da Wurzeln schlagen?", riss mich Scars raue Stimme aus meinen Gedanken. Er war bereits losgegangen und stand in der offenen Haustür. Seine Stirn war leicht in Falten gelegt und die durchbrochene Augenbraue in die Höhe gezogen.

„Ja, ich finde es hier so schön in deiner Einfahrt. Ich dachte ich bleibe einfach hier stehen", lachte ich entschuldigend und setzte mich endlich in Bewegung. In den braunen Kartons klimperte es leise, als ich auf ihn zuging. Schien, als hätte ich etwas Zerbrechliches in meinen Händen. Hoffentlich fiel ich nicht hin und zerstörte teures Geschirr. Wäre mir ja zuzutrauen. Doch zu meinem Glück überschritt ich die Türschwelle ohne eine Katastrophe und stellte die Sachen auf den Boden nahe der Wand ab. Als ich mich aufrichtete, stemmte ich die Hände in meine Hüften und streckte meinen Rücken etwas durch. Ich nutzte den Moment, um mich unauffällig umzusehen. Die alten, vergilbten, orange-braun gemusterten Tapeten des älteren Ehepaars, das bis vor einem Jahr noch hier gelebt hatte, waren immer noch an den Wänden. Auch der cremefarbene Teppich hatte noch keine Neuerung erfahren. Es roch ein bisschen modrig und Spinnenweben sammelten sich in den Ecken. Wir befanden uns in einem kleinen Vorraum, von dem aus man das Wohnzimmer erreichte, doch ich hatte wenig Hoffnung, dass es dort besser aussehen würde.

„Hübsch hast du es hier", schmunzelte ich und Scar fuhr sich mit beiden Händen durch sein dunkles Haar, während er die Luft geräuschvoll ausstieß.

„Ich bin noch nicht zum Renovieren gekommen. Mein ehemaliger Vermieter hat Eigenbedarf angemeldet und meinen Mietvertrag gekündigt. Aber bei den Mietpreisen dachte ich mir, dass ich mir auch gleich was eigenes kaufen kann. Das Haus hier war kürzlich erst im Preis runtergesetzt worden - da hab ich zugeschlagen. Allerdings blieb dann keine Zeit mehr zum Renovieren. Deswegen muss das alles jetzt parallel passieren. Ich will erstmal alles ins Wohnzimmer stellen. Dann kann ich im Schlafzimmer und in der Küche die Tapeten und den Boden neu machen. Am liebsten würde ich auch die Heizung erneuern und die Bäder sanieren, aber ich schätze, vorerst muss ich mich auf die einfachen Arbeiten konzentrieren", erklärte er mir und sah sich dabei um, als könne er schon vor seinem inneren Auge ganz genau sehen, wie es hier eines Tages aussehen würde. Als er seine Arme zufrieden vor seiner Brust verschränkte, spannte sich der Stoff seines weißen T-Shirts um seine muskulösen Oberarme und die Sehnen an seinen Unterarmen traten leicht hervor. Diese Arme wären sicher nicht gebrochen, auch wenn sie alle Pakete alleine getragen hätten. Ich ertappte mich dabei, wie ich seine breite Brust musterte und seinen definierten Hals. Sein Bartschatten reichte bis unter sein Kinn, an welchem ich ebenfalls eine kleine, weiße Narbe erkannte. Oh man, Helena, Liam saß wirklich schon zu lange im Gefängnis. Mühsam riss ich meinen Blick los, bevor er ihn bemerkte.

„Wo bleiben denn meine Manieren?", Scar trat plötzlich nah an mich heran und ich musste den Drang unterdrücken, instinktiv einen Schritt zurückzuweichen. Doch er hielt mir einfach nur seine große, gebräunte Hand entgegen.

BEFREIE MICHLies diese Geschichte KOSTENLOS!